Die Inuit und das dänische Schweigen – Grönlands Spiralkampagne
Shownotes
In dieser Folge reisen wir nach Grönland – nach Kalaallit Nunaat. Es geht um eine Geschichte, über die lange kaum öffentlich gesprochen wurde: die sogenannte Spiralkampagne.
Ab den 1960er-Jahren wurden tausenden grönländischen Mädchen und Frauen Spiralen eingesetzt. In vielen dokumentierten Fällen geschah das ohne ausreichende Aufklärung, ohne wirksame Einwilligung, ohne Wissen der Eltern oder gegen den Willen der Betroffenen. Viele der Mädchen waren minderjährig, einige erst zwölf, dreizehn oder vierzehn Jahre alt.
Diese Folge erzählt die Geschichte hinter diesem dänisch-grönländischen Kapitel: von der Kolonialgeschichte Grönlands über die Modernisierungsprogramme nach dem Zweiten Weltkrieg, die sogenannten Experimentkinder von 1951, die Bevölkerungspolitik der 1960er-Jahre, die Berichte der Betroffenen, das jahrzehntelange Schweigen, die DR-Recherche von 2022, die unabhängige Untersuchung, die offizielle Entschuldigung Dänemarks und die spätere Entschädigungsregelung.
Es ist eine Geschichte über Macht, Medizin, koloniales Denken und darüber, was passieren kann, wenn Menschen nicht mehr als einzelne Personen mit Rechten gesehen werden, sondern als Zahlen in einer Planungstabelle.
Inhaltswarnung: In dieser Folge geht es um koloniales Unrecht, medizinische Eingriffe an Minderjährigen ohne wirksame Einwilligung, fehlende Aufklärung, körperliche und seelische Verletzungen, Schwangerschaftsabbrüche, ungewollte Kinderlosigkeit und die langfristigen Folgen institutioneller Gewalt. Bitte passt gut auf euch auf und entscheidet selbst, ob ihr diese Folge heute hören möchtet.
Hinweis zur Einordnung:
Alle Fakten dieser Folge beruhen auf offiziellen Untersuchungen, historischen Dokumenten, journalistischen Recherchen und Aussagen von Betroffenen. Persönliche Erinnerungen und Schilderungen einzelner Menschen werden in der Folge ausdrücklich als solche eingeordnet.
Kapitel dieser Folge:
• Ankommen in Kalaallit Nunaat • Die dänische Kolonialgeschichte Grönlands • Die Experimentkinder von 1951 • Grönland nach 1953 • Modernisierung, G-50, G-60 und Blok P • Bevölkerungspolitik und der Beginn der Spiralkampagne • Die Eingriffe und die Berichte der Betroffenen • Körperliche und seelische Folgen • Naja Lyberth und das Brechen des Schweigens • Die DR-Recherche von 2022 • Klage, Untersuchung und politische Aufarbeitung • Die Entschuldigung Dänemarks • Entschädigung und Verantwortung • Medizinethik und informierte Einwilligung
• Das dänische Schweigen
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Weitere verwendete Audioelemente, Sounds oder Medien stammen gegebenenfalls aus PowerDirector 365. Auch hierfür lag mir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die erforderliche Lizenz vor.
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Das Titelbild sowie der Gesang und die musikalische Umsetzung der Titelmusik wurden mithilfe generativer künstlicher Intelligenz erstellt. Der Liedtext stammt vollständig von mir.
Die Musik dieser Folge wurde von mir selbst erstellt. Verwendete KI-gestützte Musik und musikalische Elemente wurden mit Suno erstellt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag mir die entsprechende Nutzungslizenz vor.
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QUELLEN: • DR / Danmarks Radio: Podcast-Serie „Spiralkampagnen“ von Celine Klint und Anne Pilegaard Petersen, Mai 2022. • Unabhängige dänisch-grönländische Untersuchung zur Praxis der Empfängnisverhütung in Kalaallit Nunaat / Grönland im Zeitraum 1960 bis 1991, veröffentlicht im September 2025. • Statsministeriet / dänische Regierung: Erklärungen und Pressemitteilungen zur offiziellen Entschuldigung in der Spiralsache, September 2025. • KNR / grönländischer Rundfunk und Sermitsiaq: Berichterstattung zur Untersuchung, zur Entschuldigung und zur politischen Aufarbeitung in Grönland. • Tagesschau: „Zwangsverhütung in Grönland: Eine lang erwartete Entschuldigung“, 24.09.2025. • ZDF heute: „Zwangsverhütung in Grönland: Dänemark entschuldigt sich“, 28.08.2025. • Deutsches Ärzteblatt: Berichterstattung zur offiziellen Entschuldigung Dänemarks bei Grönländerinnen, 25.09.2025. • Deutsches Ärzteblatt: Berichterstattung zur Entschädigung der Opfer von Zwangsverhütung in Grönland, 11.12.2025. • Reuters: Berichte zur Entschuldigung Dänemarks und zur späteren Entschädigungsregelung für betroffene grönländische Frauen, 2025. • Associated Press: Berichterstattung zur unabhängigen Untersuchung und zur Entschädigungsregelung, 2025. • BBC News: Berichterstattung zur Spiralkampagne, zur dänisch-grönländischen Untersuchung und zur Entschuldigung Dänemarks. • NZZ: Reportagen und Hintergründe zur Spiralkampagne in Grönland, unter anderem zu Betroffenen, Aufarbeitung und kolonialem Kontext, 2025. • SRF: „Spiralen-Skandal: Dänemark entschuldigt sich bei Grönländerinnen“, Echo der Zeit, August 2025. • Süddeutsche Zeitung: Porträt und Berichterstattung zu Naja Lyberth und den betroffenen Frauen, 2024. • Polarkreisportal: Beiträge zur Entschuldigung, zur Zeremonie in Nuuk und zur Entschädigung für Betroffene der Spiralkampagne, 2025. • fluter / Bundeszentrale für politische Bildung: Interview und Hintergrund zum grönländischen Kinderexperiment von 1951 und Helene Thiesen, 2022. • BBC News: „Denmark apologises to children taken from Greenland in a 1950s social experiment“, 08.12.2020. • Deutsche Welle: „Grönland und Dänemark: Wie Skandale die Beziehung belasten“, 29.01.2025. • Der Nordschleswiger: Hintergrund zum Kinderexperiment in Grönland, 2021. • Ergänzend zur historischen Einordnung: Überblicksdarstellungen zu Hans Egede, dänischer Kolonialpolitik in Grönland, Thule-Umsiedlung, Heimregierung 1979, erweiterter Selbstverwaltung 2009 und dem Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland.
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Transkript anzeigen
00:00:03: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Chronik der Schatten.
00:01:03: Schön, dass ihr wieder dabei seid!
00:01:05: Ich hoffe es geht euch allen gut.
00:01:07: Bevor wir in diese Geschichte eintauchen möchte ich kurz etwas zur Aussprache sagen... In dieser Folge kommen einige Begriffe und Namen vor, die nicht aus dem Deutschen stammen.
00:01:16: Ich habe mich lange damit beschäftigt und werde versuchen sie so korrekt wie möglich auszusprechen.
00:01:21: Trotzdem kann ich natürlich nicht mit absoluter Sicherheit sagen ob mir das immer vollständig gelingen wird!
00:01:27: Falls mir also eine Aussprache nicht ganz sauber gelingt dann passiert es nicht aus Nachlässigkeit sondern trotz sorgfältiger Vorbereitung.
00:01:36: Heute reisen wir weit in den Norden Dorthin, wo das Eis das Land formt.
00:01:41: Wo im Winter wochenlang die Sonne fehlt und wo Menschen seit Jahrhunderten gelernt haben mit einer der härtesten Umgebungen der Erde zu leben!
00:01:49: Wir reisen nach Grönland – nach Kallalad nunat wie das Land auf gründländisch heißt.
00:01:55: Das Land der Kallalaad, der Grönländer.
00:01:59: Heute geht es nicht um Eisbären, um Polarlichter oder die alten Sagen der Inuit von denen es viele gebe.
00:02:05: Heute geht's um eine Geschichte, die lange kaum öffentlich erzählt wurde – eine Geschichte die nicht selbstverständlich in Schulbüchern stand über die in vielen Familien jahrzehntelang geschwiegen wurde und die erst vor wenigen Jahren mit voller Wucht in die Öffentlichkeit kamen durch Frauen, die irgendwann beschlossen ihr Schweigen zu brechen.
00:02:24: Es ist die Geschichte von tausenden grünländischen Mädchen und Frauen, denen Spiralen eingesetzt wurden.
00:02:29: In vielen dokumentierten Fällen ohne ausreichende Aufklärung, ohne wirksame Einwilligung, ohne Wissen der Eltern oder gegen den Willen der Betroffenen.
00:02:38: Mädchen, die teilweise erst zwölf, dreizehn- oder vierzehn Jahre alt waren.
00:02:43: Es ist die Geschichte eines Staates und eines Gesundheitssystems, die über die Körper von Menschen entschieden, die sie angeblich schützen wollten.
00:02:52: In dieser Folge geht es um Koloniales Unrecht, medizinische Eingriffe an Minderjährigen ohne wirksame Einwilligung fehlende Aufklärung körperliche und seelische Verletzungen Schwangerschaftsabbrüche ungewollte Kinderlosigkeit und die langfristigen Folgen institutioneller Gewalt.
00:03:19: Wenn euch diese Themen besonders nahe gehen passt bitte gut auf euch auf und entscheidet selbst ob ihr diese Folge heute hören möchtet.
00:03:31: Eine Sache ist mir wie immer wichtig bevor wir beginnen.
00:03:34: Ich sage Sie euch hier am Anfang und dann gilt sie für die gesamte Folge.
00:03:38: Alles was ihr heute hört, beruht auf belegbaren Fakten – offiziellen Untersuchungen, historischen Dokumenten, journalistischen Recherchen und den Aussagen von Betroffenen selbst!
00:03:49: Wo ich persönliche Erinnerung und Schilderungen einzelner Menschen wiedergebe, sage ich das ausdrücklich dazu.
00:03:58: Sie sind wahr für die Menschen, die sie tragen und in diesem Fall decken sich viele dieser Berichte mit dem Gesamtbild das spätere Untersuchungen bestätigten.
00:04:07: Trotzdem sollte ihr jederzeit wissen worauf ihr gerade steht – auf Dokumenten, auf Zahlen, auf offiziellen Ergebnissen oder auf persönlichen Erzählungen.
00:04:16: Alle Quellen findet ihr wie immer in den Show-Notes!
00:04:19: Dann lasst uns aufbrechen in Die Schatten des Nordens.
00:04:39: Um zu verstehen, was im Grönland der nineteenhundertsechziger Jahre geschah müssen wir viel früher ansetzen.
00:04:45: Im Jahr siebzehnhunderteinundzwanzig.
00:04:48: In diesem Jahr landet ein norwegisch-denischer Farrer namens Hans Egede an der Westküste Grönlands.
00:04:54: Er kommt im Auftrag der dänischen norwegischen Krone und mit einem religiösen Ziel.
00:04:59: Er sucht die Nachfahren der alten nordischen Siedler, die Jahrhundarte zuvor auf Grön Land gelebt hatten.
00:05:04: Egedde will sie zum lutterischen Glauben bekehren!
00:05:07: Diese Nachfahren findet er nicht.
00:05:09: Die nordischen Siedlungen waren längst untergegangen.
00:05:13: Was erfindet sind die Inuit, Menschen deren Vorfahren über die Arktis nach Grönland gekommen waren und die dort seit Jahrhunderten lebten – als Jäger, als Fischer, als Familien, als Gemeinschaften.
00:05:25: Sie hatten eigene Sprachen, eigene Traditionen, eigene Glaubensvorstellungen, eigene Form von Wissen.
00:05:32: Wissen über Eis, wissen über Wetter!
00:05:34: wissen über Tiere, Küsten, Jahreszeiten und Überleben.
00:05:39: Egede bleibt!
00:05:40: Er gründet eine Missions- und Handelstation aus der später Newcare vorgeht – die heutige Hauptstadt Grönlands.
00:05:47: Mit ihm beginnt die dänisch-norwegische und später denische Kolonialherrschaft über die Insel.
00:05:53: Diese Koloniale Herrschaft wurde lange anders erzählt als viele andere Kolonielgeschichten.
00:05:58: Dänemark inszenierte sich über Generationen als milder für sorgliche Koloniamacht.
00:06:03: Der Handel mit Grönland wurde staatlich kontrolliert.
00:06:06: Die Insel wurde weitgehend von der Außenwelt abgeschottet.
00:06:10: Offiziell sollte das die Inuit vor schädlichen Einflüssen schützen, die Grünenländer sollten Grönländer bleiben – Robbenjäger, Fischer, Bewohner kleiner Küstensiedlungen.
00:06:20: Auf den ersten Blick klingt diese Form von Kolonialpolitik weniger brutal als Eroberungskriege, Plantagenwirtschaft oder offene Vernichtung.
00:06:29: Doch genau darin liegt ein wichtiger Punkt Paternalismus kann sehr leise auftreten.
00:06:34: Er kommt nicht immer mit Soldaten, manchmal kommt er mit Akten, Pastoren, Ärzten, Handelsverträgen und der festen Überzeugung besser zu wissen was für andere Menschen gut ist.
00:06:45: Über lange Zeit entschieden dänische Beamte, Pasturen, Händler und Ärzte darüber was in Grönland geschehen sollte – die Inuit selbst wurden viel zu selten gefragt.
00:06:55: Schaut man genauer hin, erkennt man in dieser frühen Zeit bereits die Struktur die später verhängnisvoll wird.
00:07:01: Der gesamte Handel lief über den königlich-grönländischen Handel ein staatliches Monopol.
00:07:07: Dieses System bestimmte welche Waren nach Grönland kamen, was die Menschen kaufen konnten und zu welchen Bedingungen sie ihre Produkte verkauften.
00:07:15: Reisen nach Grünland waren stark reglementiert – die Mission prägte das geistige Leben.
00:07:20: Alte Glaubensvorstellungen, Schamanismus und traditionelle Praktiken wurden zurückgedrängt, teils verboten, teilst durch Kirche und Schule
00:07:28: verdrängt.".
00:07:29: Vieles von dem, was wir heute über die alte Geisterwelt der Inuit wissen, kennen wir paradoxerweise aus Aufzeichnungen von Missionaren, dänischen Forschern und Kolonialbeamten.
00:07:39: Menschen, die diese Welt dokumentierten, wären dieselbe Koloniale Ordnung dazu beitrug sie zu verändern oder verschwinden zu lassen.
00:07:48: Gleichzeitig ist diese Geschichte vielschichtig.
00:07:50: Es gab in Grönland früh Schulen.
00:07:52: es gab eine grönländischsprachige Zeitung.
00:07:55: später entstanden gewählte Rähte mit beratenden Funktionen.
00:07:58: Genau daraus speiste sich das dänische Selbstbild, dass uns in dieser Folge noch beschäftigen wird.
00:08:04: Wir waren die Guten – wir haben geschützt!
00:08:07: Wir haben gebildet und wir haben
00:08:09: geheilt!".
00:08:10: Der Gedanke, dass Schutz ohne echte Mitsprache eine Form von Entmündigung sein kann, kam in der dänischen Öffentlichkeit erst sehr viel später wirklich an.
00:08:20: Der Zweite Weltkrieg verändert dann alles.
00:08:23: Dänemark wird nineteenhundertvierzig von Deutschland besetzt.
00:08:26: Die Verbindung nach Grünland reist ab….
00:08:28: Während des Krieges übernehmen die USA faktisch Versorgung und Schutz der Insel.
00:08:33: Dabei wird deutlich, wie strategisch wichtig Grünland ist – mitten in der Arktis zwischen Nordamerika und Europa mit Wetterstationen, Schifffahrtsrouten und militärischer Bedeutung!
00:08:45: Als der Krieg endet, ist klar das alte abgeschottete Kolonial Grönland kann es so kaum weiter geben.
00:08:52: Die Welt schaut anders auf.
00:08:53: Kolonialeiche, die Vereinten Nationen entstehen Kolonialmächte geraten zunehmend unter Rechtfertigungsdruck.
00:09:01: Dänemark steht vor einer Entscheidung, Grönland langfristig in Richtung größerer Eigenständigkeit gehen lassen oder die Insel enger an das Königreich binden und massiv modernisieren.
00:09:13: Kopenhagen wählt den zweiten Weg – damit beginnt das Kapitel, indem unsere eigentliche Geschichte ihren Anfang nimmt!
00:09:35: Bevor wir zur Spiralkampagne kommen, müssen wir über ein Ereignis sprechen das wie ein Vorzeichen wirkt.
00:09:41: Es zeigt mit welcher Selbstverständlichkeit dänische Behörden damals über grönländische Menschen verfügten – sogar über Kinder!
00:09:49: Im Jahr neunzehntunderteinundfünfzig legt das Schiff MS-Disco in Grönland ab.
00:09:54: Am Bord sind zwanziggrönlendische Kinder.
00:09:57: Die meisten sind etwa fünf bis neun Jahre alt.
00:09:59: Sie werden nach Dänemark gebracht.
00:10:01: Die Idee dahinter klingt in den Akten der Zeit fast wohlmeinend.
00:10:05: Die Kinder sollen in Dänemark Sprache, Bildung und Kultur kennenlernen.
00:10:10: Später sollen sie nach Grönland zurückkehren und dort eine Art dänischsprachige Elite beim Aufbau eines modernen Grönlands helfen.
00:10:17: Ausgewählt wurden vor allem Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen viele von allein erziehenden Müttern.
00:10:23: Nach späteren Aufarbeitungen wurden Eltern teils überredet.
00:10:27: Teils stand ein deutliches Machtgefälle im Raum.
00:10:30: Viele verstanden offenbar nicht vollständig, worauf sie sich einließen.
00:10:34: Einige glaubten ihre Kinder kämen nur vorübergehend fort und hätten danach bessere Chancen.
00:10:39: Was Dankischer es gut dokumentiert unter anderem weil eine der Betroffenen Helene T später jahrzehntelang dafür kämpfte dass diese Geschichte anerkannt wurde.
00:10:49: Sie war sieben Jahre alt als man sie von ihrer Mutter trennte.
00:10:52: Nach ihrer öffentlichen Schilderung, und das ist hier eine persönliche Erinnerung, weinten viele Kinder während der Reise und in der ersten Zeit in Dänemark.
00:11:00: Sie kamen zunächst in ein Heim- bzw Ferienlager später in Pflegefamilien.
00:11:06: Sie verloren den rechtmäßigen Kontakt zu ihren Familien und viele verlernten ihre Muttersprache.
00:11:12: Nach etwa anderthalb Jahren wurden die meisten Kinder nach Grönland zurückgebracht – doch sie kamen nicht einfach zurück in ihre Familien!
00:11:19: Viele wurden in einem Kinderheim in Njuuk untergebracht, wo weiter Dänisch gesprochen wurde.
00:11:24: Der Kontakt zu ihren Angehörigen blieb eingeschränkt und die Trennung hatte tiefe Spuren hinterlassen.
00:11:29: Einige Kinder hatten in Dänemark so stark Dänish gelernt und ihre eigene Sprache soweit verloren, dass sie sich mit ihren eigenen Müttern nicht mehr selbstverständlich verständigen konnten.
00:11:39: Sechs Kinder blieben in Dnemark und wurden adoptiert – unter Umständen, die später kritisch bewertet wurden.
00:11:47: Das Experiment galt schon nach kurzer Zeit als gescheitert.
00:11:50: Die erhoffte dänischsprachige Elite entstand nicht, entstanden waren gebrochene Biografien.
00:11:55: Spätere Aufarbeitungen kamen zu dem Ergebnis das viele der Zweiundzwanzig Kinder schwer unter den Folgen litten – etliche Staben früh!
00:12:03: Helene Tee erfuhr erst nineteenzeixend neunzig aus Archivunterlagen warum sie damals überhaupt fortgebracht wurde.
00:12:11: Erst im Dezember zwanzig entschuldigte sich die dänische Regierung schriftlich bei den Betroffenen.
00:12:16: Im März, twenty-twoundzwanzig reiste Ministerpräsidentin Mette Frederiksen nach Njuuk und sprach die Entschuldigung persönlich aus.
00:12:24: Vor den damals noch sechs lebenden sogenannten Experimentkindern.
00:12:28: Sie erhielten zudem eine Entschädigung von je zweihundertfünfzigtausend dänischen Kronen – das sind umgerechnet ungefähr dreidreißigtausendsvierhundertfünftig Euro.
00:12:38: Allerdings gab es die erst nach juristischem Druck durch die Betroffenen.
00:12:42: Merkt euch dieses Muster, wir werden es wiedersehen.
00:12:45: Ein staatliches Programm mit angeblich guten Absichten.
00:12:48: Entscheidungen über die Köpfe der Betroffenen hinweg!
00:12:51: Jahrzehnte des Schweigens – Anerkennung erst als die betroffenen Alt geworden waren und der öffentliche Druck zu groß wurde.
00:13:13: Zwei Jahre nach den Experimentkindern im Jahr neunzehntundertreiundfünfzig ändert Dänemark seine Verfassung.
00:13:19: Grünland ist von diesem Moment an offiziell keine Kolonie mehr.
00:13:23: Die Insel wird als gleichberechtigter Teil des dänischen Königreichs geführt, als sogenanntes Amt.
00:13:29: Vergleichbar mit einem Verwaltungsbezirk Auf dem Papier sind die Grönländer nun dänische Staatsbürger mit denselben Rechten wie Menschen in Kopenhagen, Oahus und Odensee auf den Papier.
00:13:40: In der Praxis bleibt das Gefälle bestehen.
00:13:43: Entscheidende Posten in Verwaltung, Gesundheitswesen und Wirtschaft sind weiterhin häufig mit denen besetzt.
00:13:49: Dänisch bleibt die Sprache des Aufstiegs, Grönländisch die Sprche vieler Familien und des Alltags.
00:13:55: Die großen Entscheidungen über die Zukunft der Insel fallen weiterhin im Kopenhagen – mehr als dreitausend Kilometer entfernt!
00:14:03: Im selben Jahr zeigt sich sehr deutlich was das konkret bedeuten konnte….
00:14:07: Im äußersten Nordwesten Grönlands, beim US-Luftwaffenstützpunkt Thül wird eine dort lebende Inuitgemeinschaft umgesiedelt weil der Stützpunkt erweitert werden soll.
00:14:18: In Quellen ist von sechsundzwanzig Familien die Rede.
00:14:21: andere Angaben nennen rund neunzig Menschen.
00:14:23: Sie müssen ihre Heimat verlassen und werden mehr als einhundert Kilometer weiter nördlich bei Kanag neu angesiedelt.
00:14:31: Nach späteren Darstellungen geschah dies mit sehr kurzer Vorlaufzeit und unter schwierigen Bedingungen.
00:14:37: Jahrzehnte später sprachen dänische Gerichte den betroffenen Entschädigungen zu.
00:14:41: Zugleich blieb die juristische Bewertung komplex, weil nicht alle Forderungen der Betroffenen anerkannt wurden.
00:14:47: Für unsere Geschichte ist vor allem dieser Punkt wichtig – Die frühen nineteenhundertfünfziger Jahre sind in Grönland eine zeitgewaltige Umbrüche.
00:14:55: Die Menschen, die dort leben erleben sich dabei oft als Objekte von Entscheidungen.
00:15:00: Entscheidungen werden über sie getroffen selten mit ihnen!
00:15:04: Jetzt kommt der Faktor ins Spiel, der unsere Hauptgeschichte auslöst.
00:15:08: Die Modernisierung!
00:15:09: Mit ihr kommt eine Zahl die Kopenhagen zunehmend nervös
00:15:12: macht.".
00:15:34: Nach dem Krieg legt Dänemark große Entwicklungsprogramme für Grönland auf – sie tragen nüchterne Namen G-Fünfzig und G-Sächsig benannt nach den Jahrzehnten in denen Sie greifen sollen.
00:15:45: Das Ziel?
00:15:46: Grönlands soll in wenigen Jahrzehn nachholen, wofür andere Gesellschaftengenerationen brauchten.
00:15:52: Aus verstreuten Jäger und Fischersiedlungen soll eine moderne Gesellschaft werden, mit Städten, Industrie, Schulen, Krankenhäusern und neuen Wohnungen.
00:16:01: Die Fischerei wird industrialisiert – Fischfabriken entstehen!
00:16:05: Die Bevölkerung wird gezielt in größeren Orten konzentriert weil sich Infrastruktur dort aus Sicht der Planer leichter organisieren lässt.
00:16:13: Viele kleine Siedlungen verlieren an Bedeutung.
00:16:16: Menschen ziehen in wachsende Küstenstädte, manche freiwillig andere unter wirtschaftlichem politischem oder sozialen Druck.
00:16:25: Wie radikal dieser Umbau war, lässt sich an einem Gebäude ablesen das zum Symbol der Zeit wurde – Block P in Newk.
00:16:32: Ein riesiger Wohnblock nach dänischem Vorbild fertiggestellt in den neunzehntundalsächsigen Jahren.
00:16:38: Zeitweise lebten dort mehrere hundert Menschen.
00:16:41: ein auffälliger Teil der Bevölkerung Newks Menschen, deren Eltern oder Großeltern noch in kleineren Siedlungen vom Fang gelebt hatten, fanden sich plötzlich in Etagenwohnungen wieder.
00:16:52: Wohnungen entworfen für ein Leben das nicht aus der grönländischen Tradition kam – mit Fluren, Kellern, standardisierten Räumen und einer Architektur die wenig Rücksicht auf die Alltagskultur vieler Bewohner nahm.
00:17:05: Block P wurde zwölf abgerissen.
00:17:08: Der Name steht in Grönland bis heute für die Schattenseite der Modernisierung Entwurzelung im eigenen Land.
00:17:15: Dieser erzwungenes Sprung über mehrere Entwicklungsstufen hinweg hatte einen sozialen Preis.
00:17:19: Studien und Berichte aus diesen Jahrzehnten beschreiben zerrissene Familienstrukturen, Identitätsverlust zwischen zwei Welten, wachsende soziale Probleme in schnell wachsenen Städten.
00:17:29: In der dänischen Verwaltung wurde vieles davon gesehen – die Antwort blieb aber lange typisch für das System.
00:17:36: Mehr Planung mehr Programme mehr Steuerung von oben!
00:17:40: Die Vorstellung, die Grönländer selbst über Tempo und Richtung dieser Entwicklung entscheiden zu lassen, spielte in den großen Modernisierungsplänen nur eine begrenzte Rolle.
00:17:49: Ein Teil der Modernisierung war tatsächlich eine medizinische Erfolgsgeschichte – das muss man fair sagen!
00:17:55: Das dänische Gesundheitswesen führte in Grönland groß angelegte Kampagnen gegen Tuberkulose durch, die dort lange eine der häufigsten Todesursachen war.
00:18:04: Krankenhäuser, medizinische Versorgung und Gesundheitsstrukturen wurden ausgebaut.
00:18:09: Die Kindersterblichkeit sank deutlich, die Lebenserwartung stieg.
00:18:14: Doch aus Sicht der Verwaltung erzeugte diese Erfolg ein neues Problem – die Bevölkerung wuchs!
00:18:19: Wenn weniger Kinder sterben, die Geburtenrate aber hochbleibt, steigen die Bevölkerungszahlen schnell.
00:18:25: In Grönland wurde dieses Wachstum in den neunzehntundertfünfziger und neunzenhundertsechziger Jahren im Kopenhagen zunehmend als Herausforderung wahrgenommen.
00:18:34: Dazu kam ein sozialer Befund, der Behörden alarmierte.
00:18:38: Schwangerschaften bei sehr jungen und häufig unverheirateten Frauen.
00:18:43: Aus Sicht der Planner bedeutete jedes zusätzliche Kind mehr Schulplätze, mehr Wohnungen, mehr Krankenausbetten, mehr Ausgaben –.
00:18:52: die Modernisierung Grönlands war teuer und sie wurde mit jedem Jahrgang teurer.
00:18:56: In Berichten und Debatten jener Zeit wurde das Bevölkerungswachstum zunehmend als Hindernis für die Entwicklung der Insel beschrieben.
00:19:04: Haltet diesen Gedanken einen Moment fest!
00:19:06: Er ist einer der Schlüssel zu allem, was folgt.
00:19:09: Eine Verwaltung beginnt Geburten einer bestimmten Bevölkerungsgruppe als Kosten- und Planungsfaktor zu betrachten.
00:19:15: Es geht nicht um eine allgemeine Bevölkerungspolitik im dänischen Kernland.
00:19:20: es geht um die Geburten grünendischer Frauen Um die geburten von Inuit-Frauen in einem ehemaligen Kolonialgebiet.
00:19:27: Mitte der neunzehntechziger Jahre kommt eine Technologie auf dem Markt Die für diese Denkweise wie gerufen erscheint.
00:19:52: Mitte der nineteen sechziger Jahre verbreitet sich weltweit ein Verhütungsmittel, das damals als modern praktisch und effizient gilt.
00:19:59: Das Intrauterinpessa – besser bekannt als die Spirale.
00:20:05: Eine Spirala ist ein kleines Objekt, das in die Gebärmutter eingesetzt wird und dort über längere Zeit eine Schwangerschaft verhindern soll.
00:20:12: Ein bekanntes Modell jenerzeit ist die sogenannte Lippeschleife.
00:20:16: Diese Modelle waren größer als viele spätere Spiralen.
00:20:19: Sie wurden vor allem für erwachsene Frauen verwendet, häufig für Frauen die bereits Kinder geboren hatten.
00:20:25: Dieses Detail ist wichtig!
00:20:27: Für Familienplanungsprogramme in vielen Teilen der Welt war die Spirale attraktiv – sie war vergleichsweise günstig, wirkte lange und musste nicht täglich eingenommen werden wie die Pille.
00:20:39: Aus Sicht vom Behörden hatte sie noch einen weiteren Vorteil.
00:20:42: Nach dem Einsetzen hing ihre Wirkung nicht mehr von einer täglichen Entscheidung der Frau ab – für eine Verwaltung, die Bevölkerungswachstum senken will ist das effizient!
00:20:52: Für ein Mädchen, dass nicht aufgeklärt wurde, ist es ein Eingriff in den Körper, denen es kaum einordnen kann.
00:21:05: Auf Initiative dänischer Gesundheitsbehörden werden in den folgenden Jahren systematisch Spiralen bei grünländischen Mädchen und Frauen eingesetzt.
00:21:13: Offiziell geht es um Familienplanung, Gesundheitsschutz und die Verhinderung früher Schwangerschaften.
00:21:19: Die Realität wie sie Jahrzehnte später durch Recherche und eine unabhängige Untersuchung dokumentiert wurde ist deutlich belastender.
00:21:26: Bis Ende neunzehntundertsiebzig wurden mindestens viertausend siebzig grünländisch geborene Mädchen und Frauen Spiralen eingesetzt.
00:21:33: Das entsprach ungefähr jeder zweiten grönländische geborenen Frau im geberfähigen Alter.
00:21:39: Für die spätere Entschädigungsregelung geht man insgesamt von etwa viertausend fünfhundert potenziell anspruchsberechtigten Frauen aus.
00:21:47: Diese Unterscheidung ist wichtig!
00:21:49: Mindestens viertausendsehntzig Fälle sind für die Zeit bis Ende neunzehntenhundertsiebzig dokumentiert.
00:21:55: Rund viertausendsfünfhundert Frauen könnten nach späterer politischer Regelung insgesamt Anspruch auf Entschädigung haben.
00:22:02: Die Kampagne endet neunzenthundertsetzig nicht vollständig, sie läuft in den Siebzigerjahren weiter wenn auch mit veränderter Intensität und unter veränderten Bedingungen.
00:22:12: Die offizielle Untersuchung nahm später den Zeitraum von nineteenhundertsechzig bis einschließlich neunzehn-einundneinzig in dem Blick, also die Jahre, in denen Dänemark für das grönländische Gesundheitswesen verantwortlich war.
00:22:24: Auch nach neunzentzeinhundertzweinneunzig als Grünland die Verantwortung für das Gesundheitswesend übernahm, meldeten sich Frauen, die von Eingriffen ohne wirksame Einwilligung berichteten.
00:22:35: Diese späteren Fälle werden getrennt betrachtet, weil die politische Verantwortung dann bei Grönland
00:22:40: lag.".
00:22:41: Doch wie liefen diese Eingriffe überhaupt ab?
00:22:43: Hier stützen wir uns vor allem auf Schilderungen der Betroffenen.
00:22:46: Das sind persönliche Erinnerung und ich sage das bewusst dazu – es sind aber viele Schildererungen, sie stammen aus unterschiedlichen Orten und unterschiedlichen Jahren und sie ähneln einanderauf beklemmende Weise!
00:22:59: Die spätere Untersuchung bestätigte dass viele Frauen ihre Erfahrungen jahrzehntelang schweigen mit sich getragen hatten und das fehlende und unzureichende Aufklärung ein zentrales Problem war….
00:23:10: Ein Ablauf, den mehrere Frauen unabhängig voneinander beschrieben haben sah ungefähr so aus.
00:23:16: Schulmädchen oder junge Frauen wurden vom Unterricht aus dem Internat oder aus ihrem Alltag ins Krankenhaus geschickt.
00:23:23: Manche wussten nicht warum – manche bekamen nur wage Erklärungen!
00:23:28: Wer fragte ob die Eltern informiert werden könnten, bekam in einigen Berichten zu hören das sei nicht nötig.
00:23:34: Dann wurden die Mädchen einzeln in einen Behandlungszimmer gerufen.
00:23:38: Dort wartete ein Arzt, oft ein dänischer Arzt.
00:23:41: In zahlreichen Berichten schildern die Betroffenen das ihnen eine Spirale eingesetzt wurde ohne dass sie verstanden was geschah welche Folgen der Eingriff haben konnte oder dass sie eine echte Wahl hatten.
00:23:53: Viele waren dreizehn- oder vierzehn Jahre alt.
00:23:56: einige Berichte nennen Mädchen ab zwölf.
00:23:58: Viele hatten noch nie mit jemandem über Sexualität, Verhütung oder gynäkologische Untersuchungen gesprochen.
00:24:04: Sie sahen Mitschülerinnen weinend aus dem Behandlungszimmer kommen und wussten nur gleich bin ich dran!
00:24:10: Dass so viele Mädchen erfasst werden konnten hatte auch mit der Struktur des grünländischen Schulsystems zu tun.
00:24:16: Viele Kinder aus kleineren Orten lebten in Internaten fern von ihren Familien unter Aufsicht von Erwachsenen die häufig Teil des dänisch geprägten Systems waren.
00:24:27: Ein Mädchen im Internat hatte kaum die Möglichkeit, spontan die Mutter oder den Vater um Rat zu fragen.
00:24:32: Die Eltern waren oft hunderte Kilometer entfernt – die Erwachsenen vor Ort waren genau DIEjenigen, die es zum Arzt schickten!
00:24:40: Es gab auch Fälle in denen Formalumzustimmung gebeten wurde ….
00:24:43: doch genau hier liegt eine der zentralen Fragen der Aufarbeitung….
00:24:47: Was ist eine Unterschrift wert wenn eine junge Frau nicht versteht was der Eingriff bedeutet?
00:24:52: Was ist Zustimmung wenn Risiken nicht erklärt
00:24:54: werden?!
00:24:55: Was ist Freie Willigkeit, wenn ein Arzt eine Heimleitung oder eine Behörde eine Entscheidung praktisch vorgibt?
00:25:02: Die spätere Aufarbeitung zog hier eine klare Linie.
00:25:05: Es geht nicht nur um Fälle in denen gar nichts gefragt wurde – es geht auch um einen System, in dem eine freie informierte und wirksame Entscheidung für viele Betroffene nicht vorgesehen war oder faktisch kaum möglich erschien!
00:25:18: Eine dieser Schülerinnen war Naya El aus Manitzok an der Westküste.
00:25:23: Ihr Name wird in dieser Geschichte noch eine zentrale Rolle spielen.
00:25:27: Sie war dreizehn oder vierzehn Jahre alt, als ihr in den neunzehntundersiebziger Jahren eine Spirale eingesetzt wurde.
00:25:33: Später beschrieb sie den Eingriff öffentlich unter anderem in Medienberichten als überwältigenden Schmerz und ein Gefühl, als wären Messer in ihrem Körper.
00:25:42: Sie erzählte lange niemanden davon – nicht ihren Eltern und nicht ihren Freundinnen aus Scham!
00:25:49: Und damit sind wir bei einem der dunkelsten Aspekte dieser Geschichte….
00:25:53: Die Kampagne funktionierte auch, weil die Betroffenen schwiegen.
00:25:56: Junge Mädchen beschämt ein Geschüchter in einem System, in dem der dänische Arzt eine Autorität war.
00:26:03: Wem hätten sie widersprechen sollen?
00:26:05: Wem hätte sie erzählen können was geschehen war?
00:26:29: Was bedeutet es konkret als dreizehnjährige eine Spirale zu tragen, die nach damaliger Praxis eher für erwachsene Frauen gedacht war?
00:26:36: Aus den Berichten der Betroffenen und dem später dokumentierten medizinischen Befunden ergibt sich ein ernstes Bild.
00:26:43: Schmerzen, starke Blutungen, Infektionen, Angst, Charme, psychische Belastung – einige Frauen berichteten von jahrelangen Beschwerden!
00:26:52: In einzelnen dokumentierten Fällen wurden Spiralen erst Jahrzehnte später entdeckt.
00:26:56: Frauen erfuhren also sehr spät, dass sie einen Fremdkörper in sich getragen hatten – von dessen Existenz die entweder nichts wussten oder dessen Bedeutung sie nicht verstanden hatten.
00:27:07: Viele Betroffene brachten spätere Kinderlosigkeit mit den Eingriffen in Verbindung.
00:27:11: Einige berichteten nach der Entfernung der Spirale keine Kinder bekommen zu haben, teils im Zusammenhang mit schweren Infektionen und Vernarbungen.
00:27:20: In anderen Fällen ist die medizinische Kausalität schwer zu beweisen, weil Jahrzehnte vergangen waren und Unterlagen fehlen.
00:27:27: Deshalb muss man hier sauber formulieren – für viele Frauen gehören Spirale Schmerzen Infektionen Kinderlosigkeit Und Trauma Zu einer gemeinsamen Lebensgeschichte.
00:27:37: Nicht jeder einzelne medizinischen Verlauf lässt sich nach so langer Zeit zweifelsfrei rekonstruieren.
00:27:43: Gerade diese Unsicherheit macht die Geschichte nicht kleiner.
00:27:46: Sie zeigt, wie schwer es wird, unrecht aufzuarbeiten wenn Betroffene jahrzehntelang schweigen mussten und wenn Akten, Diagnosen oder Früherbeschwerden nie ernsthaft festgehalten wurden.
00:27:57: Neben der Spiralkampagne wurden in der späteren Aufarbeitung auch weitere Form von Verhütungen und Eingriffen in die Fortpflanzungsfähigkeit gründländischer Frauen betrachtet.
00:28:07: Dazu gehörten hormonelle Verhüterungsmittel und einzelne Berichte über Sterilisation oder andere Maßnahmen ohne ausreichende Aufklärung.
00:28:15: Der Kern dieser Folge ist die Spiralkampagne.
00:28:17: Das größere Muster reicht jedoch weiter, Behörden und medizinische Institutionen griffen tief in die reproduktive Selbstbestimmung grönländischer Frauen ein.
00:28:26: Die demografische Wirkung war messbar – die Geburtenrate in Grönland sank in wenigen Jahren deutlich.
00:28:32: In zeitgenössischen Planungsdokumenten konnte dieser Rückgang als Erfolg von Familienplanung gelesen werden.
00:28:38: Aus Sicht der Betroffenen bedeutet dieselbe Zahl etwas anderes.
00:28:42: Die Geburtenkontrolle wurde nicht nur als Angebot verstanden, sondern in vielen Fällen als Eingriff über den Mädchen und Frauen nicht frei entscheiden konnten.
00:28:51: Wie viele Kinder durch diese Praxis nicht geboren wurden, lässt sich heute seriös nicht beziffern.
00:28:57: Festhalten lässt sich aber die Senkung des Bevölkerungswachstums war ein erklärtes Ziel der damaligen Politik – und die Körper grönländischer Frauen wurden zum Instrument dieser
00:29:07: Politik.".
00:29:08: Die seelischen Folgen sind in vielen Aussagen von Betroffenen und Angehörigen sichtbar.
00:29:13: Eine dieser Geschichten betrifft Hedwig F., sie bekam in den letzten Jahren eine Spirale eingesetzt, nach späteren Schilderungen zusammen mit Mitschüterinnen.
00:29:25: Ihre Tochter erzählte Jahrzehnte später in journalistischen Interviews – Sie habe als Jugendliche gespürt das mit ihrer Mutter etwas nicht stimmte.
00:29:33: Themen wie Verhütung und Sexualität seien angstbesetzt gewesen!
00:29:37: Die Mutter habe große Sorge gehabt, ihren Töchtern könnte etwas Ähnliches widerfahren.
00:29:42: Was damals wirklich geschehen war, erfuhr die Tochter erst viel später als ihre Mutter im Alter zu sprechen begann.
00:29:48: So sah es in vielen Familien aus.
00:29:50: Das einstige Schweigen der Mädchen wurde zum Schweigen des Mütter und Großmütter.
00:29:55: Es legte sich über Generationen.
00:30:29: Währenddessen verändert sich Grönland politisch.
00:30:31: Neunzehntundertneunundsiebzig erhält die Insel, die sogenannte Gemistüre – Die Heimregierung eine erste Form der Selbstverwaltung mit eigenem Parlament.
00:30:41: Neunzentundertzeiundundneunzig übernimmt Grönland die Verantwortung für sein Gesundheitswesen von Dänemark.
00:30:47: Zwei-tausendneun folgt die Erweiterte Autonomie – die Cellsdürre.
00:30:51: Damit erhält GrönLand unter anderem mehr politische Verantwortung und grundsätzlich auch die Möglichkeit eines Tages über vollständige Unabhängigkeit zu
00:30:59: entscheiden.".
00:31:00: Man könnte meinen, spätestens mit eigener Regierung und eigenem Gesundheitswesen hätte die Spiralkampagne aufgearbeitet werden müssen.
00:31:08: Das geschah lange nicht!
00:31:10: Die Kampagne war kein Geheimnis im Sinne einer komplett verschlossenen Akte.
00:31:14: Es gab zeitgenössische Berichte, Statistiken und Erwähnungen in denischen Medien, in denen das Programm damals teils als Fortschritt oder als Erfolg der Familienplanung dargestellt wurde.
00:31:26: Die Zahlen lagen also nicht völlig unsichtbar im Dunkeln Doch öffentlich verhandelt, kritisch hinterfragt und umfassend aufgearbeitet wurde das Thema über Jahrzehnte nicht.
00:31:36: Die Dokumente lagen in Archiven – die Erinnerungen lagen den Betroffenen.
00:31:41: Beides blieb weitgehend stumpf!
00:31:44: Warum das so war schauen wir uns im Hintergrund teilgenauer an.
00:31:47: Für die Chronologie reicht zunächst es brauchte einzelne Frauen um dieses Schweigen zu brechen.
00:31:52: Frauen, die bereit waren etwas auszusprechen dass sie über Jahrzente nicht aussprechen konnten.
00:31:58: Zwei Tausend Siebzehn nähert sich in Grönland ein symbolisches Datum.
00:32:02: Hundert Jahre zuvor, neunzehnt hundert siebzehnten, hatten die USA im Zusammenhang mit dem Verkauf der dänisch-westindischen Inseln Dänemarks Anspruch auf Grönland anerkannt.
00:32:12: Die vollständige internationale Klärung der dähnischen Souveränität war historisch zwar komplexer und führte später noch über den Streit mit Norwegen der Neunzehnhundertdrein dreißig entschieden wurde.
00:32:22: Dennoch war ein Datum, das in Debatten über Dänemark, Grönland und koloniale Geschichte eine Rolle spielte.
00:32:30: In dieser Atmosphäre der Rückschau entscheidet sich eine Frau etwas zu tun was sie rund vier Jahrzehnte lang nicht konnte.
00:32:37: Natja L., das Mädchen aus Manitzok von dem ich euch erzählt habe ist inzwischen erwachsen – sie arbeitet als Psychologin!
00:32:45: Ausgerechnet sie, die beruflich anderen Menschen dabei hilft belastende Erfahrungen zu verarbeiten hat über ihre eigene Erfahrung lange nicht gesprochen.
00:32:54: Zwei Tausend Siebzehn schreibt sie öffentlich darüber was er als jung Mädchen widerfahren war.
00:32:59: Sie veröffentlicht ihre Geschichte in sozialen Medien und grönländischen Medien.
00:33:04: Daraufhin geschieht etwas womit sie nach eigener Aussage nicht gerechnet hatte.
00:33:08: andere Frauen melden sich erst Einzelne dann immer mehr.
00:33:13: Frauen ihrer Generation aus anderen Städten, aus anderen Jahrgängen.
00:33:17: Viele erzählen ähnliche Geschichten – Schule, Internat, Krankenhausarzt, Schwertsschweigen.
00:33:23: Einige berichten zum ersten Mal überhaupt darüber.
00:33:26: Manche begreifen erst durch Najas Bericht dass das was ihnen damals geschah kein persönliches Einzelschicksal war.
00:33:32: Aus einzelnen Stimmen entsteht ein Netzwerk.
00:33:35: Naya El gründet später eine Gruppe, in der Betroffene sich austauschen können.
00:33:39: Die Gruppe wächst auf Dutzende – dann auch weit über hundert Frauen!
00:33:43: Über Grönland hinaus nimmt die Öffentlichkeits zunächst nur begrenzt Notiz davon.
00:33:48: Es ist eine Geschichte, die an Dänemax Tür klopft aber noch nicht wirklich hindurchkommt….
00:33:53: Das ändert sich-.
00:34:17: Im Frühjahr, veröffentlicht der dänische Rundfunk DR eine Podcast-Serie mit dem Titel Spiralkampagnen.
00:34:25: Die Journalistinnen Céline Clint und Anne Pilgart-Petersen haben monatelang recherchiert – sie sprechen mit Betroffenen darunter Naya El und sie durch Suchenarchive Berichte der Gesundheitsbehörden, Statistiken, Dokumente aus den Sechziger und Siebziger Jahren.
00:34:41: Was sie zutage fördern lässt sich nicht mehr als Sammlung einzelner Erinnerungen abtun.
00:34:46: Die Archivunterlagen zeigen das Ausmaß.
00:34:49: In wenigen Jahren wurden tausenden grönländisch Mädchen und Frauen Spiralen eingesetzt, bis Ende hier waren mindestens viertausend siebzig Frauen und Mädchen betroffen – dies hatte ich vorhin schon kurz erwähnt!
00:35:01: Ungefähr jede zweite grön ländisch geborene Frau im gebärfähigen Alter.
00:35:06: Viele Betroffene waren minderjährig.
00:35:08: aus den Dokumenten geht zudem hervor dass die Senkung des Bevölkerungswachstums ein zentrales Ziel der Maßnahmen war.
00:35:15: Die Wirkung in Dänemark ist enorm.
00:35:17: Plötzlich ist die Spiralkampagne kein grönländisches Randthema mehr, sondern ein nationaler Skandal!
00:35:23: Internationale Medien greifen die Geschichte auf.
00:35:26: Von der BBC über Reuters bis zu großen Zeitungen weltweit wird über den Fall berichtet.
00:35:32: Ein schwerer Begriff taucht nun immer häufiger auf – Genozid.
00:35:36: Einige Betroffene, Politiker und Beobachter stellen die Frage ob die gezielte Verhinderung von Geburten innerhalb einer indigenen Gruppe unter den Tatbestand fallen könnte der in der Völkermordkonvention beschrieben ist.
00:35:49: Das ist juristisch hochkomplex – kein Gericht hat entschieden das hier Völkmord vorliegt!
00:35:55: In dieser Folge gebe ich dem Begriff deshalb als Debatte wieder nicht als festgestellte Tatsache.
00:36:01: Sicher dokumentiert.
00:36:03: Ziel der Kampagne war die Senkung des Bevölkerungswachstums in Grönland und dieses Ziel wurde durch Eingriffe verfolgt, bei denen in vielen dokumentierten Fällen Aufklärung, Freiwilligkeit oder wirksame Einwilligung fehlten.
00:36:17: Bemerkenswert an der DR-Recherche ist wie sie zwei Hälften der Wahrheit zusammenführt.
00:36:22: Die eine Hälfte lag in Kopenhagener Archiven.
00:36:25: Verwaltungssprache, Statistiken, Berichte über eingesetzte Spiralen zahlen übersinkende Geburten.
00:36:32: Die andere Hälfe lag im grünländischen Wohnzimmern Erinnerungen von Frauen die Jahrzehntelang glaubten ihr Erlebnis sei ein persönliches beschämendes Einzelschicksal.
00:36:42: Erst als beides nebeneinander stand Akte und Erinnerung, Zahl und Gesicht wurde aus vielen einzelnen Geschichten was es immer gewesen war Eine staatlich getragene Praxis.
00:36:54: Auch die internationale Dimension wuchs.
00:36:57: Die französische Fotojournalistin Juliette Paville begleitete Betroffene über Jahre, ihre Arbeit machte die Geschichten einzelner Frauen sichtbar und trug sie Überausstellungen und Veröffentlichungen in eine breite Öffentlichkeit.
00:37:10: Im Jahr-Zwei-Tausend-Zwanzig vereinbaren die dänische und grönländische Regierung eine gemeinsame unabhängige Untersuchung.
00:37:21: Der Auftrag, die Praxis der Empfängnisverhütung in Grönland und bei grönländischen Schülerinnen in Dänemark von neunzehntundhundertsechzig bis einschließlich nineteenhundertneinzig aufzuklären – also für den Zeitraum, in dem Dänemark für das grön ländische Gesundheitswesen verantwortlich war.
00:37:38: Für die betroffenen Frauen ist es ein Erfolg.
00:37:41: Zugleich ist es eine Zumutung!
00:37:43: Viele sind inzwischen alt.
00:37:45: Sie haben nicht unbegrenzt Zeit, auf Berichte zu
00:37:47: warten.".
00:38:03: Naja Elle und ihre Mitstreiterin beschließen, nicht nur auf die Untersuchung zu warten.
00:38:08: Im Herbst-Zw.
00:38:08: in den Dänischen Staat eine Gruppe von siebenundsechzig Frauen offiziell zur Entschädigung auf.
00:38:16: Jede von ihnen verlangt dreihunderttausend dänische Kronen – umgerechnet rund vierzehntausend Euro!
00:38:22: Es geht dabei nicht nur um Geld, es geht auch um Anerkennung, um die offizielle Bestätigung das Ihnen unrecht widerfahren ist….
00:38:30: Als der Staat zunächst nicht einlenkt, reichen die Frauen Klage ein.
00:38:34: Die Gruppe wächst weiter – im Jahr ist es in den letzten Jahren nur noch mehr als zwei Jahre.
00:38:36: Zwei Tausend vierundzwanzig stehen schließlich onehundertdreinvierzig Klegerinnen gegen den dänischen Staat.
00:38:42: Ihr Anwalt argumentiert, dass die Eingriffe ohne wirksame Einwilligung hätten Rechte aus der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt, insbesondere das Verbot unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung und das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens.
00:38:59: Unter den Klägerinnen sind Frauen, deren Geschichten inzwischen durch Interviews und Reportagen international bekannt geworden sind.
00:39:06: Einige erfahren erst im Zuge dieser Aufarbeitung durch ärztliche Untersuchungen – was mit ihrem Körper geschehen war oder welche Rolle eine alte Spirale in ihrer Lebensgeschichte gespielt haben könnte.
00:39:17: Die dänische Regierung verweist zunächst auf die laufende Untersuchung.
00:39:21: Bevor der Bericht vorliegt, wolle man die Ergebnisse abwarten!
00:39:25: Für die Kligerin klingt das nach einer Strategie, die sie
00:39:28: kennen."
00:39:28: warten, hinaus schieben und Zeit verstreichen lassen.
00:39:32: Einige sagen offen sie hätten den Eindruck der Staatsspieler auf Zeit bis immer weniger zeitzeugende
00:39:38: Leben.".
00:39:39: Das ist ihre Wahrnehmung und Deutung – Sie erklärt aber die Verbitterung mit der dieser Rechtsstreit geführt wird!
00:39:45: Parallel passiert etwas Bemerkenswertes.
00:39:48: Auch Frauen melden sich, deren Eingriffe nach Januar nineteenhundertzehnundundzeinundzig stattgefunden haben sollen – also in der Zeit in der Grönland selbst für seinen Gesundheitswesen verantwortlich war.
00:39:59: Der damalige grönländische Regierungschef entschuldigt sich zwei Tausendvierundzwanzig bei diesen Betroffenen.
00:40:06: Das macht die Geschichte komplizierter und ehrlicher zugleich!
00:40:09: Es geht nicht einfach um Dänemark gegen Grönland.
00:40:12: Es geht um ein medizinisches und institutionelles Muster, das so tief eingesäkert war – dass es den Wechsel der Verantwortung
00:40:19: überdauerte.".
00:40:20: Dann kommt das Jahr zwei-tausendfünfundzwanzig.
00:40:23: Das Jahr in dem sich fast sechzig Jahre Geschichte verdichten!
00:40:49: Das Jahr zweitausend zwanzig beginnt für Grünland turbulent aus einer ganz anderen Richtung.
00:40:54: Im Januar, im Jahr zwei-tausendfünfundzwanzig kehrt Donald Trump ins weiße Haus zurück und erneuert öffentlich sein Interesse daran Grönland unter amerikanische Kontrolle zu bringen.
00:41:05: Plötzlich schaut die ganze Welt wieder auf diese Insel – auf ihre strategische Lage!
00:41:09: Auf Rohstoffe?
00:41:10: Auf Militär?
00:41:11: Auf Diaktis?
00:41:12: Auf das Verhältnis zwischen GrönLand, Dänemark und den
00:41:15: USA?!
00:41:17: Journalisten, die über Grönland berichten, stoßen zwangsläufig auch auf die offenen Wunden der dänisch-grönländischen Geschichte.
00:41:23: Die Experimentkinder – die Thülumsiedlung.
00:41:26: Die juristisch vaterlosen Kinder – die Spiralkampagne.
00:41:30: Die zeitliche Nähe zwischen geopolitischem Druck und dänischer Versöhnungspolitik wurde von Beobachtern vielfach kommentiert.
00:41:37: Ob und wie stark dieser Druck die dänische Bereitschaft zur Entschuldigung beeinflusste lässt sich nicht beweisen.
00:41:44: Belegen lässt sich nur….
00:41:45: Die Entschuldigung und die Entschädigungsregelung kommen in einem Jahr, in dem Grönland politisch und strategisch so stark im internationalen Fokus steht wie lange nicht.
00:41:56: In der August-August-Kanzlerin geschieht dann das, worauf viele Frauen Jahrzehnte gewartet hatten.
00:42:01: Ministerpräsidentin Mette Frederiksen entschuldigt sich im Namen Dänemarks bei den Betroffenen der Spiralkampagne.
00:42:08: Zunächst erfolgt diese Entschuligung in einer schriftlichen Erklärung.
00:42:13: Am neunten September, zwei tausendfünfundzwanzig wird die unabhängige Untersuchung veröffentlicht.
00:42:18: Der Bericht bestätigt im Kern was Betroffene und Journalistinnen seit Jahren dargelegt hatten.
00:42:25: Es gab eine umfassende Praxis der Empfängnisverhütung bei grönländischen Mädchen und Frauen.
00:42:30: Bis Ende hier waren mindestens viertausend siebzig Spiralen eingesetzt worden.
00:42:36: Viele Betroffene waren minderjährig, die Senkung des Bevölkerungswachstums spielte in den damaligen Entscheidungen eine zentrale Rolle.
00:42:43: In vielen Fällen waren Aufklärung, Zustimmung und Freiwilligkeit aus heutiger Sicht und nach den Ergebnissen der Untersuchung problematisch und nicht ausreichend dokumentiert.
00:42:54: Der Bericht macht auch deutlich – es ging nicht um einzelne schwarze Schafe, sondern um ein System um Gesundheitsverwaltung, Bevölkerungspolitik, koloniale Machtverhältnisse und medizinischen Paternalismus.
00:43:08: Am vierentzwanzigsten September zweitausendfünfundzwanzich reist Mette Frederiksen nach Newk.
00:43:13: Im Kulturzentrum Katouac spricht sie die Entschuldigung persönlich aus – vor Betroffenen, Angehörigen, Vertreterinnen und Vertretern Grönlands und der Öffentlichkeit.
00:43:25: Sie benennt das Geschehene als schweres Versagen als Unrecht mit tiefen Folgen für grönländische Mädchen und Frauen.
00:43:31: Sie räumt ein, dass das System, das diese Frauen hätten schützen sollen, ihnen geschadet hat.
00:43:37: Auch Grönlands Regierungschef Jens Frederik Nielsen entschuldigt sich an diesem Tag für Fälle aus der Zeit nach der Übernahme des Gesundheitswesens durch Grönland.
00:43:47: Im Saal sitzen Frauen die in den neunzehntundertsechziger- und siebzigerjahren Schulmädchen waren – manche weinen, manche sagen hinterher in Interviews die Entschuldigung bedeute ihnen viel.
00:43:58: Andere betonen, dass sie viel zu spät kommen.
00:44:00: Für viele Betroffene zu späht.
00:44:02: Für verstorbende Frauen für immer zu späd.
00:44:05: Natia L und andere Aktivistinnen begrüßen die Entschuldigung.
00:44:08: Zugleich laufen die rechtlichen Forderungen weiter.
00:44:11: Eine Entschuligung ist Anerkennung – Sie ersetzt aber keine Entschädigung!
00:44:15: Diese folgt politisch im Dezember-Zw.A.
00:44:19: Die dänische Regierung und eine breite Mehrheit im Parlament einigen sich auf eine individuelle finanzielle Wiedergutmachung.
00:44:27: Anspruchsberechtigte Frauen der Spiralkampagne sollen dreihunderttausend dänische Kronen erhalten, also genau die Summe, die die Klägerinnen ursprünglich gefordert hatten.
00:44:37: Umgerechnet sind es rund vierzig tausend Euro!
00:44:41: Wichtig ist hier die Unterscheidung.
00:44:43: Das ist nicht dieselbe Entschädigung wie bei den sogenannten Experimentkindern von oneinzehntundhalbundfünfzig, diese hatten zuvor ja jeweils zweihundertfünftigtausend dänische Kronen erhalten.
00:44:53: Bei der Spiralkampagne geht es um ein anderes Kapitel – der dänisch-grönländischen Geschichte, um andere Betroffene und eine eigene politische Wiedergutmachungsregelung.
00:45:03: Dänemark übernimmt dabei Verantwortung für die Fälle aus dem Zeitraum, bis einschließlich.
00:45:11: Für spätere Fälle nach der Übernahme des Gesundheitswesens durch Grönland liegt die Verantwortung bei GrönLand.
00:45:18: Nachdem Stand diese Aufnahme können Anträge seit Frühjahr-Zweißenzeixendzwanzig gestellt werden.
00:45:24: Erste Zahlungen werden für den Herbst-Zwei-Tausendsextundzwanzigh erwartet.
00:45:29: Damit sind wir in der Gegenwart angekommen!
00:45:32: fast sechzig Jahre nach Beginn der Spiralkampagne.
00:45:35: Mehr als fünfzig Jahre schweigen, drei Jahre öffentliche Aufarbeitung seit der großen DR-Recherche – ein Untersuchungsbericht, eine Entschuldigung und eine
00:45:44: Entsiedigungsregelung.".
00:45:46: Die chronologische Geschichte ist damit erzählt von Hans Egedas Landung bis zur politischen Wiedergutmachung im XXI.
00:45:53: Jahrhundert.
00:45:55: Bevor wir diese Folge abschließen, möchte ich die wichtigsten Punkte noch einmal einordnen.
00:46:00: Denn hinter dieser Geschichte stehen Fragen, die über die reine Chronologie hinausgehen.
00:46:05: Warum konnte ein demokratischer Wohlfahrtsstaat so tief in das Leben gründländischer Mädchen und Frauen eingreifen?
00:46:12: Wie konnte dieses Schweigen über Jahrzehnte bestehen
00:46:14: bleiben?!
00:46:15: Welche Rolle spielt Medizin, Macht und Koloniales denken?
00:46:20: Und warum wirkt diese Geschichte bis heute in das Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark hinein.
00:46:41: Beginnen wir mit der schwierigsten Frage dem Warum.
00:46:45: Wie kommt ein Land wie Dänemark, damals wie heute einen demokratischer Rechtsstaat mit hohem Selbstanspruch dazu massenhaft in die Körper von Mädchen und Frauen einzugreifen?
00:46:55: Die unbequeme Antwort lautet aus Sicht vieler verantwortlicher war es damals offenbar keine dunkle Verschwörung im Verborgenen.
00:47:02: Es war Verwaltungspolitik, Bevölkerungspolitikk, Planung, Effizienz.
00:47:07: Die Akten und zeitgenössischen Dokumente, die seit Jahrzehnten ausgewertet wurden zeichnen das Bild einer Bürokratie, die ein Problem definiert hatte Zu schnelles Bevölkerungswachstum, steigende Kosten, Wohnungsmangel zu viele Schwangerschaften bei sehr jungen Frauen.
00:47:23: Wir haben darüber
00:47:24: gesprochen.".
00:47:26: Die Spirale erschien als effiziente Lösung – sie war günstig, langwirksam und erforderte nach dem Einsetzen keine tägliche Mitwirkung.
00:47:34: Aus Sicht eines Planungsbeamten in Kopenhagen konnte das Ideal erscheinen!
00:47:39: Aus Sicht des vierzehnjährigen Mädchens in Manitzocke war es ein Eingriff der ihr Leben prägen konnte….
00:47:45: Wichtig ist der Beide Zeitgeist.
00:47:47: Die nineteenhundertsechziger Jahre waren weltweit eine Hochphase der Bevölkerungspolitik, die Angst vor einer sogenannten Bevölkerungsexplosion war ein dominantes Thema in Wissenschaft, Politik und internationalen Organisationen.
00:48:01: In vielen Ländern wurden Familienplanungsprogramme gefördert.
00:48:05: Auch demokratische Staaten überschritten dabei Grenzen, die aus heutiger Sicht klar verletzen, diskriminierend oder menschenrechtswidrig erscheinen.
00:48:13: Das erklärt die Kampagne, es entschuldigt sie nicht.
00:48:16: Diesen Unterschied müssen wir sauber halten!
00:48:19: Zeitgeist erklärt warum etwas möglich wurde – er nimmt den Verantwortlichen, nicht automatisch, die
00:48:25: Verantwortung.".
00:48:26: Auch nach damaligen Maßstäben war ein medizinischer Eingriff in den Körper einer minderjährigen ohne ausreichende Aufklärung, ohne wirksame Einwilligung und ohne Einbeziehung der Eltern hochproblematisch.
00:48:38: Für Dänemark selbst ist eine vergleichbare systematische Praxis an Schulmädchen in dieser Form nicht dokumentiert.
00:48:45: Genau dieses Gefälle ist entscheidend!
00:48:47: Wenn eine Praxis bei grünländischen Mädchen möglich war, die im dänischen Kernland in der Form kaum vorstellbar gewesen wäre, dann sprechen wir nicht nur über allgemeine Bevölkerungspolitik, sondern auch über koloniale Bevölkerungspolitik.
00:49:06: Die zweite große Frage lautet – wie konnte so etwas ein halbes Jahrhundert lang kaum öffentlich besprochen werden?
00:49:12: Die Zahlen lagen in Archiven.
00:49:14: Tausende Frauen hatten es am eigenen Körper erlebt, trotzdem dauerte es Jahrzehnte bis daraus ein nationaler Skandal wurde.
00:49:21: Hier kommen mehrere Schichten des Schweigens zusammen.
00:49:24: Die erste Schicht ist die Scham der Betroffenen.
00:49:27: Viele Mädchen verstanden nicht was mit ihnen geschah – sie hatten keine Worte dafür!
00:49:31: Sexualität war tabuisiert, Verhütung war tabuisiert… Gynäkologische Eingriffe waren tabuisiert.
00:49:38: Natja El beschrieb später sinngemäß, man schwieg weil man sich schämte und jede glaubte sie sei allein damit.
00:49:45: Diesem Mechanismus kennen wir aus vielen Aufarbeitungen von Gewalt, Missbrauch und institutionellem Unrecht.
00:49:52: Betroffene tragen Scham obwohl die Verantwortung bei den handelnden Personen Institutionen und System liegt.
00:49:58: Die zweite Schicht ist das Autoritätsgefälle der dänischen Arzt Die dänische Internatsleitung, der dänischen Beamte.
00:50:05: Für viele grönländische Kinder und Familien waren das Respektpersonen – Menschen deren Entscheidungen man nicht hinterfragte.
00:50:13: Wer in einem System aufwächst, in denen die Kolonialmacht seit Generationen definiert was richtig, modern und vernünftig ist lernt oft nicht Nein zu sagen!
00:50:22: Mehrere Betroffene schilderten später dass sie nicht einmal auf die Idee kamen sich zu widersetzen.
00:50:27: Widerspruch war schlicht nicht Teil der Situation in der Sie sich befanden.
00:50:31: Die dritte Schicht ist institutionelles Desinteresse.
00:50:35: Die Spiralkampagne war nicht vollständig verborgen, es gab zeitgenössische Veröffentlichungen die das Programm als Erfolg darstellten.
00:50:42: Die Verwaltung kannte Zahlen – Ärzte wussten was geschah!
00:50:46: Doch niemand mit ausreichender Macht und ausreichenden Interesse stellte öffentlich die entscheidenden Fragen.
00:50:53: Dänemark pflegte sein Selbstbild als vorbildliche sanfte Kolonialmacht.
00:50:58: Grünland war nach der Autonomie mit dem Aufbau eigener politischer Strukturen beschäftigt.
00:51:03: Viele Betroffene waren still, eine Geschichte die niemand erzählt und nach der niemand fragt verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung.
00:51:12: Die vierte Schicht ist die Zeit selbst.
00:51:14: Je länger das Schweigendauerte, desto schwerer wurde es, es zu brechen!
00:51:18: Was sagt man nach vierzig Jahren?
00:51:20: Wem sagt man
00:51:21: es?!
00:51:22: Wer glaubt
00:51:22: einem!?
00:51:23: Wie erklärt man den eigenen Kindern dass man etwas erlebt hat, was man selbst nie ganz verstehen konnte?
00:51:28: Es braucht den kulturellen Wandel der Jahrzehnte.
00:51:32: Die weltweite Debatte über sexualisierte Gewalt, über Einwilligung, über koloniales Unrecht und über die Stimmen indigener Gemeinschaften.
00:51:41: Erst in diesem Umfeld fanden Frauen wie Natja Elle einen Raum, in dem ihre Geschichte gehört werden konnte.
00:51:47: Es brauchte außerdem ein Medium – das Nähe erzeugt!
00:51:51: Ein Podcast der Stimmenhörber machte.
00:51:54: Es hat eine bittere Ironie, das ausgerechnet das Medium in dem wir uns gerade befinden diese Schweigen am Ende mit aufgebrochen haben.
00:52:14: Schauen wir auf die rechtliche Seite – die ist alles andere als einfach!
00:52:18: Die Klägerinnen stützten ihre Forderungen unter anderem auf die Europäische Menschenrechtskonvention.
00:52:25: Im Zentrum standen das Verbot unmenschlicher oder erniedrigerer Behandlung und das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens, ihr Argument?
00:52:34: Der Staat kann sich nicht einfach darauf zurückziehen dass viel Zeit vergangen ist wenn das Unrecht selbst jahrzehntelang nicht aufgearbeitet wurde und viele Betroffene erst spät verstanden was ihnen wiederfahren war.
00:52:47: Der dänische Staat verwies lange auf die unabhängige Untersuchung.
00:52:51: Erst müsse geklärt werden, was genau geschehen sei.
00:52:54: Aus Sicht vieler Betroffener war das schwer zu ertragen – weil sie seit Jahrzehnten mit den Folgen lebten.
00:53:00: Mit der Entschuldigung im September, und der Entsiedigungszusage im Dezember, veränderte sich die Lage.
00:53:09: Der Staat erkannte das unrechtpolitisch an und sagte individuelle finanzielle Wiedergutmachung zu.
00:53:15: Bemerkenswert ist, dass die Summe von dreihunderttausend dänischen Kronen pro anspruchsberechtigter Frau genau der Forderung entsprach mit der die Klägerinnen angetreten waren.
00:53:25: Interessant ist auch die Aufteilung der Verantwortung – hier hatten wir ja schon drüber gesprochen das einmal Dänemark die Verantwortung übernimmt und dann Grönland.
00:53:35: Das folgt der Frage, wer trug wann die politische und administrative Verantwortung.
00:53:40: Was bislang nicht geschehen ist sind strafrechtliche Konsequenzen gegen einzelne Ärzte oder Beamte.
00:53:47: Viele handelnde Personen von damals sind verstorben.
00:53:50: Strafrechtliche Fragen wären nach so langer Zeit extrem schwierig.
00:53:54: Die Aufarbeitung konzentrierte sich vor allem auf die Systemfrage.
00:53:58: Deshalb werdet ihr in dieser Folge keine Namen einzelner Ärzte hören.
00:54:02: Es geht nicht um eine nachträgliche öffentliche Anklage gegen Menschen, die sich möglicherweise nicht mehr verteidigen können – es geht um die dokumentierte Verantwortung eines Systems das grönländische Mädchen und Frauen nicht geschützt hat.
00:54:29: Jede Geschichte hat mehrere Blickwinkel.
00:54:31: Bei dieser lohnt es sich besonders sie nebeneinander zu legen.
00:54:35: Da ist zuerst die Perspektive der Betroffenen.
00:54:37: Für viele Frauen geht es um mehr als Geld – in Interviews sagen sie immer wieder, es geht um Anerkennung, darum dass der Staat ausspricht was geschehen ist, darum das Schmerzen-, Kinderlosigkeit-Scharm, zerbrochene Beziehungen und jahrzehntelange Schweigen nicht länger als privates Schicksal abgetan
00:54:54: werden.".
00:54:55: Für einige kam dieser Moment am vierentzwanzigsten September zwei tausendfünfundzwanziger im Kulturzentrum Katowak in Newk.
00:55:02: Für andere kam er zu spät.
00:55:05: Viele Frauen, denen in den Sechziger und Siebziger Jahren Spiralen eingesetzt wurden haben diese Entschuldigung nicht mehr erlebt.
00:55:12: Dann gibt es die grönländische Perspektive im größeren Zusammenhang.
00:55:16: In Grönland ist die Spiralkampagne kein isolierter Skandal!
00:55:20: Sie steht in einer Reihe mit anderen Kapiteln.
00:55:22: Den Experimentkindern, der Umsiedlung bei Tuell, der Danisierungspolitik, der Abwertung grönländischer Sprache und Kultur den sogenannten juristisch-vaterlosen Kindern.
00:55:33: Damit sind Kinder unverheirateter grön ländischer Mütter gemeint, denen lange rechtliche Anerkennung oder Ansprüche gegenüber ihren dänischen Vätern erschwert oder verwährt
00:55:43: wurden.".
00:55:43: Das musste ich nochmal kurz einbauen weil ich eben schon mal von denen gesprochen habe aber ich hab euch gar nicht erklärt worum es da geht.
00:55:50: All diese Geschichten fließen heute in die Debatte über Grönlands Zukunft ein.
00:55:54: Wer verstehen will, warum viele Grönländer Kopenhagen misstrauen findet in der Spiralkampagne einen wesentlichen Teil der Antwort!
00:56:02: Die dänische Perspektive ist die einer Gesellschaft, die ihr Selbstbild korrigieren muss.
00:56:07: Dänemark hat sich lange als andere bessere Kolonialmacht verstanden – als fürsorglich modern zivilisiert.
00:56:14: Die Aufarbeitung der letzten Jahre hat dieses Bild erschüttert….
00:56:18: Von den Experimentkindern bis zur Spiralkampagne zeigt sich, auch eine Kolonialmacht die sich selbst als sanft begreift kann schweres Unrecht verursachen.
00:56:28: Bemerkenswert ist das ein Teil der Aufarbeitung über dänische Medien, dänischen Journalistinnen und schließlich dänischer Regierungserklärungen lief – man kann es zu spät finden und viele tun das zurecht!
00:56:40: Gleichzeitig zeigt es dass die Geschichte irgendwann öffentlich dokumentiert wurde mit politischem Folgen….
00:56:46: Schließlich gibt es noch die geopolitische Perspektive.
00:56:50: Seit Jahrzehntausendfünfundzwanzig schwebt sie über allem, das amerikanische Interesse an Grünland hat das Verhältnis zwischen Newk und Kopenhagen unter Druck gesetzt.
00:56:59: Beobachter fragten offen wie viel von der neuen dänischen Versöhnungsbereitschaft echter Einsicht entspricht und wieviel der Sorge Grönland politisch zu verlieren?
00:57:09: Das ist eine Deutungsfrage – keine belegte Tatsache!
00:57:13: Belegt ist die zeitliche Nähe.
00:57:15: Entschuldigung, Bericht und Entschädigungszusage kamen in einem Jahr in dem Grönland international enorme Aufmerksamkeit bekam.
00:57:23: Es gibt noch eine Ebene ohne die man diese Geschichte nicht vollständig versteht – die Medizinethische!
00:57:49: Das zentrale Versagen der Spiralkampagne lässt sich in einem Begriff bündeln – informierte Einwilligung.
00:57:55: Heute ist dieser Grundsatz ein Fundament medizinischer Behandlung Kein Eingriff ohne Aufklärung, kein Eingrifft ohne freie Zustimmung.
00:58:04: Bei Minderjährigen gehört außerdem die Frage der Sorgeberechtigten
00:58:08: dazu.".
00:58:09: Der Weg zu diesem Grundsatz war lang.
00:58:11: Nach dem Medizinverbrechen des Zweiten Weltkriegs wurde der Gedanke der freiwilligen Zustimmung besonders in der Forschungsethik formuliert – etwa im Nürnberger Codex von.
00:58:27: Diese Dokumente bezogen sich vor allem auf medizinische Forschung.
00:58:31: Sie zeigen aber, dass die Frage der Zustimmung längst auf dem Tisch lag als die Spiralkampagne begann!
00:58:37: In der alltäglichen Medizin der Sechzigerjahre war die Praxis vielerorts noch stark paternalistisch geprägt.
00:58:44: Der Arzt erklärte wenig, der Patient fragte wenig – Aufklärung galt oft als begrenzt, manchmal als überflüssig, gelegentlich sogar als störend für das Vertrauensverhältnis.
00:58:55: In Grönland traf dieser allgemeine medizinische Patternalismus auf ein koloniales Machtgefälle.
00:59:00: Beides verstärkte sich.
00:59:02: Wo der Arzt ohnehin als Autorität galt und die Patientin zusätzlich einer Bevölkerung angehörte, über deren Wohl seit Generationen andere entschieden blieb kaum Raum für echte Selbstbestimmung.
00:59:14: Aus einer medizinischen Untersuchung wurde für viele Mädchen ein Ereignis dem sie ausgeliefert waren.
00:59:20: Deshalb greift auch dieser Satz zu kurz – das war eben eine andere Zeit!
00:59:25: Ja, medizinische Aufklärung war damals oft weniger ausgeprägter Zäute….
00:59:30: Ja, Verhütungsprogramme wurden weltweit anders diskutiert als heute.
00:59:34: Aber ganze Gruppen minderjähriger Mädchen ohne ausreichende Erklärung und heizt ohne Wissen der Eltern durch gynäkologische Eingriffe zu führen war auch damals nicht einfach unproblematischer Normalität!
00:59:45: Der Fall ist deshalb so lehrreich für Medizinethik-und Menschenrechte – er zeigt das ethische Standards nicht nur daran gemessen werden dürfen ob sie irgendwo aufgeschrieben sind.
00:59:55: Entscheidend ist… Für wen Sie in der Praxis gelten?
01:00:13: Ein letzter Hintergrund ist wichtig, um diese Geschichte einzuordnen ohne sie kleinzureden.
01:00:19: Eingriffe in die Fortpflanzung Indigena, marginalisierter oder armer Frauen sind ein dunkles Muster des zwanzigsten Jahrhunderts.
01:00:26: Dokumentiert ist dieses Muster unter anderem bei indigenen Frauen in Nordamerika, in Skandinavien und in Zwangssterealisationsprogrammen mehrerer Staaten – auch demokratischer Staaten!
01:00:38: Grönland ist also kein bizarrer Ausreißer.
01:00:41: Die Spiralkampagne ist ein besonders gut dokumentierter Fall eines größeren Phänomens.
01:00:46: Wenn ein Staat eine Gruppe als Problem definiert, geraten oft die Körper der Frauen ins Visier.
01:00:52: Das macht den Fall nicht kleiner Es macht ihn exemplarisch.
01:00:55: Es zeigt, wie eng Bevölkerungspolitik, Rassismus, Kolonialismus, Medizin und Geschlecht miteinander verwoben sein können.
01:01:03: Es zeigt auch, wie gefährlich es wird wenn Menschen nicht mehr als eine einzelne Person mit Rechten gesehen werden sondern als Zahlen in einer Planungstabelle.
01:01:13: Lass uns am Ende noch einmal zurücktreten und das Ganze betrachten!
01:01:16: Diese Geschichte hat keine Geister, keine Ungeheuer, keine übernatürlichen Schatten – trotzdem passt sie in unsere Kronik wie kaum eine andere.
01:01:26: Sie zeigt, wie ein Mythos funktioniert.
01:01:28: Hier geht es nicht um Fabelwesen oder alte Sagen – Es geht um den Mythos eines Staates, dem Mythos der guten Kolonialmacht!
01:01:36: Eine Erzählung die so fest saß dass die Wahrheit jahrzehntelang daneben liegen konnte in Archiven, in Krankenakten und Familien, in den Körpern tausender Frauen ohne das eine breite Öffentlichkeit hinsah.
01:01:49: Diese Geschichte zeigt auch was es braucht, um so einen Mythos zu brechen….
01:01:53: Zuerst kein Gericht, keine Regierung, keine Kommission.
01:01:57: Zuerest braucht es eine Frau die beschließt ihre Scham nicht länger allein zu tragen.
01:02:02: Natja L war ein junges Mädchen als über ihren Körper entschieden wurde – sie war Mitte Fünfzig, als sie öffentlich darüber sprach.
01:02:09: Sie stand im Saal, als der dänische Staat sich entschuldigte.
01:02:13: Zwischen diesen Momenten liegen Jahrzehnte in denen diese Geschichte nur deshalb kaum als öffentliche Geschichte existierte weil zu wenige Menschen sie hören
01:02:21: wollten.".
01:02:22: Darin liegt die eigentliche Lehre aus dem dänischen Schweigen.
01:02:26: Das Gegenteil von Aufarbeitung ist nicht immer die Lüge, manchmal ist es die Stille.
01:02:31: Solche Geschichten verdienen es weitergetragen zu werden – als Erinnerung daran was passieren kann wenn Macht, Medizin und koloniales Denken zusammenkommen!
01:02:41: Ohne Sensationslust, ohne nachträgliche Anklage gegen einzelne Menschen die heute nicht mehr antworten können….
01:02:48: Mit Respekt für die Betroffenen und mit dem Blick auf ein System, das ihnen schweres Unrecht angetan hat.
01:02:54: Falls euch diese Folge berührt, interessiert oder zum Nachdenken gebracht hat freue ich mich sehr wenn ihr Konik der Schatten folgt, die Folge liked, bewertet oder mir einen netten Kommentar hinterlasst – und wenn ihr anderen davon erzählen wollt dann empfehlt mich doch gerne auch weiter!
01:03:10: Damit helft ihr mir wirklich sehr diesen Podcast sichtbarer zu machen und die Geschichten hinter den Geschichten weiterzutragen so dass wir sie nicht vergessen….
01:03:18: kommt auch gern rüber zu Instagram.
01:03:20: Dort findet ihr mich unter chronikpunkt der punkt schattenunterstrich podcast.
01:03:24: ich freue mich immer sehr über eure nachrichten eure Gedanken zur folge und den allgemeinen austausch mit euch denn bei instagram geht es bei mir nicht nur um dem podcast.
01:03:33: danke dass ihr heute mit mir durch die schattengereist seid.
01:03:35: bleibt wachsam für die geschichten hinter den geschichten bis die Realität durch die Finsternis bricht.
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