Der Zauberer Jackl - Salzburgs dunkelste Hexenprozesse
Shownotes
Achtung, Triggerwarnung: Diese Folge enthält Schilderungen und Einordnungen zu historischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, Folter, erzwungenen Geständnissen, Hinrichtungen, Haftbedingungen und Hinweisen auf sexualisierte Gewalt in historischen Gefängnis- und Verhörsituationen. Bitte hört diese Folge nur, wenn ihr euch mit diesen Themen gerade sicher fühlt.
In dieser Folge geht es um:
– die Salzburger Zauberer-Jackl-Prozesse von 1675 bis 1690 – den Opferstockdiebstahl von Golling – Barbara Koller, genannt Schinderbärbel – Jakob Koller, den sogenannten Schinderjackl oder Zauberer-Jackl – Dionys Feldner und die Eskalation der Verfahren ab 1677 – Hofrat Sebastian Zillner und die zentrale Verhörfrage: „Hast du den Zauberer-Jackl gekannt?“ – den Hexenturm von Salzburg – die Richtstätte von Gneis – Folter, erzwungene Geständnisse und die Logik frühneuzeitlicher Strafverfahren – Kinder- und Bettlerhexenprozesse im späten 17. Jahrhundert – die Rolle von Armut, sozialer Ausgrenzung, Obrigkeit und Dämonenglauben – die Sage vom Zauberer-Jackl und die Trennung zwischen Überlieferung und belegbarer Geschichte – Erinnerung, Forschung und das lange Nachwirken dieser Verfolgung
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Musik-, Stimm- und Produktionsrechte Gesprochener Text, Stimme, Skript, Bearbeitung und Produktion dieser Episode liegen – soweit nicht anders angegeben – bei mir.
Weitere verwendete Audioelemente, Sounds oder Medien stammen gegebenenfalls aus PowerDirector 365. Auch hierfür lag mir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die erforderliche Lizenz vor.
Alle Rechte an der konkreten Zusammenstellung, Bearbeitung und Einbindung in diese Episode liegen bei mir, soweit rechtlich zulässig und soweit nicht anders gekennzeichnet.
Hinweis zur Verwendung künstlicher Intelligenz
Das Titelbild sowie der Gesang und die musikalische Umsetzung der Titelmusik wurden mithilfe generativer künstlicher Intelligenz erstellt. Der Liedtext stammt vollständig von mir. Die Musik dieser Folge wurde von mir selbst erstellt. Verwendete KI-gestützte Musik und musikalische Elemente wurden mit Suno erstellt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag mir die entsprechende Nutzungslizenz vor.
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Quellen und weiterführende Literatur:
Wissenschaftliche Literatur:
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Heinz Nagl: Der Zauberer-Jackl-Prozeß. Hexenprozesse im Erzstift Salzburg 1675–1690. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Teil 1: Band 112/113, 1972/73, S. 385–539. Teil 2: Band 114, 1974/75, S. 79–241.
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Gerald Mülleder: Zwischen Justiz und Teufel. Die Salzburger Zauberer-Jackl-Prozesse (1675–1679) und ihre Opfer. LIT Verlag, Wien 2009.
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Gerald Mülleder: Vom Zauberer Jackl und seinem Anhang – Zur Rezeption und Tradition der Salzburger Zauberer-Jackl-Prozesse. In: Festschrift Heide Dienst zum 65. Geburtstag.
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Wolfgang Fürweger: Verbrannte Kindheit. Die vergessenen Kinder der Hexenprozesse um den Zauberer Jackl. Ueberreuter, Wien 2015.
Online-Quellen und Nachschlagewerke:
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Wikipedia: Zauberbubenprozesse in Salzburg https://de.wikipedia.org/wiki/Zauberbubenprozesse_in_Salzburg
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Wikipedia: Zaubererjackl witch trials https://en.wikipedia.org/wiki/Zaubererjackl_witch_trials
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Wikipedia: Max Gandolph von Kuenburg https://en.wikipedia.org/wiki/Max_Gandolph_von_Kuenburg
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Rita Voltmer: Salzburger Zauberer-Jackl-Verfolgungen (1675–1679), Anmerkungsapparat mit Forschungsüberblick https://storicamente.org/voltmer_link4
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Skriptum: Die Bettlerbubenverfolgung in Salzburg 1675 bis 1681 Mit Details zum Verfahren gegen Dionys Feldner, den Daten 18. Mai 1677, 21. Juli 1677 und 3. September 1677 sowie dem Kopfgeld von 30 Reichstalern. https://www.lehrnarrangements.at/Aktualisierung_Dateien/07-Plattform1/unterlagen/Der%20Zauberer%20Jackl_Skriptum.pdf
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Leseprobe zu Wolfgang Fürweger: Verbrannte Kindheit Mit Angaben zu Opferzahlen, Matthias Hauser, Margarete Reinberger, Sebastian Zillner und der Verfolgungswelle Ende 1677 bis Mitte 1678. https://content.e-bookshelf.de/media/reading/L-3454203-b5b6be1100.pdf
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derStandard.at: Der „Zauberer Jackl“ und die Auslöschung der Unterschicht Zur Dokumentation von Sabine Bauer und zur Zahl von mindestens 138 Hingerichteten. https://www.derstandard.at/story/1231153033822/der-zauberer-jackl-und-die-ausloeschung-der-unterschicht
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SalzburgerLand Magazin: Sagenhaft: Der Zauberer-Jackl Zur Sagenüberlieferung und zur überlieferten Verhörfrage. https://www.salzburgerland.com/de/magazin/sagenhaft-der-zauberer-jackl/
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MeinBezirk.at / Tennengau: Was steckt dahinter: Der Zauberbubenprozess Zum Opferstockdiebstahl in Golling, dem Pfleggericht Burg Golling und den Hinrichtungen. https://www.meinbezirk.at/tennengau/c-gedanken/was-steckt-dahinter-der-zauberbubenprozess_a5158381
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Blogdokumentation: Die Zauberer-Jackl-Prozesse in Salzburg Zum Hexenturm in der Paris-Lodron-Straße, zur Zerstörung 1944, zur Gedenktafel, zu Opferzahlen und zur Peinlichen Ordnung Maximiliani Gandolphi. http://derrotestiftche.blogspot.com/2007/02/die-zauberer-jackl-prozesse-in-salzburg.html
Künstlerische und dokumentarische Aufarbeitungen:
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Felix Mitterer: Die Kinder des Teufels.
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Sabine Bauer: Hast du den Zauberer Jackl gekannt?
Hinweis zur Quellenlage:
Die Opferzahlen der Salzburger Zauberer-Jackl-Prozesse unterscheiden sich je nach Zählweise und Forschungsansatz. In der Literatur werden ungefähr 198 bis 232 Angeklagte beziehungsweise in den Prozesszusammenhang einbezogene Personen genannt. Die Zahl der Hingerichteten schwankt je nach Abgrenzung zwischen mindestens 138 beziehungsweise 139 und bis zu etwa 167 Menschen. In der Folge werden deshalb bewusst Spannweiten genannt und keine einzelne glatte Zahl.
Auch einzelne Altersangaben, Schreibweisen und Datierungen unterscheiden sich in der Literatur. Das betrifft unter anderem das Alter Jakob Kollers, das Alter Dionys Feldners, das jüngste genannte Todesopfer sowie die Schreibweise Zillner beziehungsweise Ziller. Diese Unsicherheiten werden in der Folge entsprechend eingeordnet.
In der Folge wird ausdrücklich zwischen belegbaren Fakten, Forschungsdeutungen, erfolterten Aussagen und späteren Sagenmotiven unterschieden. Alles, was in den Bereich der Sage, Überlieferung oder Vermutung fällt, wird als solches gekennzeichnet.
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Transkript anzeigen
00:00:03: Herzlich willkommen zurück bei Chronik der Schatten zwischen Legenden, Mythen und Realität.
00:01:05: Schön dass ihr wieder dabei seid wenn wir gemeinsam in die dunklen Winkel der Geschichte hinabsteigen und nachsehen was dort wirklich passiert ist.
00:01:13: Und was uns nur erzählt wurde!
00:01:15: Heute verlassen wir den Bereich der reinen Sage.
00:01:18: Diese Folge ist True Crime im historischen Gewand und sie beruht auf Belegbaren Fakten, auf erhaltenen Gerichtsakten Verhörprotokollen amtlichen Schreiben und auf der wissenschaftlichen Forschung die sich seit Jahrzehnten mit diesem Fall beschäftigt.
00:01:32: Überall dort wo wir dem Boden der Akten verlassen und in dem Bereich der Legende, der mündlichen Überlieferung oder der Vermutung kommen sage ich euch das wie immer ausdrücklich dazu.
00:01:43: Ihr werdet es hören, wenn ich Formulierungen verwende wie der Sage nach.
00:01:48: Es wird erzählt oder die Forschung vermutet.
00:01:50: Alles andere ist dokumentiert.
00:01:52: Diesen Hinweis gebe ich euch heute nur dieses eine Mal.
00:01:55: Merkt ihn euch also für die gesamte Folge.
00:02:03: Achtung Triggerwarnung.
00:02:05: In dieser Folge geht es um historische Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.
00:02:09: Wir sprechen über Folter Über erzwungene Geständnisse Über Hinrichtungen Und über sexualisierte Gewalt an Gefangenen.
00:02:17: Wenn euch diese Themen gerade zu nahe gehen, hört diese Folge bitte zu einem anderen Zeitpunkt oder gar nicht.
00:02:23: Die Geschichte bleibt dieselbe – eure Gesundheit geht vor!
00:02:32: Unsere Reise führt uns ins Erzstift Salzburg in die Jahre sixteenhundertfünfundsiebzig bis sechzehnhundertneunzig.
00:02:38: Dort fand eine der größten und zugleich seltsamsten Hexenverfolgungen statt, die der deutschsprachige Raum je gesehen hat.
00:02:46: Seltsam weil sie viel zu spät kam.
00:02:48: Der große europäische Hexenwahn war zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon am Abklingen.
00:02:54: Seltsam auch wegen der Opfergruppe!
00:02:56: Es waren überwiegend keine Frauen aus dem klassischen Bild der alten Hexe, wie man es aus vielen anderen europäischen Hexemprozessen kennt.
00:03:04: Verfolgt wurden hier vor allem jungen Kinder, Jugendliche und junge Männer von der Straße – und seltsam weil der Mann um den sich alles drehte niemals gefasst wurde….
00:03:15: Hunderte Menschen wurden verhaftet, weit über hundert hingerichtet.
00:03:19: Wegen eines einzigen jungen Mannes den die Justiz nie zu Gesicht bekam.
00:03:24: Die Akten nennen ihn Jakob Kolla.
00:03:27: Das Volk nannte ihn Schindajackel Die Geschichte kennt ihn als den Zauberajacke.
00:03:46: Wir schreiben das Jahr sixteenhundertfünfundsiebzig.
00:03:49: Schauplatz ist das Erzstift Salzburg, ein eigenständiges geistliches Fürstentum im heiligen Römischen Reich.
00:03:55: Regiert von einem Fürsterzbischof der weltlicher Herrscher und Kirchenfürst in einer Person war.
00:04:02: Seit sixteenhundertsechzig sitzt Max Gandolf von Kühnburg auf diesem Thron – sein Land des Kleinen, Gebirgik, Fromm ...und voller Armut!
00:04:13: In diesem Jahr, im Markt Golling an der Salzach südlich der Stadt Salzburg wird ein Verbrechen angezeigt das auf den ersten Blick schlicht wie ein Diebstahl wirkt.
00:04:24: Jemand hat Geld aus Kirchenopferstöcken gestohlen.
00:04:28: Für die Obrigkeit der Zeit war das jedoch weit mehr als ein Griff nach fremden Geld.
00:04:33: Der Tatort war eine Kirche.
00:04:35: Das entwendete Geld war für religiöse Zwecke bestimmt und damit bekam der Vorwurf sofort eine andere Schwere.
00:04:42: Aus diesem scheinbar begrenzten Fall sollte eine fünfzehn Jahre dauernde Katastrophe entstehen.
00:04:47: Festgenommen werden zwei Personen, eine Frau namens Barbara Koller und ein junger Bettler namens Paul Kaltenpacher.
00:04:56: Sie werden beschuldigt Opfergeld aus mehreren Kirchen gestohlen zu haben.
00:05:00: Auf der Burg Golling wo das zuständige Pfleggericht seinen Sitz hatte beginnen die Verhöre Doch schauen wir uns zunächst erst mal an, wer diese Barbara Koller eigentlich war.
00:05:12: Die Quellen zeichnen das Bild einer Frau vom untersten Rand der Gesellschaft – sie arbeitete als Abdeckerin!
00:05:18: Ihre Aufgabe war es veränderte Tiere zu beseitigen, Kadava abzuhäuten den Schmutz wegzuräumen, den sonst niemand anfassen wollte….
00:05:27: Das Volk nannte diesem Beruf Schinda und so hieß sie im Volksmund die Schinderbärbel.
00:05:33: Der Beruf des Abdeckers gehörte zu den sogenannten unehrlichen Berufen der frühen Neuzeit.
00:05:39: Wer ihn ausübte, war rechtlich und gesellschaftlich geächtet.
00:05:43: Er durfte vielerorts keine Wirtshäuser betreten, keine ehrbaren Handwerke erlernen – und er wurde gemieden wie eine Krankheit!
00:05:51: Die Schinderberbel stand also schon vor ihrer Verhaftung außerhalb der Gemeinschaft.
00:05:56: Das machte sie zum idealem
00:05:58: Opfer.".
00:06:00: Um zu verstehen, wie tief dieser Graben war, müsst ihr wissen, wie das Konzept der Ehre die Gesellschaft der frühen Neuzeit ordnete.
00:06:07: Ehre war damals keine Frage des persönlichen Anstands – sie war ein rechtlicher und sozialer Status, der über alles entschied!
00:06:14: Wer durfte heiraten?
00:06:16: Wer durften einen Handwerk erlernen?
00:06:17: Wessen Wort galt vor
00:06:19: Gericht?!
00:06:20: Wer durft auf dem Friedhof in geweiter Erde liegen?
00:06:23: Abdecker Schafrichter Totengräber Fahrendes Volk Sie alle standen außerhalb dieser Ordnung.
00:06:29: Der bloße Kontakt mit ihnen konnte einen ehrbaren Handwerker seine Zunftmitgliedschaft kosten.
00:06:35: Eine Frau wie Barbara Koller besaß damit in den Augen ihrer Zeitgenossen buchstäblich nichts, was man ihr noch nehmen konnte – außer dem Leben!
00:06:44: Zu dieser sozialen Echtung kam die Natur des Tatvorwurfs.
00:06:47: Ein Opferstock war kein gewöhnlicher Geldbehälter.
00:06:50: Das Geld darin war gottgeweiht, gespendet für Messen, für Arme und das Seelenheil der Geber.
00:06:56: Wer ist stahl, beging nach dem Verständnis der Zeit einen Kirchenraub.
00:07:00: Ein Sacrilegium!
00:07:02: Ein Verbrechen das sich gegen die göttliche Ordnung selbst richtete und dass die Strafrechtsordnungen der Epoche mit draconischen Strafen bis hin zum Tod bedrohten.
00:07:13: In den Augen der Richter lag zwischen einem Menschen, der Gott bestihlt und einem Menschen der Gott abschwört und sich dem Teufel verschreibt kein weiter Weg.
00:07:22: Der Verdachtssprung vom Diebstahl zur Hexerei, der uns heute willkürlich erscheint, folgte der inneren Logik dieses Weltbilds.
00:07:30: Im Verhör geht es zunächst um den Diebstahl – doch die Befragung kippt schnell!
00:07:35: Aus dem Vorwurf des Kirchendiebstahl wird er verdachter Zauberei.
00:07:39: Denn wer Gott bestihlt, so die Logik der Zeit, ich hab's grad erwähnt, der könnte auch bereits mit dem Teufel im Bundes
00:07:45: stehen.".
00:07:46: Barbara Kolla wird der Folter unterworfen.
00:07:48: Was genau sie in dieser Folterkammer erlitt, lässt sich aus den zugänglichen Zusammenfassungen nicht bis ins einzelne Instrument hinein sicher sagen.
00:07:56: Belegt es aber, ihr Geständnis entstand nicht frei – nicht freiwillig und unter normalen Verhörbedingungen.
00:08:04: Es wurde unter Folter erzwungen.
00:08:06: Damit ist dieses Geständnis aus heutiger Sicht kein Beweis für Schuld sondern ein Dokument der
00:08:12: Gewalt.".
00:08:13: In der Logik des damaligen Gerichts aber verwandelte es einen Diebstahlsvorwurf in eine angebliche Hexensache.
00:08:20: Barbara Koller gesteht, eine Hexe zu sein – sie gestehe mit dem Teufel im Bunde zu stehen!
00:08:25: Sie sagt etwas aus, dass die kommenden fünfzehn Jahre prägen wird….
00:08:30: Sie und ihr Sohn hätten sich an Bauern, die ihnen nichts geben wollten durch Schadenzauber gerecht... Auch der mitangeklagte Paul Kaltenpacher belastet im Verhör diesen Sohn Jakob Koller, genannt der Schinderjackel.
00:08:45: Haltet an dieser Stelle kurz inne und ruft euch in Erinnerung unter welchen Bedingungen diese Aussagen entstanden sind.
00:08:52: Die Folter war im damaligen Strafprozess ein reguläres gesetzlich geregeltes Beweismittel.
00:08:58: Ein Geständnis galt als Königin der Beweise.
00:09:01: Und wenn der Beschuldigte nicht freiwillig gestand, durfte das Geständnis mit der sogenannten peinlichen Befragung erzwungen werden – Mit Daumenschrauben, mit dem Aufziehen an gefesselten Armen, mit Schlafentzug und Schlägen!
00:09:15: Was Barbara Koller stand, gestand sie unter Qualen.
00:09:18: Aus heutiger Sicht ist der Beweiswert dieser Aussagen gleich
00:09:21: null.".
00:09:22: Für das Gericht von Im August sixteenhundertfünfundsiebzig wird Barbara Koller wegen Diebstahl und Zauberei zum Tode verurteilt.
00:09:34: Auf der Richtstätte in Gneis, vor den Touren der Stadt Salzburg, wird sie hingerechtet – nach den Quellen wurde sie erdrosselt und ihr Leichnam anschließend verbrannt.
00:09:43: Das Erdrosseln vor dem Feuer galt damals als Akt der Genade.
00:09:48: Mit ihrem Tod hätte die Sache enden können Ein Diebstahl ein Hexerei verdacht Ein Todesurteil.
00:09:55: Das Erzstift hatte dergleichen schon erlebt, doch die Justiz hatte aus dem Verhören einen Namen mitgenommen – den Namen eines jungen Mannes, der noch lebte.
00:10:04: Noch vor der Hinrichtung seiner Mutter ließ man Haftbefehl gegen Jakob Koller.
00:10:09: Der gesuchte aber war verschwunden.
00:10:20: Schauen wir uns auch an dieser Stelle zunächst einmal an wer Jakob Collar überhaupt war!
00:10:25: Hier müssen wir ehrlich sein und das gehört zu den faszinierendsten Aspekten dieses Falss.
00:10:30: Wir wissen es kaum.
00:10:32: Gesicherte Lebensdaten existieren nicht, über sein Alter zum Zeitpunkt der Ereignisse gehen die Quellen auseinander.
00:10:38: Manche Darstellungen beschreiben ihn sechzehnhundertfünfundsiebzig als Jugendlichen von etwa fünfzehn Jahren.
00:10:45: Andere Quellen – darunter die Aussage des mitangeklagten Kaltenpacher schildern ihnen als jungen Mann von etwa zwanzig Jahren.
00:10:52: Sicher ist?
00:10:54: Er war der Sohn der Abdeckerin Barbara Koller.
00:10:56: Er wuchs im Schindermilieu auf, am alleruntersten Rand der Gesellschaft und erlebte vom Betteln von Gelegenheitsarbeiten und mutmaßlich auch von kleinen Diebstellen und Betrügereien mit denen sich die vagierende Armut der Zeit über Wasser hielt.
00:11:11: Sicher ist auch als seine Mutter verhaftet wurde tauchte er unter und er blieb untergetaucht – fünfzehn Jahre lang während um seinen Namen herum eine der blutigsten Verfolgungswellen Mitteleuropas tobte.
00:11:24: Trotz Haftbefehl, trotz Steckbriefen – trotz eines Kopfgeldes das im Laufe der Jahre immer wieder erhöht wurde ist Jakob Koller nie gefasst worden.
00:11:33: Es gibt keinen dokumentierten Beweis dafür dass ihn nach sixteenhundertfünfundsiebzig je ein Vertreter der Obrigkeit zu Gesicht bekommen hätte.
00:11:42: Sein weiteres Schicksal ist bis heute unbekannt… ob er früh starb, ob er ins Ausland floh oder unter falschen Namen irgendwo weiter lebte?
00:11:50: Die Akten schweigen!
00:11:52: Die größte Hexenjagd in der Geschichte Salzburgs galt damit, im Wortsinn einem Phantom.
00:11:59: Werfen wir noch einen Moment ein Blick auf diese Fahndung denn sie sagt viel über die Zeit!
00:12:04: Steckbriefe wurden in den Pfleggerichten des Landes verlesen und angeschlagen – die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen.
00:12:11: Bettler und Wagierende bei Aufgriffen routinemäßig nach dem Jackel befragt.
00:12:16: Die Obrigkeit setzte also früh darauf, dass irgendjemand aus dem Umfeld der Armen und umherziehenden den Gesuchten verraten würde.
00:12:23: Es hat nie funktioniert – ob aus Loyalität, aus Angst vor dem angeblichen Zauberer oder schlicht deshalb weil niemand wusste wo Jakob Kolla steckte.
00:12:32: die Quellen können diese Frage nicht beantworten.
00:12:35: Zwei Jahre lang passiert zunächst wenig.
00:12:37: Der Haftbefehl läuft, der Gesuchte bleibt verschwunden.
00:12:40: das Land hat andere Sorgen.
00:12:43: Dann kommt das Jahr die Wende.
00:12:48: Anfang der Jahrzehnte erreicht die Behörden eine Nachricht, die dem Fall hätte beenden können – Der Zauberer Jackel sei tot!
00:12:55: In Sankt Wolfgang sah er Leichnam gefunden worden bei dem es sich um Jakob Kolla handeln solle.
00:13:01: Hätte diese Meldung einfach akzeptiert, wäre die Geschichte hier zu Ende.
00:13:06: Stattdessen geschieht etwas anderes….
00:13:10: Wenige Wochen später wird in Salzburg ein Bettlerjunge aufgegriffen.
00:13:14: Dionysfeldner, in den Geschichten auch Dionysius oder Dionysus genannt.
00:13:20: Über sein Alter machen die Quellen unterschiedliche Angaben.
00:13:23: Die Spanne reicht von zwölf bis vierzehn Jahren.
00:13:27: Er war körperlich beeinträchtigt und trug auf der Straße den verächtlichen Spitznamen Drextierer Ein Kind ganz unten ohne Schutz ohne Fürsprecher Am achtzehnten Mai, die Jönsfeldner verhört.
00:13:42: Unter Druck und unter Androhung der Folter.
00:13:45: Er sagt etwas aus, dass die Lawine endgültig lostreten wird.
00:13:49: Er sei unmittelbar vor seiner Verhaftung drei Wochen lang mit dem Zauberer Jackel umhergezogen.
00:13:55: Damit war der Tote von Sankt Wolfgang vom Tisch!
00:13:58: Man stellte umgehend fest das der dortige Leichnamen nicht mit Jakob Kolla identisch sei.
00:14:03: Die Schlussfolgerung der Behörden Der Jackel lebt, er treibt sich weiterhin im Salzburgischen herum.
00:14:10: Er hat Anhänger!
00:14:12: In dem folgenden Verhöhren entsteht aus den Aussagen des Jungen ein Bild das die Obrigkeit in Panik versetzt.
00:14:18: Der Jackel sei der Anführer von bandenarmer Bettlerkinder und Jugendlicher, die durchs Land ziehen.
00:14:24: Er habe ihnen Zauberreibe beigebracht.
00:14:26: Dionis Feldner gesteht im Laufe des Verfahren immer ungeheuerlicheres.
00:14:33: vom Teufel persönlich.
00:14:35: Er habe Mensch und Vieh durch Zauber geschädigt, der Teufl habe ihn sogar in seiner Haft
00:14:39: besucht.".
00:14:40: Ein besonders erschütternder Punkt betrifft diese sogenannten lächtlichen Teufelsbesuche von denen die Jonas Feldner und andere Jungen berichteten.
00:14:48: Moderne Deutungen lesen solche Aussagen teilweise als mögliche verschlüsselte Hinweise auf reales sexualisierte Gewalt oder auf traumatische Erfahrungen in Haft-und Verhör.
00:15:00: Sicher ist, diese Aussagen entstanden in einem Umfeld aus Angst, Zwang, Folterandrohung und völliger Schutzlosigkeit.
00:15:08: Ob sich hinter jeden dieser Berichte ein konkreter Übergriff verbargt, lässt sich aus den Prozessakten nicht zweifelsfrei beweisen!
00:15:16: Für unser heutiges Verständnis ist aber wichtig, diese Kinder waren in der Gewalt eines Systems das ihnen weder Schutz noch Glaubwürdigkeit zugestand.
00:15:25: Was sie sagten wurde gegen sie verwendet – was ihnen möglicherweise angetan wurde verschwand hinter der Sprache von Teufel, Sünde und
00:15:33: Geständnis.".
00:15:34: Am einenszwanzigsten Juli-Sechzehnhundertsechzebundseppzig wird im Feldnassverfahren das sogenannte Konstitutum At Bankuum Iuris abgehalten.
00:15:43: die förmliche Schlussverhandlung Am dritten September, hat der zuständige Jurist das endgültige Urteil beantragt und am selben Tag erlässt die Obrigkeit einen umfassenden neuen Haftbefehl gegen Jakob Koller.
00:15:57: Auf den Kopf des Zauberers wird ein Kopfgeld von dreißig Reichstalern ausgesetzt – für die Verhältnisse des Bettlermilieus war es eine astronomische Summe!
00:16:06: Die Obrighkeit setzte damit noch einmal ganz gezielt auf Verrat aus dem Umfeld der Armen, Fahrenden und Heimatlosen.
00:16:13: Doch auch dieser Preis brachte Jakob Koller nicht in die Hände der Justiz.
00:16:18: Der Name dieses Juristen wird euch durch die ganze Folge begleiten – Hofrat Sebastian Zillner, in manchen Quellen auch Ziller geschrieben.
00:16:27: Er führte die Verfahren federführend, vereinigte dabei faktisch die Rollen von Ermittler, Ankleger und Richter und gilt in der Forschung als die treibende Kraft hinter der Eskalation.
00:16:37: Die Frage, die er dem Verdächtigen stellte ist überliefert und wurde zum dunklen Leitmotiv dieser Jahre.
00:16:44: Hast du den Zauberer Jackel gekannt?
00:16:47: Wer diese Frage falsch beantwortete war verloren – es gab keine sichere Antwort!
00:17:01: Was nun folgt beschreibt die Forschung als Schneeballsystemen und dieses Bild trifft im Mechanismus präzise.
00:17:07: Die Aussagen des Dionisfeld-Nalifernamen werden verhaftet In den Verhören, Unterfolter oder unter deren Androhung nennen auch Sie-Namen aus Todesangst und Verwirrung.
00:17:20: Manche Kinder nach Einschätzung der Forschung wohl auch aus einer Art Geltungsdrang heraus weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben erlebten das Erwachsene ihnen mit gespannte Aufmerksamkeit zuhörten.
00:17:31: Jeder genannte wird zum neuen Verdächtigen.
00:17:34: jeder verdächtige liefert neue Namen.
00:17:36: Die Verdächterungen und Verhaftungen gehen binnenkurzem in die Hunderte.
00:17:41: Ihr kennt diesen Mechanismus bereits aus meiner Folge über die Hexenprozesse von Bamberg.
00:18:02: Menschen ohne Familie, die nach innen fragen würde.
00:18:09: Ohne Zukunft, ohne Gemeinde, ohne Fürsprecher!
00:18:13: Die Forschung hält ausdrücklich fest dass man bedenkenlos drohte und folterte weil es sich um Arme, Bettler- und Landstreicher handelte.
00:18:21: Bei einem Bürgerssohn hätte man gezögert bei einem Bettlerkind zögerte niemand.
00:18:26: Die Verhaftungswelle bringt die Justiz an ihre praktischen Grenzen.
00:18:29: In der Stadt Salzburg werden die Gefangenen zunächst im Rathaus eingekehrkert, doch der Platz reicht schnell nicht mehr aus.
00:18:36: Wegen der Überfüllung der Gefängnisse werden angeklagte Bettlerjungen in den Jahren sixteenhundertsechzehn und sechzehntneunundsiebzig auch in einem Turm der Stadtbefestigung festgehalten – jenem Turm, der seither den Namen Hexenturm trägt.
00:18:51: Errichtet worden war er bereits im fünften Jahrhundert als Teil des Stadtmauer.
00:18:56: Im Juli, den überlieferten Angaben wurden vierzehn Gefängnissellen und eine Wohnung für den Gerichtsdiener eingerichtet.
00:19:06: Etwa ein Jahr lang diente der Turm als Haftort für einige der Angeklagten überwiegend jungen und junge Männer.
00:19:13: Sein Dach zierte später eine blecherne Wetterfahne in Gestalt einer besenreitenden Hexe – ein makabres Wahnzeichen das den Salzburgern über Jahrhunderte vor Augen stand.
00:19:23: Der Turm in der heutigen Paris-Laudronstraße blieb bis zum Zweiten Weltkrieg im Original erhalten.
00:19:29: Wurde nineteenhundertvierzig durch Bombentreffer schwer beschädigt und später abgetragen.
00:19:35: Heute erinnert an seiner Stelle eine Gedenktafel an seine düstere Vergangenheit.
00:19:40: Lass das kurz wirken!
00:19:41: Ein Staat schafft zusätzliche Hafträume, weil er mit dem Einsperren von Kindern und Jugendlichen nicht mehr nach kommt.
00:19:50: Wie liefen die Verfahren ab?
00:19:51: Die rechtliche Grundlage bildete das peinliche Strafrecht der Zeit, dass auf der Konstituzio criminalis Carolina von Fünfzehnhundertzeintreißig fußte – der Halsgerichtsordnung Kaiser Karls des Fünften.
00:20:05: Für Zauberei die mit Schadenstiftung verbunden war sah sie den Feuertod vor.
00:20:10: Fürstärzbischof Max Gandolf ließ darüber hinaus eine eigene Landesgesetzgebung ausarbeiten, die nach ihm benannte Peinliche Ordnung, die das Verfahren im Erzstift regelte.
00:20:21: Das zeigt, diese Prozesse waren kein wilder Mob und keine aufgebrachte Dorfgemeinschaft mit Fackeln.
00:20:27: Sie waren das Werk einer geordneten, aktenführenden juristisch geschulten Staatsverwaltung.
00:20:33: Jedes Verhör wurde protokolliert, jedes Urteil wurde begründet – der Schrecken trug Amtstracht!
00:20:40: Ich erzähle euch einmal den typischen Ablauf wie er sich aus den Akten rekonstruieren lässt….
00:20:45: Verhaftung, oft schon deshalb weil jemand einen Namen genannt oder eine andere Person belastet hatte.
00:20:51: Güttliche Befragung – bei Leugnung die Androhung der Folter, die sogenannte Terizion, bei der dem Gefangenen die Werkzeuge gezeigt und erklärt wurden.
00:21:02: Dann die peinliche Befrage selbst.
00:21:04: Die Fragen waren so gestief und folgten einem festen Katalog.
00:21:08: Kennst du den Jackel?
00:21:09: Wo hast Du ihn getroffen?
00:21:11: Was hat er dich gelehrt?
00:21:12: Wen hast Du dabei
00:21:13: gesehen?!
00:21:14: Die Antworten der gefolterten Kinder fügten sich so zwangsläufig zu immer demselben Muster.
00:21:20: Teufelspackt, Zauberpulver, Schadenzauber, Hostienschändung Wettermachen.
00:21:25: Jedes neue Geständnis schien die Vorherrigen zu bestätigen – in Wahrheit bestätigte die Folter nur sich selbst.
00:21:34: Das Verfahren kannte dabei sogar eine eingebaute Sicherung, die auf den Papier vor Justiz ihr Tümmern schützen sollte und die in der Praxis zur Fass wurde.
00:21:43: Einen unter Folter abgelegtes Geständnis musste anschließend gütlich, also ohne Anwendung der Folter wiederholt und bestätigt werden, ehe es als Urteilsgrundlage taugte.
00:21:55: Wer aber sein Geständniss wider rief, dem drohte schlicht die nächste peinliche Befragung?
00:22:00: Die Gefangenen lernten diese Lektion schnell!
00:22:04: Der Widerruf führte zurück in die Folterkammer – die Bestätigung führten zum Urteil.
00:22:09: Beides endete am selben Ort.
00:22:11: Dazu kamen die Haftbedingungen selbst, überfüllte kalte dunkle Verliese, schlechte Versorgung, Ketten, monatelange Ungewissheit und wie wir am Fall des Diones Feldner gesehen haben Hinweise auf eine völlige Schutzlosigkeit der inhaftierten Kinder- und Jugendlichen.
00:22:28: Manche Gefangene waren nach Wochen der Hafte in einem Zustand indem sie alles gestanden was man ihnen vorlegte.
00:22:34: Die Akten verzeichneten Geständnisse, die mit jeder Wiederholung fantastischer wurden.
00:22:39: Teufelsburschaften, Flüge durch die Luftverwandlungen und Gerichte protokollierten alles mit unbewegten Ernst.
00:22:47: Ein Detail aus den Verfahren macht die Ausweglosigkeit besonders deutlich!
00:22:52: Bei den Verhafteten suchte man nach körperlichen Merkmalen, die als Zeichen des Teufels gedeutet wurden.
00:22:57: Muttermale, Narben, Auffälligkeiten der Haut galten als sogenannte Hexen- und Teufelsmale – und damit als Indiz.
00:23:05: Ein Kind das auf der Straße aufgewachsen war, vernarbt, gezeichnet von Hunger und Krankheit trug solche in Anführungszeichen Beweise praktisch immer am Körper.
00:23:30: Die Urteile waren in der überwältigenden Mehrheit der Fälle Todesurteile und fast alle wurden an einem Ort vollstreckt Auf der Richtstätte in Gneis, südlich vor der Stadt Salzburg derselbe Ort an dem sixteenhundertfünfundsiebzig schon Barbara Koller gestorben war.
00:23:45: Die Art der Hinrichtung war abgestuft.
00:23:47: Als milde Strafe galt die Enthauptung mit dem Schwert gegebenenfalls mit anschließender Verbrennung des Leichnahms – als verschärfte Form das Erdrosseln am Pfahl mit anschliessender Verbremmung, als härteste Strafe das Verbrennen bei lebendigem Leib.
00:24:02: Haltet euch vor Augen was dieses Wort Milde hier bedeutet!
00:24:06: Es bedeutet, dass einem Kind der Kopf abgeschlagen wurde bevor man seinen Körper ins Feuer warf und das die Richter dies als Gnadenakt verstanden und in den Urteilen auch so begründeten.
00:24:18: Die Verbrennung des Leichnams war dabei kein bloßer Akt der Entsorgung – sie hatte theologische Bedeutung!
00:24:24: Das Feuer sollte den Körper des Verurteilten restlos vernichten und ihn damit nach dem Geständnis der Zeit auch die leibliche Auferstehung am jüngsten Tag
00:24:33: nehmen.".
00:24:34: Ein Grab gab es nicht, die Asche wurde verstreut oder vergraben.
00:24:38: Die Strafe reichte also über den Tod hinaus – sie sollte den Verurteilten aus der Gemeinschaft der Lebenden und der Toten gleichermaßen tilgen.
00:24:46: Hinrichtungen waren zu dem öffentliche Ereignisse.
00:24:50: Sie fanden vor Publikum statt, wurden von der Kanzel angekündigt und dienten der Obrigkeit ausdrücklich als Abschreckung und als Demonstration ihrer
00:24:58: Macht.".
00:25:00: Auf der Richtstätte von Gneiss standen in diesen Jahren also immer wieder Zuschauer und sahen zu wie Kinder starben, im festen Glauben einem gerechten Gottesurteil beizuwohnen.
00:25:12: Jetzt zu den Zahlen!
00:25:13: Ich nenne sie euch so wie die Forschung sie nennt – und die Forschungen nennt keine einzige glatte Zahl.
00:25:19: Sie nennt eine spannweite je nachdem welcher Zeitraum und welche Gerichtssprengel mitgezählt werden….
00:25:25: Je nach Zielweise wurden im Zusammenhang mit dem Zauberer-Jackelkomplex zwischen rund zweihundert und über zweihundertdreißig Menschen verhaftet, angeklagt oder in den Prozesszusammenhang hineingezogen.
00:25:38: Hingerichtet wurden mindestens einhundertdachtend dreißig bzw.
00:25:42: einhunderteinunddreißig Menschen.
00:25:45: Andere Auswertungen kommen auf rund onehundertfünfzig, einhundertdreinfünfzig, einhundertneunundfünftig oder in weit gefassten Zählungen bis zu onhundertsechzig Hinrichtungen.
00:25:56: Allein für die Kernphase von sechzehnhundertsiebundseppzig bis sechzenhundert neunundsetzig nennt die Literatur über einhunderzwanzig Hinrichtung.
00:26:05: Egal welcher Zählung man folgt, es war die größte Hexenverfolgung auf dem Boden des heutigen Österreich und eine der größten Verfolgungswellen des späten siebzehnten Jahrhunderts in Mitteleuropa überhaupt.
00:26:18: Hinter diesen Zahlen stehen Menschen – über Sie wissen wir aus den Akten erstaunlich viel!
00:26:24: Die Mehrheit der Hingerichteten war männlich.
00:26:26: Je nach Zählung spricht die Forschung von mehr als zwei Drittel männlicher Opfer Ein auffälliger Unterschied zu vielen klassischen europäischen Hexenprozessen, in denen überwiegend Frauen angeklagt und hingerichtet wurden.
00:26:39: In Salzburg starben vor allem Buben, Jugendliche und junge Männern.
00:26:44: Die Mehrheit war jung – ein Großteil der Hingerichteten war unter zwanzig, viele waren Kinder.
00:26:50: Die jüngsten Angeklagten waren nach den Quellen etwa drei bis fünf Jahre alt, Kleinkinder die im Zuge der Verfolgung mit ihren Familien oder Battlegruppen aufgeriffen wurden.
00:27:01: Bei den jüngsten Hingerichteten wird in der Literatur meist ein Alter um etwa zehn Jahre genannt.
00:27:07: Einzelne Darstellungen nennen als Jüngstes Todesopfer einen erst sieben oder achtjährigen Buben aus dem Pongau, Matthias Hauser, der enthauptet und anschließend verbrannt worden sein
00:27:18: soll.".
00:27:18: Diese Altersangaben zeigen zugleich, wie schwer die genaue Rekonstruktion im Detail sein kann.
00:27:25: Am anderen Ende der Altersskala steht Margarete Rheinberger, die mit etwa achtzig Jahren hingerichtet wurde für die damalige Zeit eine uralte Frau.
00:27:35: Fast alle Opfer stammten aus derselben Schicht – Bettler, Wagierende, Abdecker, Mittelose!
00:27:41: Die Verfolgung traf nahezu ausschließlich die Ärmsten der Armen.
00:27:46: Bürger, Bauern mit Hof, Handwerker mit Zumpfzugehörigkeit blieben von dieser Welle so gut wie verschont.
00:27:52: Das ist ein dokumentierter Befund und er wird uns im zweiten Teil der Folge noch sehr
00:27:56: beschäftigen.".
00:28:18: Die heißeste Phase der Verfolgung liegt zwischen sixteenhundertsieben, siebzig und sechzehnhunderteinundachtzig.
00:28:24: In diesen Jahren findet er weit aus größteteil der Hinrichtungsstadt.
00:28:28: Danach ebt die Welle ab – Sie endet aber nicht!
00:28:31: Vor allem im Lungau, dem südöstlichen abgelegenen Gebirgsgau des Erzstifts kommt es auch in den Folgejahren immer wieder zu einzelnen Prozessen und Hinrichtungen im Zusammenhang mit dem Jackelkomplex.
00:28:44: Die Forschung beschreibt diese späteren Verfahren als Nachbeben der großen Welle.
00:28:51: Der Mann, in dessen Namen alle diese Urteile gesprochen und vollstreckt worden waren.
00:28:59: Unter seinen Nachfolger Johann Ernst von Thun laufen die letzten Verfahren aus.
00:29:04: Das Jahr sixteenhundertneinzig gilt in der weitesten Forschungszählung als Endpunkt der Zauberer Jackelprozesse.
00:29:11: Fünfzehn Jahre nachdem in Golling ein Opferstock geplündert worden war kommt die Maschine zum Stillstand.
00:29:19: Eine Bilanz dieser fünfzehn weit über hundert Tote, die meisten von ihnen Kinder und Jugendliche.
00:29:25: Ein Land dessen vagierende Unterschicht dezimiert und in Todesangst versetzt worden war – und ein Hauptbeschuldigter der nie vor Gericht stand, nie verhaftet wurde, nie auch nur sicher gesehen
00:29:37: wurde.".
00:29:38: Jakob Koller, der Zauberer Jackel verschwindet aus den Akten wie er hineingekommen war als Name, als Behauptung, als Schatten.
00:29:45: Kein Sterbeeintrag, kein Grab, kein Ende.
00:29:49: Die Justiz des Erzstift Salzburg hat in seinen Namen Hunderte verfolgt und weit über hundert Menschen getötet – ihn selbst hat sie nie
00:29:57: bekommen.".
00:29:58: So weit die Ereignisse wie die Akten Sie überliefern!
00:30:01: Jetzt steigen wir tiefer….
00:30:03: denn diese Geschichte wirft Fragen auf, die sich mit bloßer Chronologie nicht beantworten lassen.
00:30:09: Warum geschah das ausgerechnet in Salzburg?
00:30:11: Warum so spät?
00:30:12: Warum traf es Jungen statt Frauen?
00:30:15: Und was glaubten die Verantwortlichen eigentlich selbst?
00:30:33: Beginnen wir jetzt mit dem Boden, auf dem das alles wuchs.
00:30:37: Das Erzstift Salzburg war im siebzehnten Jahrhundert ein wohlhabendes Fürstentum.
00:30:42: Wohlhabend allerdings vor allem dank des Salzhandels und der Bergwerke deren Eträge in die fürstlichen Kassen und in die prachtvolle Barockeresidenz stattflossen.
00:30:52: Auf dem Land sah es anders aus.
00:30:54: Die Gerichtsprotokolle der Jackelprozesse selbst dokumentieren, in welch bitterer Armut große Teile der Landbevölkerung lebten.
00:31:02: Missernten, Unwetter- und Überschwemmungen setzten den Bauernfamilien zu – ein Teil der Ernte musste zusätzlich an die Grundherrschaft abgeliefert werden!
00:31:11: Familien, die ihre Kinder nicht mehr ernähren konnten schickten sie zum Betteln oft getrennt voneinander durch verschiedene Täler damit nicht alle an derselben Tür
00:31:21: anklopften.".
00:31:22: So entstand eine ganze Bevölkerungsschicht, die dauerhaft auf der Straße lebte.
00:31:26: Bettler, Vaganten, wanderte Tagelöhner, verweiste und verstoßene Kinder!
00:31:32: Wie sah das Leben dieser Kinder aus?
00:31:34: Die Verhörprotokolle geben darüber ungewollt erschütternde Auskunft, denn die Richter fragten die Verhafteten nach ihren Wegen, Kontakten- und Schlafplätzen aus.
00:31:44: Die Kinder zogen von Hof zu Hof und von Markt zum Markt, schliefen in Stellen, scheunen unter freiem Himmel Verdinkten sich saisonal als Hütejungen oder Erntehelfer und lebten ansonsten von Almosen, gelegentlichem Diebstahl- und kleinen Betrügereien.
00:32:00: Viele kannten ihre Eltern kaum – oder hatten sie früh verloren?
00:32:04: Ihre Welt hatte eigene Regeln, eigene Routen, eigene Hierarchien!
00:32:09: Eine Parallelgesellschaft der Ausgestoßenden die der sesshaften Bevölkerung fremd und unheimlich war….
00:32:16: Zeitgenössische Obrigkeiten in ganz Europa sprachen von Bettelunwesen und betrachteten es als Plage- und Sicherheitsrisiko.
00:32:24: Bettlerverordnungen, Bettelferbote und Ausweisungen gehörten überall zum Repatriar der Politik.
00:32:31: Einheimischen Armen wurden Bettelzeichen ausgegeben, fremde Bettler über die Grenze geschafft – Wiederkehrer mit Prügel, Brandmarkung oder Zwangsarbeit bedroht.
00:32:41: Das Erzstift Salzburg bildete da keine Ausnahme Im Gegenteil.
00:32:46: Vor diesem Hintergrund versteht ihr, warum die Forschung die Jackelprozesse später als Fortsetzung der Bettlerpolitik mit anderen tödlicheren Mitteln deuten wird.
00:32:55: Der Hexereivorwurf traf eine Gruppe, die der Staat ohnehin seit Jahrzehnten loswerden wollte und mit den gewöhnlichen Mitteln des Polizeirechts nicht los geworden war.
00:33:06: In dieser Welt lebte Jakob Koller Und in dieser Welt, das ist durch die Verhörprotokolle gut belegt.
00:33:12: Auch wenn jede einzelne Aussage unter Zwang entstand und entsprechend vorsichtig zu lesen ist, zogen tatsächlich Gruppen junger Bettler gemeinsam durch das Land vor allem durch den Pongau und den Lungau.
00:33:23: Die Forschung hält es für plausibel dass Jakob Kolla eine solche Gruppe um sich scharte – und dass er auf jüngere Battlekinder eine charismatische Wirkung hatte!
00:33:32: Überliefert ist aus den Aussagen auch, die Mitglieder hätten sich durch Blutsfreundschaft miteinander verbunden.
00:33:38: Also durch ritualisierte Treue schwüre wie sie in Jugendbanden aller Epochen vorkommen.
00:33:44: Ob und in welcher Form es solche Rituale wirklich gab lässt sich aus erfolterten Aussagen nicht sicher rekonstruieren – Die Forschung hält einige geheime Bräuche dieser Straßenkinder aber für gut möglich!
00:33:56: Aus Sicht der Obrigkeit war der Weg von geheimen Ritualen einer Bettlerbande zum Vorwurf der Teufelsverschwörung dann nur noch ein kleiner Schritt.
00:34:19: Die zweite Zutat war die Herrschaft selbst – das Erststift Salzburg war ein geistliches Fürstentum, Kirche und Staat waren hier eng miteinander verschränkt und an der Spitze stand ein Mann, der geistliche und weltliche Macht in sich vereinte Fürst Erzbischof Max Gandolf von Kühnburg, geboren in der Mitte des Sechzehnhunderts zwanzig, regierte von sechzehntundertachtensächzig bis zu seinem Tod sechziehnhunderteundachzig.
00:34:45: Er war ein Kirchenfürst der Gegenreformation, gebildet vom und auf konfessionelle Einheitlichkeit seines Landes bedacht.
00:34:53: In seiner Regierungszeit fällt neben den Jackelprozessen ein weiteres dunkles Kapitel, die Ausweisung protestantischer Gruppen aus dem Deferegental in den Jahren sixteenhundertvierundachtzig bis sechzehnhundertsechsundachzig bei der zahlreiche Menschen ihre Heimat verlassen mussten.
00:35:10: Beide Maßnahmen zeigen denselben Herrschaftsstil – ein Landesheer der Abweichung sei sie religiöser oder sozialer Natur mit der vollen Härte des Staates beantwortete.
00:35:21: Wichtig für das Verständnis Die Jackelprozesse waren keine kirchliche Inquisition im engeren Sinn.
00:35:27: Sie waren weltliche Strafjustiz, geführt von den Hofräten und Pfleggerichten des Erdstifts nach weltlichen Strafrecht – nur dass der oberste weltliche Gerichts her eben zugleich Erzbischof war!
00:35:39: Die Forschung beschreibt ihn als ehrgeizigen und gnadenlosen Juristen, der die Verfahren mit außerordentlichem Eifer betrieb – und der nach den Quellen offenbar selbst von einer tiefen regelrecht panischen Angst vor Hexen und Zauberern getrieben war.
00:36:00: Diese Doppelnatur kalter Verfahrenstechniker- und gläubiger Demonenfürchter in einer Person macht ihn zu einer der unheimlichsten Figuren dieser
00:36:09: Geschichte.".
00:36:25: Hier kommt eine Besonderheit, die diesen Fall in der europäischen Geschichte heraushebt.
00:36:30: Der Zeitpunkt – das habe ich eben schon mal kurz angesprochen.
00:36:45: Gerichte verlangten strengere Beweise.
00:36:48: Gelehrte Juristen und Theologen hatten die Folterpraxis öffentlich in Zweifel gezogen, vielerorts fanden kaum noch Hexenprozesse statt.
00:36:55: Ausgerechnet in dieser Spätphase zündete Salzburg eine der größten Verfolgungen Mitteleuropas – Die Grausamkeit und das Ausmaß dieser Welle waren für das späte siebzehnte Jahrhundert außergewöhnlich und wirkten schon auf manche Zeitgenossen anarkonistisch.
00:37:11: Zur Einordnung der Dimensionen Die Forschung schätzt die Gesamtzahl der in der europäischen Hexenverfolgung Hingerichteten heute auf eine Größenordnung von etwa fünfzigtausend Menschen, verteilt über rund drei Jahrhunderte und einen ganzen Kontinent.
00:37:26: Die habsburgischen Erblande und der österreichische Raum waren davon im Vergleich zu den Hochburgen im Südwesten des Reichslange relativ verschont geblieben.
00:37:36: Eine einzelne regionale Welle mit weit über hundert Hinrichtungen binnen weniger Jahre, noch dazu in den Sechzehntundertsiebziger- und Sechziehnhundertachtzigerjahren war daher auch im gesamteuropäischen Maßstab ein Extremereignis – und auf dem Boden des heutigen Österreich blieb sie ohne Beispiel!
00:37:53: Auch die zweite Anomalie haben wir bereits besprochen… Das Profil der Opfer.
00:37:57: Der klassische europäische Hexenprozess richtete sich mehrheitlich gegen Frauen, oft gegen ältere Frauen.
00:38:03: In Salzburg waren deutlich mehr Männer und Jungen betroffen als in vielen anderen Hexeverfolgungen.
00:38:09: Die Forschung ordnet die Jackelprozesse deshalb einem eigenen Typus zu, der sich im siebzehnten Jahrhundert herausbildete – den Kinder- und Bettlerhexen-Prozessen bei denen sich der Verfolgungsdruck von der dörflichen Nachbarschaftskonfliktwelt auf die mobile Unterschicht verlagerte.
00:38:26: Solche Verfahren gegen Kinder und vagierende Arme sind aus dem späten siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhundert auch aus anderen Regionen des süddeutschen Raumes dokumentiert.
00:38:36: Die Salzburger Welle ist das größte und tödlichste Beispiel dieses Typus im gesamten deutschsprachigen Raum.
00:38:42: Dass Kinder dabei von Opfern der Verhältnisse zu angeklagten wurden, hängt mit einem Wandel der Wahrnehmung zusammen, den die Forschung beschreibt.
00:38:51: Aus dem unschuldigen Kind der älteren Vorstellungswelt war im Zeitalter der Konfessionalisierung vielerorts das verführbare von Natur aus zu sündeneigende Kind geworden, dass man vor dem Teufel retten musste – notfalls in der grausamen Logik der Zeit, indem er seinen Körper tötete um seine Seele zu bewahren.
00:39:10: Formulierungen dieser Art finden sich tatsächlich in Urteilsbegründung der Epoche.
00:39:28: Womit wir bei der Kernfrage wären?
00:39:30: Warum?
00:39:31: Die Geschichtswissenschaft hat darauf keine einzelne Antwort.
00:39:34: Sie hat mehrere Lesarten, die einander ergänzen.
00:39:37: Ich stelle euch die drei wichtigsten vor und ihr werdet merken dass jede für sich schlüssig klingt und erst alle drei zusammen das ganze Bild ergeben!
00:39:46: Die erste Lesart Sozialpolitik mit dem Scheiterhaufen.
00:39:50: Diese Deutung ist in der Forschung heute die Dominierende.
00:39:53: Sie liest die Jackelprozesse als Versuch der Obrigkeit, das sogenannte Bettelunwesen mit den Mitteln des Strafrechts auszurotten.
00:40:00: Die Indizien dafür sind stark!
00:40:02: Die Verfolgung traf – wie wir wissen fast ausschließlich – Bettler und Wagierende während die sesshafte Bevölkerung weitgehend verschont blieb.
00:40:10: Die Hexerei-Anklage funktionierte dabei als juristischer Hebel.
00:40:14: Betteln allein war kein Todeswürdiges Verbrechen.
00:40:17: Zauberei ist
00:40:18: schon.".
00:40:18: Wer die Bettlerkinder als Teufelsbündner verurteilte, konnte sie töten ohne das damalige Recht zu brechen.
00:40:25: Historiker haben diese Stoßrichtung drastisch auf den Punkt gebracht und von einer gezielten Verfolgung ja eine Auslöschung der untersten sozialen Schicht gesprochen.
00:40:35: In dieser Lesart waren die Prozesse weniger ein religiöser Warn als ein Herrschaftsverbrechen mit religiösem Vorwand – Sozialpolitik mit dem Schwert des Schafrichters.
00:40:49: Die zweite Lesart?
00:40:50: Echte Angst!
00:40:52: Die zweite Deutung warnt davor, die Verantwortlichen zu bloßen Zynikern zu erklären.
00:40:56: Die Quellen zeigen nämlich auch – die handelnden Personen glaubten an das, was sie taten!
00:41:01: Der Dämonenglaube war im siebzehnten Jahrhundert keine Randerscheinung.
00:41:05: Er war Bestandteil der gelehrten Weltansicht, gestützt auf Theologie und Rechtsliteratur.
00:41:10: Hofrat Zillner wird in der Literatur ausdrücklich als ein Mann beschrieben den die eigene Angst vor zauberer Antrieb, auch hier haben wir eben bereits kurz von
00:41:19: gesprochen.".
00:41:20: Der enorme Fahndungsaufwand nach einem einzelnen Bettblar, das immer weiter erhöhte Kopfgeld die Prüfung ob der Tote von Sankt Wolfgang wirklich der Jackel war.
00:41:29: All das ergibt nur Sinn wenn die Obrigkeit den Zauberer für eine reale gefährliche Bedrohung hielt!
00:41:34: In dieser Lesart waren die Prozesse das Werk von Menschen die in einem geschlossenen Weltbild gefangen waren indem jedes erfolterte Geständnis die Bedrohhung bestätigte und jede Bestätigung neue Folter rechtfertigte Ein sich selbst befeuernter Kreislauf aus Angst.
00:41:53: Die dritte Lesart, die Eigendynamik des Verfahrens.
00:42:06: Für niemanden.
00:42:08: Die Beschuldigten konnten der Folter nur entgehen, indem sie gestanden und Namen nannten.
00:42:13: Jedes Geständnis erzeugte neue Verdächtige.
00:42:15: Jeder Neue Verdächtigke bestätigte scheinbar das Ausmaß der Verschwörung – und je größer die Verschwörung schien, desto unmöglicher wurde es für die Behörden das Verfahren einzustellen ohne sich selbst ins Unrecht zu setzen.
00:42:28: Auch das ist in den Akten
00:42:30: greifbar.".
00:42:31: Das Verfahren gegen Dionys Feldner etwa zog sich über Monate, weil die Punkte seines Geständnisses einer Bestätigung bedurften – die nie gelang.
00:42:39: Verurteilt und hingerichtet wurde der Junge trotzdem.
00:42:42: Diese Lesart machte Jackelprozesse zu einer zeitlosen Fallstudie darüber wie Institutionen einmal in Bewegung gesetzt weiterlaufen auch wenn längst niemand mehr aussteigen kann ohne das Scheitern des Ganzen einzugestehen.
00:42:58: Drei Lesarten einbefund Die Sozialpolitik lieferte das Ziel, die Angst lieferten den Treibstoff und das Verfahren liefernte die Maschine.
00:43:06: Erst zusammen erklären sie wie aus einem Opferstock-Diebstahl fünfzehn Jahre Verfolgung werden konnten.
00:43:35: Jetzt wechseln wir ausdrücklich die Ebene.
00:43:38: Alles, was ihr in diesem Kapitel hört gehört in dem Bereich der Erzählung, der Sage und der erfolterten Fantasiegeständnisse.
00:43:45: Es ist überliefert aber es ist keine Tatsachenbeschreibung.
00:43:49: Es zeigt uns welches Bild die Zeitgenossen und späteren Generationen vom Zauberer Jackel im Kopf
00:43:54: trugen.".
00:43:55: In den Geständnissen der verhörten Kinder und in der Volksüberlieferung wuchs Jakob Kolla zu einer übermenschlichen Gestalt heran.
00:44:02: Es wird erzählt, der Jackel könne sich unsichtbar machen.
00:44:05: Die bequemste aller Erklärungen dafür, dass die Fahndung ihn niemals fand.
00:44:10: Es wird erzählt er könne in einen Wolf oder andere Tiere verwandeln.
00:44:14: Er könne Mäuse aus Lumpen erschaffen!
00:44:16: Wetter machen?
00:44:17: Hagel über die Felder jener Bauern schicken, die den Bettlern Almos und verweigerten.
00:44:22: Es werden erzählt, Der Teufel selbst habe ihnen die Schwarze Kunst gelehrt Und ihm gegen Eisen und Strick gefeit.
00:44:29: Der Sage nach soll er bei nächtlichen Zusammenkünften seine Anhänger in der Zauberei unterwiesen haben.
00:44:35: In manchen Überlieferungen erscheint er als düsterer Recher der Armen, der die hartherzigen strafft – in anderen als reiner Schrecken mit dem man unvolksamen Kindern drohte!
00:44:45: Sei brav, sonst hol dich der
00:44:46: Jackel!".
00:44:47: So wurde aus dem Gejagten über die Jahrhunderte eine schwarzer Mann gestalt, der Salzburger Kinder stuben.
00:44:54: Ihr erkennt das Muster.
00:44:56: Jede dieser Geschichten erfüllt eine Funktion Die Unsichtbarkeit erklärt die erfolglose Fahndung.
00:45:01: Der Wetterzauber erklärt Missernten und Hagelschläge, für die niemand etwas konnte.
00:45:07: Die Rache an geizigen Bauern verwandelt die soziale Spannung zwischen sesshaften und Bettlern in eine übernatürliche Bedrohung – so funktionieren Legenden seit jeher!
00:45:17: Sie geben dem Unerklärlichen einen Namen und dem Unglück einen
00:45:20: Schuldigen.".
00:45:22: Im Fall des Zauberer Jackel hatte diese uralte Mechanik nur einen entsetzlichen Unterschied zu anderen sagen….
00:45:28: Hier saß die Legende mit zu Gericht.
00:45:31: Die Fantasiegestalt aus den erfolgterten Geständnissen wurde in den Urteilen als reale Tatsache behandelt und auf ihrer Grundlage starben Menschen.
00:45:40: Der Vollständigkeit halber, bis heute geistert der Zauberer Jackel durch die Salzburger Sagenwelt – Durch Wanderwege, Theaterstücke und regionale Erzähltraditionen!
00:45:52: und sie hat, dass ist die bittere Poante auch seine Opfer überstrahlt deren Namen lange Zeit kaum jemand kannte.
00:46:14: Woher wissen wir das alles eigentlich?
00:46:16: Die Prozessakten der Jackelverfahren sind in erheblichen Umfang erhalten Verhörprotokolle Schriftwechselurteile Sie lagern in den Archiven und wurden von der Geschichtswissenschaft systematisch ausgewertet.
00:46:29: Grundlegend war die Arbeit des Historikers Heinz Nagel, der in den neunzehntundertsiebziger Jahren eine umfangreiche Studie über dem zauberer Jackelprozess in den Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde veröffentlichte.
00:46:42: Später hat sich vor allem der Historiker Gerard Mülleder intensiv mit dem Verfahren und ihren Opfern beschäftigt.
00:46:48: Seine Untersuchung trägt den entsprechenden Titel zwischen Justiz Teufel.
00:46:54: Daneben existieren populärwissenschaftliche Aufarbeitungen wie Wolfgang Fürwegers Buch Verbrannte Kindheit, das die Perspektive der betroffenen Kinder in den Mittelpunkt stellt.
00:47:05: Die Unterschiede in den Opferzahlen, die ich euch vorhin genannt habe, erklären sich übrigens genau aus dieser Forschungslage.
00:47:11: Je nachdem ob ein Autor nur die Kernverfahren der Jahre sixteenhundertsiebendseitig bis sechzehnhundertneunzig zählt oder den gesamten Zeitraum bis sechszehundert neunzig.
00:47:22: Ob er die Nachbeben in Lungau einrechnet oder die parallelen Verfolgungen in Nachbarregionen kommt er auf andere Summen.
00:47:29: Sogar über die Anfangs- und Enddaten der Verfolgung ist sich die Literatur uneins.
00:47:34: Die spannenden Reichen von sixteenhundertfünfundsiebzig bis sechzehnhundertneunundsebzig, übersechzehn hundertfümundsiebtzig bissechszehnthunderteinundachtzig bis hin zur weitesten Fassung, sechszehnhundertfümmundsiedzig bis Sechzehndhundert neunundneuntzig, der wir in dieser Folge gefolgt sind.
00:47:51: Seriöse Geschichtsschreibungen sieht so aus!
00:47:53: Sie nennt ihre Unsicherheiten statt sie zu glätten – das wollte ich euch nicht vorenthalten.
00:47:59: Auch die Kunst hat sich des Stoffes angenommen.
00:48:02: Der Tiroler-Dramatiker Felix Mitterer verarbeitete die Prozesse in seinem Stück, Die Kinder des Teufels das Ende der neunzehntetachtiger Jahre entstand und auch verfilmt wurde.
00:48:16: In dem Film hast du den Zauberer Jackel gekannt.
00:48:23: In der Stadt Salzburg erinnert die erwähnte Gedenktafel am Standort des einstigen Hexenturms an die dort eingekehrkerten Kinder.
00:48:32: Gemessen am Ausmaß der Ereignisse ist die öffentliche Erinnerung allerdings bis heute erstaunlich leise, Die Jackelprozesse gehören zu den weniger bekannten Kapiteln der österreichischen Geschichte und genau das war für mich einer der Gründe in diese Folge zu widmen.
00:49:09: Bleibt eine letzte Frage zu klären bevor wir zum Schluss kommen?
00:49:13: Wie ging es nach sixteenhundertneinzig weiter?
00:49:16: Die Jackelprozesse markierten das letzte große aufflammende Hexenverfolgung im Salzburgischen, ihr Ende bedeuteten sie noch nicht.
00:49:23: Vereinzelte Zauberei- und Hexereiverfahren gab es im achzehnten Jahrhundert weiterhin – im Salzburger Raum wie in den harbsburgischen Ländern.
00:49:32: Als letzte Hinrichtung wegen Hexerei auf dem Gebiet des heutigen Österreichs gilt gemeinhin der Fall der Dienstmarkt Maria Power die seventeenhundertfünfzig in Salzburg hingerichtet wurde.
00:49:43: Sie wurde mit dem Schwert enthauptet, ihr Leichner anschließend verbrannt.
00:49:47: Den endgültigen Wandel brachte die Aufklärung.
00:49:50: in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts zog die Staatsgewalt im Hexenwesen schrittweise den Boden ab.
00:49:57: Kaiserin Maria Theresia zog Zaubereiferfahren an die oberste Instanz und machte sie damit praktisch unmöglich.
00:50:06: Die Folter wurden in den österreichischen Erblanden abgeschafft.
00:50:10: Entgültig kodifiziert wurde der Bruch mit der Tortur unter Josef II.
00:50:15: Damit bestätigte sich im Nachhinein, was kritische Köpfe längst gesagt hatten – ohne Folter gab es keine Hexen!
00:50:22: Die Verschwörung des Zauberer Jackel, die Teufelspackte, die Zaubapulver – all das hatte nur in den Folterkammern existiert.
00:50:30: Man hörte auf zu foltern und das Verbrechen hörte auch zu existieren.
00:50:34: Einen klacheren Hinweis auf die Haltlosigkeit der Anklagen kann es kaum geben!
00:50:39: Und er kam für die Opfer um ein Jahrhundert zu spät.
00:51:03: Lasst uns am Ende noch einmal zurücktreten und das Ganze betrachten.
00:51:06: Die Salzburger Jackelprozesse sind True Crime im doppelten Sinn.
00:51:10: Da ist zunächst das Verbrechen, dass die Akten behaupten.
00:51:13: Eine teuflische Verschwörung von Bettler-Zauberern unter Führung eines dämonischen Anführers.
00:51:18: Dieses Verbreche hat nie stattgefunden.
00:51:21: und da ist auch noch das Ver brechen, Die systematische Vernichtung von weit über hundert Menschen, überwiegend Kindern und Jugendlichen durch einen georteten Staatsapparat auf der Grundlage von Geständnissen die unter Folter erzwungen wurden in Verfahren, die nach damaligen Recht korrekt geführt waren.
00:51:41: Aus heutiger Sicht trägt das wahre Verbrechen dieser Geschichte Robe-und Amtsiegel.
00:51:46: Der Fall lehrt uns Dreierlei – und alle drei Lektionen reichen weit über das siebzehnte Jahrhundert hinaus!
00:51:52: Erstens.
00:51:53: Ein rechtsförmiges Verfahren ist noch kein gerechtes Verfahren, jeder Schritt der Jackelprozesse war protokolliert begründet von Studierten Juristen abgesegnet und aus heutiger Sicht war das Ergebnis Justizmord in Serie.
00:52:07: Die Form des Rechts schützt niemanden wenn seine Grundannahmen wahnhaft sind.
00:52:12: Zweitens, Verfolgung sucht sich die Schutzlosen.
00:52:15: Die Welle traf fast ausschließlich Menschen ohne Stand, ohne Besitz und ohne Stimme.
00:52:21: Wer wissen will wie es um eine Gesellschaft steht sollte nicht nur auf ihre Paläste schauen – entscheidend ist auch wie sie mit ihren Bettelkindern umgeht!
00:52:29: Drittens ein Phantom ist der gefährlichste Feind von allen.
00:52:33: Der zauberer Jackel wurde nie gefasst und gerade deshalb konnte er fünfzehn Jahre lang als Begründung für alles dienen.
00:52:38: Ein Feind, den man nicht findet ist nie wiederlegt.
00:52:42: Diese Mechanik hat die Geschichte seither in vielen Gestalten wiederholt und sie funktioniert bis heute – überall dort wo unsichtbare Drahtzieher und geheime Verschwörungen herhalten müssen um sehr sichtbare Gewalt zu rechtfertigen!
00:52:56: Hier liegt der Grund warum dieser über dreihundert Jahre alte Fall in Kronik der Schatten gehört.
00:53:01: Die Zutaten der Jackelprozesse sind zeitlos.
00:53:04: Eine Gesellschaft unter wirtschaftlichen Druck, eine Randgruppe die als Bedrohung wahrgenommen wird, eine Obrigkeit die Handlungsstärke beweisen will – ein Feindbild das sich jeder über Prüfung entzieht und ein Verfahren das seine eigenen Beweise produziert.
00:53:19: Tauscht die Begriffe aus!
00:53:20: Hexerei gegen andere Anklagen, Bettlerkinder gegen andere Sündenböcke, Folterprotokolle gegen andere Formen erzwungener oder verzerrter Aussagen.
00:53:29: Und ihr findet dieselbe Struktur in Schaubrozessen, moralischen Paniken und Verschwörungserzählungen bis in unsere Gegenwart!
00:53:37: Die Geschichtswissenschaft untersucht die Hexenprozesse seit langem genau unter diesem Gesichtspunkt Als Lehrstück darüber was geschieht, wenn Angst macht und Verfahren sich gegenseitig verstärken und niemand mehr die Notbremse zieht.
00:53:50: Wer verstanden hat wie aus einem Opferstock Diebstahl in Golling, fünfzehn Jahre Verfolgung wurden erkennt die Anfänge solcher Dynamiken auch anderswo.
00:53:58: Das ist der eigentliche Wert dieser Geschichte über das Erinnern an die Opfer hinaus.
00:54:04: Von Jakob Koller selbst bleibt am Ende fast nichts.
00:54:06: Ein Name in Akten, ein Steckbrief ohne Festnahme – ein junger Mann vom untersten Rand der Gesellschaft dessen größtes nachweisbares Vergehen darin bestand, der Sohn seiner Mutter zu sein und der zur Begründung für eine der grössten Verfolgungswellen Mitteleuropas wurde, ohne je vor seinen Richtern zu stehen.
00:54:26: Was aus ihm wurde werden wir mit größter Wahrscheinlichkeit nie erfahren!
00:54:30: Die Schatten haben ihn
00:54:31: behalten.".
00:54:32: Die Namen, die bleiben sollten sind andere.
00:54:34: Barbara Koller, Dionys Feldner, Matthias Hauser, Margarete Rheinberger und all die vielen deren Namen nur noch in den Archivbeständen
00:54:44: bestehen.".
00:54:45: Damit sind wir am Ende dieser Folge angekommen!
00:54:47: Wenn sie euch etwas mitgegeben hat dann erzählt anderen davon – diese Geschichte hat es verdient bekannter zu sein als sie ist.
00:54:55: Wenn ihr mich und Chronik der Schatten unterstützen möchtet, bewertet den Podcast gern auf eurer Plattform und schreibt mir einen Kommentar oder eine Nachricht.
00:55:02: Ihr findet mich bei Instagram unter chronik.der.schatten-Podcast.
00:55:07: Mich würde sehr interessieren welche Stelle dieser Geschichte hat euch am meisten erschüttert oder zum nachdenken gebracht?
00:55:13: Und habt ihr schon einmal von den zauberer Jackelprozessen gehört?
00:55:17: Danke dass ihr mit mir durch die Schatten gereist.
00:55:19: seid und bleibt wachsam für die Geschichten hinter den Geschichten!
00:55:43: Hmm... Legende und Wahrheit suchst du?
00:55:47: Jede Seite ein Flüstern, das tief in dir spricht Bis die Realität Finsternis bricht.
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