Rosemarie Nitribitt – Pohlmann, der Freispruch und der Mythos | Teil 4
Shownotes
Dies ist Teil 4 von 4 unserer gemeinsamen Reihe über Rosemarie Nitribitt.
Im finalen Teil geht es zunächst um Heinz Christian Pohlmann. Er war ein enger Bekannter Rosemaries und rückte im Laufe der Ermittlungen immer stärker in den Fokus. Wir sprechen über seine Nähe zu ihr, seine finanziellen Schwierigkeiten, den Raubmordverdacht, seine Verhaftung im Februar 1958, seine vorläufige Freilassung Ende 1958 und die spätere Anklage wegen Mordes in Tateinheit mit besonders schwerem Raub.
Außerdem geht es um den Prozess vor dem Frankfurter Landgericht, der am 20. Juni 1960 begann. Im Mittelpunkt standen Indizien, Geldspuren, mögliche Alibis und vor allem der umstrittene Todeszeitpunkt. Die Verteidigung griff genau diesen Punkt an – mit Folgen. Am Ende sprach das Schwurgericht Heinz Pohlmann frei, weil seine Schuld aus Sicht des Gerichts nicht bewiesen werden konnte.
Der Freispruch bedeutete juristisch das Ende des Verfahrens gegen Pohlmann. Für den Fall selbst bedeutete er jedoch keine Aufklärung. Der Mord an Rosemarie Nitribitt blieb ungeklärt.
Danach schauen wir auf das Nachleben des Falls. Rosemarie wurde nach ihrem Tod zur Schlagzeile, zur Projektionsfläche und schließlich auch zur Filmfigur. Es geht um frühe Filmpläne, um „Das Mädchen Rosemarie“ von Rolf Thiele mit Nadja Tiller, um die Rolle von Produzent Luggi Waldleitner und Erich Kuby, um Widerstände gegen die Produktion, FSK-Auflagen, die Aufführung in Venedig und den enormen Kinoerfolg des Films.
Dabei bleibt wichtig: Der Film war keine dokumentarische Rekonstruktion des Mordfalls. Er nahm Rosemaries Geschichte als Ausgangspunkt und machte daraus eine zugespitzte Gesellschaftssatire über die Bundesrepublik der 1950er Jahre.
Wir sprechen außerdem über die Wohnung in der Stiftstraße 36, spätere Nachmieter, überlieferte Episoden rund um mögliche Möbelstücke aus Rosemaries Besitz und das heutige „Nitribitt-Haus“, das inzwischen als Kulturdenkmal gilt.
Dr. Maximilian von Schattenreich führt den Fall im letzten Abschnitt noch einmal in eine größere forensische und kriminologische Einordnung. Es geht um den Vergleichsfall Helga Matura, mögliche Täterprofile, moderne Ermittlungsverfahren wie DNA-Analyse, Touch-DNA, forensische Entomologie, digitale Spuren, geografisches Profiling und Datenbanken wie ViCAP oder VICLAS. Außerdem werden offene Hypothesen zum Notizbuch, zum möglichen Motiv und zur Rolle von institutionellem Versagen eingeordnet.
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Danke, dass ihr heute wieder mit mir durch die Schatten gereist seid.
Bleibt wachsam — für die Geschichten hinter den Geschichten.
Musik-, Stimm- und Produktionsrechte Gesprochener Text, Stimme, Skript, Bearbeitung und Produktion dieser Episode liegen – soweit nicht anders angegeben – bei mir und Dr. Maximilian von Schattenreich vom Podcast „Jenseits der Beweise“.
Die Musik dieser Folge wurde von mir selbst erstellt. Verwendete KI-gestützte Musik und musikalische Elemente wurden mit Suno erstellt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag mir die entsprechende Nutzungslizenz vor.
Weitere verwendete Audioelemente, Sounds oder Medien stammen gegebenenfalls aus PowerDirector 365. Auch hierfür lag mir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die erforderliche Lizenz vor.
Alle Rechte an der konkreten Zusammenstellung, Bearbeitung und Einbindung in diese Episode liegen bei mir, soweit rechtlich zulässig und soweit nicht anders gekennzeichnet.
Hinweis: Der Mord an Rosemarie Nitribitt ist bis heute ungeklärt. Heinz Christian Pohlmann wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Täterprofile, moderne Rekonstruktionen und Deutungen zu möglichen Motiven bleiben Hypothesen und werden entsprechend eingeordnet.
Danke, dass ihr heute mit mir durch die Schatten gereist seid. Bleibt wachsam – für die Geschichten hinter den Geschichten.
Quellen und weiterführende Literatur zu Teil 4:
- Stiftung Haus der Geschichte / LeMO: Rosemarie Nitribitt – Biografie Grundlage für die Chronologie des Falls, Heinz Pohlmanns Freispruch am 11. Juli 1960, den ungeklärten Mord und spätere Stationen der Rezeption.
- Frankfurter Personenlexikon: Nitribitt, Rosemarie Quelle zu Rosemaries Frankfurter Zeit, der Stiftstraße 36, dem Indizienprozess gegen Heinz Pohlmann, dem Freispruch aus Mangel an Beweisen, dem Film „Das Mädchen Rosemarie“ und dem später denkmalgeschützten „Nitribitt-Haus“.
- LVR / Portal Rheinische Geschichte: Jennifer Striewski: Rosemarie Nitribitt Wichtige Quelle zur Biografie, zum Mordfall, zu Ermittlungen, prominenten Kontakten, Pohlmann, Nachleben, Verfilmungen und Literatur zum Fall.
- Deutsches Filminstitut / Deutsches Filmmuseum: ROSEMARIE – Begleitbroschüre Quelle zu „Das Mädchen Rosemarie“, Roxy Film, Luggi Waldleitner, Erich Kuby, Nadja Tiller, filmischer Rezeption, Quick-Berichterstattung und dem kulturellen Nachleben des Falls.
- filmportal.de: Das Mädchen Rosemarie Quelle zu den Filmdaten: BR Deutschland 1958, Regie Rolf Thiele, Drehbuch unter anderem Erich Kuby und Rolf Thiele, Nadja Tiller in der Hauptrolle, Roxy Film als Produktionsfirma und zur Einordnung als „Skandalfilm“ der Wirtschaftswunderzeit.
- Lernwerkstatt Film und Geschichte: Das Mädchen Rosemarie (1958) Ergänzende Quelle zu Inhalt, Produktion, Uraufführung am 28. August 1958 in Frankfurt, internationaler Premiere am 25. August 1958 in Venedig, FSK-Freigabe und Auszeichnungen.
- Top Magazin Frankfurt: „Nitribitt-Haus“ in der Stiftstraße ist jetzt Kulturdenkmal Quelle zur Aufnahme des Gebäudes Stiftstraße 34–36 in die Denkmalliste und zur Begründung, dass das Haus durch den Mordfall Nitribitt weit über Frankfurt hinaus bekannt wurde.
- Institut für Stadtgeschichte Frankfurt: Prostituiertenmord: Der Fall Matura Quelle zum Vergleichsfall Helga Matura, die 1966 in Frankfurt ermordet wurde, ebenfalls mit einem Mercedes-Cabrio nach Freiern suchte und deren Fall wie der Fall Nitribitt ungeklärt blieb.
- DIE ZEIT: Rosemarie Nitribitt – Ihre Renitenz kennt keine Grenze Ergänzende Quelle zu später wiederaufgetauchten Akten, dem Chaos der Ermittlungen, der Überforderung der Behörden und dem Freispruch Pohlmanns aus Mangel an Beweisen.
- NCBI Bookshelf / StatPearls: Methods of Estimation of Time Since Death Hintergrundquelle zu rechtsmedizinischen Grundlagen wie Todeszeitbestimmung, Algor mortis, Rigor mortis, Livor mortis, Mageninhalt, Verwesung und forensischer Entomologie.
- Bundeskriminalamt: DNA-Analytik Hintergrundquelle zur modernen DNA-Analyse, zur molekulargenetischen Untersuchung von Tatortspuren und zur Bedeutung von DNA-Typisierungsmustern für heutige Ermittlungen.
- Bundeskriminalamt: Fallanalyse und Täterprofile Hintergrundquelle zu Operativer Fallanalyse, Täterprofilen sowie den Datenbanksystemen ViCAP und ViCLAS als moderne Ermittlungsinstrumente.
- D. Kim Rossmo: Geographic Profiling Hintergrundquelle zum geografischen Profiling als kriminalistischer Methode, bei der Tatorte und relevante Aufenthaltsorte analysiert werden, um Ermittlungen räumlich einzugrenzen.
- Brent E. Turvey / Manuel Esparza Hg.: Behavioral Evidence Analysis – International Forensic Practice and Protocols Hintergrundquelle zur verhaltensbasierten Tatortanalyse und zur Einordnung von Tatverhalten, Modus Operandi, Signatur und Täterprofilen.
Literaturhinweise:
- Helga Dierichs: Rosemarie Nitribitt – Tod einer Hure, in: Helfried Spitra Hg., Die großen Kriminalfälle, München 2003.
- Martina Keiffenheim: Edelhure Nitribitt. Die Rosemarie aus Mendig, Aachen 1998.
- Erich Kuby: Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind, Hamburg 1961.
- Wendelin Leweke: Gretchen und die Nitribitt. Frankfurter Kriminalfälle, Frankfurt am Main 1991.
- Christian Steiger: Rosemarie Nitribitt. Autopsie eines deutschen Skandals, Königswinter 2007.
- Bernd Ulrich: Rosemarie Nitribitt, in: Joachim Scholtyseck / Bernd Ulrich Hg., Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007.
Mein Mikro findet ihr hier: https://amzlink.to/az0fmj3oRmgSC
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Transkript anzeigen
00:00:03: Hallo meine lieben Shadows, schön dass ihr wieder da seid.
00:01:02: Heute kommen wir zum vierten und letzten Teil unserer Kooperation zwischen mir, Antje von Chronik der Schatten und Dr.
00:01:08: Maximilian von Schattenreich vom Podcast jenseits der Beweise.
00:01:12: In den ersten drei Teilen haben wir Rosemarine Detribütz leben – ihren Aufstieg, ihrem Tod, den Tatort die Ermittlungsprobleme und die Spuren in Richtung einflussreicher Kontakte betrachtet.
00:01:22: Wenn ihr die Folgen noch nicht gehört habt hört sie euch doch zuerst an und kommt dann wieder hierhin zurück!
00:01:31: Im Mittelpunkt steht Heinz-Christian Polmann, ein Mann der Rosemarikante, der in den Fokus der Ermittlungen geriet und der schließlich wegen Mordes in Tarteinheit mit besonders schweren Raub angeklagt wurde.
00:01:43: Es geht um Indizien, finanzielle Motive, mögliche Zugriffsmöglichkeiten, widersprüchliche Spuren und um einen Prozess in dem Vieles was zunächst belastend wirkte am Ende an Beweiskraft
00:01:54: verlor.".
00:01:55: Wir sprechen über den Beginn des Prozesses im Juni, über die Zweifel am Todeszeitpunkt und über die Probleme der Spurensicherung.
00:02:07: Wichtig ist dabei, Polmann wurde freigesprochen – nicht weil das Gericht einen anderen Täter sicher benennen konnte sondern weil die Beweise für eine Verurteilung nicht ausreichten.
00:02:17: Danach schauen wir auf das Nachleben des Fals.
00:02:19: Auf Rosemaries Beisetzung, auf frühe Presse und Filmverwertung, auf das Mädchen Rosemarie, auf die öffentliche Erinnerung und auf die Frage warum dieser Fall bis heute so stark nachwirkt.
00:02:35: Achtung Triggerwarnung.
00:02:37: Auch im finalen Teil geht es um Mord Gewalt Tod Prostitution Öffentliche Verdächtigung Und mediale Verwertung eines realen Menschen.
00:02:46: Bitte hört nur weiter wenn ihr euch damit wohl fühlt.
00:02:53: Teil vier ist der Abschluss dieser Reihe und vielleicht auch der Teil, der am deutlichsten zeigt warum Rosemarinetribit bis heute mehr ist als ein Kriminalfall.
00:03:30: Dr.
00:03:30: Maximilian von Schattenreich hat euch in einen Raum geführt – der größer ist als jede einzelne Tat!
00:03:36: In das Kraftfeld aus Einfluss, Angst vor Bloßstellung und dem Wunsch dass bestimmte Dinge bitte privat bleiben.
00:03:44: Auch dann wenn sie längst ein Fall für die Öffentlichkeit geworden sind.
00:03:48: An diesem Punkt beginnt mein Kapitel.
00:03:50: Egal wie viele Namen in Notizbüchern stehen und wie viele Gerüchte im Treppenhaus einer Stadt kreisen.
00:03:56: Ein Rechtsstaat klagt am Ende Menschen an, er setzt einen Namen auf die Anklagebank, er richtet den Blick auf ein Körper der im Gerichtssaal sitzt.
00:04:05: Der Fall Nitribit bekommt nach Monaten, nach Jahren und nach unzähligen Schlagzeilen genau so eine
00:04:12: Zuspitzung.".
00:04:13: Der Name lautet Heinz-Christian Polmann.
00:04:16: Vieles haben wir schon gehört.
00:04:18: Den Tatort, der keine Nullstunde bekam – die Hitze, die Fenster und die Unordnung.
00:04:23: Einen Todeszeitpunkt, der von Anfang an zur Diskussion wurde.
00:04:27: Ab hier richtet sich den Blick auf den Versuch aus all dem eine Anklage zu formen und auf die Gründe, warum sie am Ende nicht
00:04:34: trägt.".
00:04:50: Der erste November, in ihrer Wohnung ist der Tag an dem Rosemarine-Tribit in der Stiftstraße thirty-six gefunden wird.
00:04:58: Von außen sieht das nach sofortigen Ermittlungen aus, von innen wirkt es oft wie ein Kampf gegen Nebel.
00:05:05: Was am Tatort selbst fehlt muss man sich anders verholen im Leben des Opfers!
00:05:10: Wer war regelmäßig da?
00:05:12: Wer konnte kommen ohne dass es im Hausflur auffällt?
00:05:15: Wer hatte Gründe zu wissen wann sie allein war?
00:05:17: Wer kannte ihre Gewohnheiten – aus Nähe, aus Alltag und Vertrautheit mit ihrem Rhythmus?
00:05:23: Das sind keine romantischen Fragen, es sind die ersten Klammern mit denen eine Mordkommission versucht Ordnung in etwas zu bringen das schon in den ersten Stunden so viel Bewegung bekommen hat.
00:05:34: In diesem Raster ist Heinz Polmann früh präsent – er taucht weder als bloß vernahme aus einem Gerücht auf noch als schillernde Randfigur aus späteren Legenden.
00:05:43: In späteren Zusammenfassungen erscheint er als enger bekannter, teils ausdrücklich als Hausfreund beschrieben.
00:05:50: Als jemand der in Rosemarys Alltag vorkam für sie einkaufen ging und dessen Anwesenheit im Umfeld der Nitribit nicht automatisch als verdächtig auffiel.
00:06:00: Darin liegt der erste Grund warum so jemand überhaupt in den Fokus geraten kann.
00:06:05: Nähe ist kein Beweis – Nähe schafft Möglichkeiten.
00:06:10: Werner dran ist, braucht keinen Einbruch, kein Zufall und keinen komplizierten Plan um in einen Raum zu kommen.
00:06:16: Ein solcher Mensch fällt weniger auf als ein Fremder!
00:06:20: Aus Sicht der Ermittler ist das ein logischer Anfang weil man ihn greifen, befragen und überprüfen kann.
00:06:25: Der zweite Grund ist weniger psychologisch eher brutal praktisch – Geld.
00:06:31: Früher wird der Fall als möglicher Raubmord diskutiert.
00:06:33: Hierüber haben wir bereits mehrfach gesprochen.
00:06:36: Dieser Gedanke beweist zunächst nichts.
00:06:38: Er liefert ein Motiv, das in sich plausibel klingt – vor allem in einer Zeit, in der Bargeld im Alltag eine weit größere Rolle spielte als heute und in einem Umfeld, in dem nicht alles über Überweisung oder Kontoauszug
00:06:51: läuft.".
00:06:53: Rosemarie soll Bargeld besessen und teils in der Wohnung aufbewahrt haben.
00:06:57: Nach damaliger Darstellung fehlte später Geld.
00:07:00: Über die genaue Höhe dieser Summe, über die Art der Aufbewahrung und über die Zuverlässigkeit einzelner Angaben wird später viel gestritten – auch deshalb weil der Tatort selbst nicht die Klarheit geliefert hat, die man dafür
00:07:13: bräuchte.".
00:07:14: Für die frühe Ermittlungslogik reicht oft schon die Richtung.
00:07:18: Wenn ein Raubmotiv im Raum steht schaut man zuerst auf Menschen, die wissen könnten wo Geld liegt und die nah genug wären es zu nehmen.
00:07:26: So kippt die Fragestellung sehr schnell.
00:07:28: Aus wer könnte es gewesen sein, wird?
00:07:31: Wer passt in dieses Szenario und wer lässt sich mit diesem Szenarium verbinden?
00:07:36: An dieser Stelle beginnt der Mechanismus, der Pullman später kaum noch loslässt.
00:07:41: In den Monaten nach dem Mord verdichtet sich der Blick auf ihn nicht durch eine einzelne harte Spur sondern durch eine Indizienlinie, die in späteren Zusammenfassungen immer wieder als zentral genannt wird.
00:07:53: Seine finanzielle Lage und sein Verhalten nach der Tat.
00:07:56: Polmann war eben nicht bloß irgendwie verschuldet.
00:07:59: Hinter seiner Lage stand bereits ein ganz konkreter beruflicher Absturz.
00:08:03: Er gried bei seinem Arbeitgeber in Köln in massive Schwierigkeiten.
00:08:07: In den ersten November-Tagen�undneunzehntenundfünfzig erhielt er die Kündigung.
00:08:11: Gleichzeitig zahlte er bereits am fünften November bar einen hohen Betrag für einen neuen Mercedes.
00:08:18: Zwischen dem sechsten und elften November erstattete er seinem letzten Arbeitgeber weitere erhebliche Summen, offenbar in der Hoffnung einer Strafanzeige wegen Unterschlagung zu entgehen.
00:08:28: Damit bekommt sein mögliches Motiv eine deutlich härtere Kontur.
00:08:32: Es geht um weit mehr als allgemeine Schulden, es geht um einen Mann dem das berufliche und strafrechtliche Wasser bereits bis zum Halt stand.
00:08:40: Hinzu kommt ein weiterer Punkt der aus Sicht der Ermittler schwer wog.
00:08:44: Pullmann war kein unbescholtener Bürger – er war bereits mehrfach vorbestraft unter anderem wegen Betrugs-und Diebstahls.
00:08:51: Das macht aus ihm juristisch noch keinen Mörder!
00:08:53: Es erklärt aber warum die Polizei in ihm früh einen besonders plausiblen Verdächtigen sah.
00:09:00: Der Kontrast, der danach sichtbar wird, wirkt aus Ermittlersicht fast wie ein Fingerzeig.
00:09:05: Ein Mann, der finanziell am Ende scheint, wirk plötzlich zahlungsfähig.
00:09:09: In einem Fall in dem Geld als mögliches Tatmotiv mitgedacht wird, wird genau dieser Kontrast zu einem Signal.
00:09:17: Ein Signal ersetzt allerdings keinen Beweis – ein plötzlicher Geldfluss kann viele Ursachen haben!
00:09:23: Legale illegale geliehene verschobene.
00:09:26: Ermittlungen müssen daraus erst eine Herkunft machen….
00:09:29: Aus einer Beobachtung wird an dieser Stelle ein Verdacht.
00:09:32: Er hat Geld und wir müssen klären, ob es dieses Geld ist!
00:09:36: In der Logik wie sie später beschrieben wird entsteht daraus einen Verdachtsknoten.
00:09:41: Polmann stammt aus dem Nahbereich also scheint Zugang möglich.
00:09:45: Ein Raubmotiv steht im Raum Also wirkt Geld als Motiv denkbar.
00:09:50: Kurz nach der Tat zeigt sich plötzlich Zahlungsfähigkeit also ein auffälliger Bruch im Verhalten.
00:09:56: Das reicht nicht für Schuld Es reicht aber, um einen Menschen in eine Rolle zu drücken, die im öffentlichen Raum sehr schnell zur Hauptrolle wird.
00:10:03: Der greifbare
00:10:04: Verdächtige.".
00:10:25: Am sechsten Februar in den letzten Jahren wird Heinz Polmann verhaftet.
00:10:30: Dieser Schritt ist wichtig weil er dem Moment markiert indem die Ermittler sagen der verdacht stark genug dass wir ihn festhalten.
00:10:37: Eine Verhaftung ist kein Urteil.
00:10:39: sie ist kein Beweis das es so war!
00:10:41: Sie ist ein Zeichen dafür dass man an dieser Stelle die Richtung ernst macht.
00:10:45: Im Fall Nitribit basiert dieser Schritt nach späterer Darstellung auf genau dieser Mischung.
00:10:51: Nähe, Zugriffsmöglichkeiten, Raubverdacht und die auffällige finanzielle Veränderungen nach der Tat.
00:10:57: Damit ist der Punkt erreicht an dem aus Ermittlungsarbeit etwas werden muss das juristisch funktioniert.
00:11:03: Ermittlungen dürfen offen sein.
00:11:04: Ermitlungen dürfen widersprechen.
00:11:06: Ermittelungen dürfen sich irren und später korrigieren.
00:11:10: eine Anklage braucht mehr sie braucht eine Linie.
00:11:13: Trotzdem musste die Staatsanwaltschaft aus all dem eine klare gerichtsfeste Geschichte formen.
00:11:19: Diese Geschichte klang nüchtern gesprochen ungefähr so.
00:11:22: Ein Mann aus dem Nahbereich hatte Zugang, nach damaliger Darstellung fehlte Geld.
00:11:27: Kurz nach der Tat wirkte genau dieser Mann plötzlich zahlungsfähig.
00:11:31: Das passte zu einem Raubmotiv – das Zeitfenster auf das man sich festgelegt hat ließ sich mit dieser Spur verbinden.
00:11:40: Hier liegt die eigentliche Spannung dieses Fals, ohne dass man Polmann dafür künstlich zum Täter zeichnen muss.
00:11:46: Es geht nicht darum ob eine Geschichte schlüssig klingt – es geht darum wie schnell sich ein Fall der an entscheidenden Stellen unscharf bleibt auf etwas verengt was am greifbarsten wirkt.
00:11:56: Greifbar heißt in diesem Fall kein Name der einen ganzen Raum zum Schweigen bringt sondern ein Name den man festnehmen kann!
00:12:04: Ein Mann ohne Schutzschicht aus Diskretion, Anwälten und Einfluss.
00:12:08: Ein Mann dessen finanzielle Spuren sichtbar wirken und dessen Nähe zum Opfer aus Ermittlersicht eine einfache Erklärung liefert, warum er überhaupt in der Wohnung gewesen sein
00:12:17: könnte.".
00:12:18: Das ist kein Beweis – das ist eine Richtung!
00:12:21: Eben diese Richtung wird später vor Gericht bis ins Letzte getestet weil ein Rechtsstaat am Ende nur dort stehen bleiben darf wo es trägt.
00:12:29: Wenn es nicht trägt bleibt Zweifel.
00:12:43: Im Fall Nitri Bit passiert etwas, dass die Sache nicht klarer macht sondern lauter.
00:12:47: Der Mord wird zur nationalen Geschichte.
00:12:49: Wochenlang beherrscht er Titelseiten sorgt für enorme Auflagen und macht Rosemarie zu Projektionsflächen.
00:12:58: Am neunzwanzigsten Dezember, also knapp elf Monate nach der Verhaftung wird Heinz Polmann vollläufig freigelassen, nachdem sich mehrere Indizien auf die sich der Verdacht gestützt hatte als nicht tragfähig oder schlicht falsch erwiesen.
00:13:15: Noch am selben Abend tritt er vor die Presse!
00:13:17: Dieser Schritt ist ein Wendepunkt.
00:13:19: Er zeigt, für Untersuchungshaft reicht die Grundlage in diesem Moment nicht mehr aus – das heißt nicht dass damit automatisch alles erledigt ist, es heißt nur der Verdacht ist nicht stabil genug um ihn weiter festzuhalten.
00:13:32: Die Ermittlungen können trotzdem weiterlaufen mit einem Beschuldigten der draußen ist aber nicht aus dem Blickfeld verschwindet.
00:13:43: Wie wir bereits kurz von Dr.
00:13:44: Maximilian gehört haben, schließt Polmann einen Vertrag mit der Münchner illustrierten Quik und verkauft seine Erinnerungen an Rosemarie Nettribet.
00:13:52: Ab dem siebzehnten Januar neunzehntneinundfünfzig beginnt das Blatt mit dem Abdruck seiner Version des Falles.
00:13:59: Die Quik setzt eine Belohnung von fünfzigtausend D-Mark für Hinweise aus die zur Ergreifung des Mörders führen.
00:14:05: dieselbe Summe stellen auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft Für.
00:14:10: damalige Verhältnisse sind das Beträge, die nicht nur nach Aufklärung klingen sondern auch nach Ereignis.
00:14:16: Der Mordfall wird zur öffentliche Sache – zum Dauergerücht – zur Ware.
00:14:20: An dieser Stelle stehen zwei Dinge nebeneinander, die sich eigentlich stören müssten.
00:14:25: Ein Mordfall der vor Gericht Beweise braucht ein Medienereignis, dass Geschichten braucht.
00:14:30: Geschichten gibt es jetzt überall!
00:14:32: Das gilt für Erzählungen über die Reichen, über die Besseren und ebenso für Polmann.
00:14:37: Er ist frei, aber er ist nicht frei von der Rolle die man ihm gegeben hat.
00:14:42: Zu dieser Phase gehört noch ein Detail das seinen öffentlichen Eindruck weiter prägt.
00:14:46: Am vierten Juni, neunzehnhundertneinundfünfzig wird Polmann wegen Unterschlagung bei seinem letzten Arbeitgeber in Köln zu sechzehn Monaten Gefängnis verurteilt.
00:14:55: Am ersten Februar, neunsächzig tritt er diese Haftstrafe an!
00:14:59: Der Mordprozess läuft später also nicht gegen einen Mann ohne weitere strafrechtliche Geschichte, sondern gegen jemanden der in einer anderen Sache bereits verurteilt ist.
00:15:09: Für die öffentliche Wahrnehmung ist das fatal – Die Frage hat er diesem Mord begangen?
00:15:14: verschiebt sich dadurch leicht in Richtung.
00:15:16: wozu wäre dieser Mann grundsätzlich fähig?
00:15:19: Juristisch müsste beides sauber getrennt bleiben.
00:15:22: Öffentlich geschieht das nur selten Dann vergeht Zeit.
00:15:26: Irgendwann muss der Staatsanwalt entscheiden, ob er den Verdacht endgültig fallen lässt oder ihn vor Gericht trägt.
00:15:33: Am neunzwanzigsten März, nineteenhundertsechzig, teilt die Frankfurter Oberstaatsanwaltschaft mit, dass gegen Heinz-Polmann Anklage erhoben wird – Mord in Tarteinheit mit besonders schwerem Raub!
00:15:45: Damit wird aus einem Fall, der längst im Schaufenster der Öffentlichkeit liegt, offiziell ein Verfahren.
00:15:55: Im Juni-Ninzehntsechzig beginnt am Frankfurter Landgericht der öffentliche Prozess gegen Heinz Poelmann vor dem Schwurgerecht.
00:16:01: Der Prozess startet am zwanzigsten Juni, das Interesse ist enorm – Zuschauer stehen schon frühmorgens an um überhaupt einen Platz zu bekommen!
00:16:10: Zeitgenössische Berichte sprechen von drückender Sommerhitze im Saal und einer Verantwortung die spürbar über allem hängt.
00:16:17: Hier soll Licht in ein Dunkel gebracht werden, obwohl jeder weiß wie viel Schatten bereits entstanden
00:16:22: ist.".
00:16:23: Pullmann ist wegen Raubmordes angeklagt.
00:16:26: Er bestreitet die
00:16:27: Tat.".
00:16:28: Die Ausgangslage ist damit klar, das Gericht muss nicht entscheiden ob es eine starke Vermutung gibt!
00:16:33: Es muss entscheiden ob die Anklage beweisen kann dass diese Vermutungen die einzig tragfähige Erklärung sind.
00:16:39: An diesem Punkt beginnt das Kräftemessen das dem Prozessprojekt Indizien gegen Alibis und noch entscheidender Indizieren gegen Zweifel.
00:16:52: Zwei davon sind aus dem Ermittlungen bereits bekannt.
00:16:55: Nähe und Zugang auf der einen Seite, Geld- und mögliche Motivlage auf der anderen.
00:17:00: Polmann war als Hausfreund in Reichweite der Wohnung – zugleich wirkte seine persönliche Zahlungsfähigkeit nach der Tat in den Augen der Ermittler schwer belastend.
00:17:08: Daraus ergab sich aus Sicht der Anklage ein plausibles Gesamtbild auch wenn jede einzelne Beobachtung für sich noch keine Schuld bewies.
00:17:17: Die dritte Säule ist Zeit.
00:17:18: Die Ermittler hatten sich früh auf ein Tatzeitfenster konzentriert und auf den neunzwanzigsten Oktober, da siebenfünfzig als angenommene Tatzeit.
00:17:27: Das wäre die klassische Schlinge – Nähe, mögliches Motiv, kein Alibi im relevanten Zeitraum!
00:17:33: Ausgerechnet diese dritte Säule ist im Fall Nitribit zugleich der Wundepunkt.
00:17:37: Darin liegt der Grund warum der Prozess als Indiziumprozess so schwierig wird.
00:17:42: Das Zeitfenster ist nicht sauber betoniert.
00:17:45: Es ist von Anfang an
00:17:46: umstritten.".
00:17:47: Im Prozess tritt mit Alfred Seidel ein Verteidiger auf, der genau dort ansetzt.
00:17:52: Seidel – ein prominenter Münchner Strafverteidiger und späterer bayerischer Innenminister greift den von der Polizei angenommenen Todeszeitpunktfrontal an und bekommt damit vor Gericht recht.
00:18:04: Im Verfahren werden Aussagen thematisiert nach denen Rosomarie noch nach dem ursprünglich angenommenem Todestag gesehen worden sein soll.
00:18:12: Hinzu kommt das unfassbare Problem am Tatort.
00:18:15: Die eintreffenden Kriminalbeamten maßen nicht nur weder die Temperatur der Leiche noch die Umgebungstemperatur in der extremen warmen, fußbodenbarsten Wohnung.
00:18:24: Schlimmer noch!
00:18:25: Weil sie den Verwesungsgeruch und die Hitze nicht ertrugen, rissen sie einfach die Fenster auf.
00:18:30: Sie vernichteten damit das Mikroklima des Tatorts und verhinderten endgültig dass jemals ein exakter Todeszeitpunkt bestimmt werden konnte.
00:18:38: Sobald so etwas im Raum steht verändert sich alles – aus.
00:18:42: er hat kein Alibi.
00:18:43: wird für welchen Zeitpunkt genau?
00:18:45: Wenn diese Frage nicht sicher beantwortet werden kann, wird auch die Indizienkette nicht sicher.
00:18:51: So entsteht im Gerichtsaal das was in der Öffentlichkeit oft wie Ausweichen aussieht – juristisch aber zwingend ist!
00:18:58: Der Zweifel zieht in die Mitte.
00:19:00: Die Verteidigung muss dabei nicht beweisen, dass Polmann unschuldig ist.
00:19:03: Sie muss nur erreichen, das die Kette nicht geschlossen werden kann und die vermeintlich härtesten Indizien der Kripo zerfallen im Gerichtssaal regelrecht zu Staub – eine graue Anzughose Polmanns auf der man frische Blutflecken vermutete wie es in Wahrheit nur alte Rostflecken aus einem defekten Autokühler auf.
00:19:22: Zudem bewiesen Zeugen ,dass Polmann diese Hose bereits beim Schneider abgab als Rosemarianitribit noch nachweislich am Leben
00:19:28: war.".
00:19:29: Und ausgerechnet der Milchreis, den er ihr am Mittag des vermuteten Tarttages kochte wurde zu seinem besten Alibi.
00:19:37: Da die Gerichtsmedizin feststellte dass sie noch kurz vor ihrem Tod davon gegessen hatte – der Topf aber Reste eines ehemals vollen Inhaltsaufwies musste sie nach ihrem letzten Besucher noch länger gelebt haben.
00:19:49: Darin liegt die Tragik dieses Prozesses.
00:19:51: Er ist nicht nur ein Kampf um wer wahr ist, er ist auch ein Kampf gegen die Folgen der ersten Tage.
00:19:56: Gegen das verschenkte Fundament, gegen die Unschärfen, die man später nicht mehr nachholen kann.
00:20:02: So wird der Prozess zu einem Wettstreit zwischen zwei Bedürfnissen.
00:20:05: Draußen will man eine Antwort – drinnen darf man nur verurteilen wenn man sie beweisen
00:20:10: kann.".
00:20:11: Dazu kommt ein Satz aus der späteren Urteilsbegründung, der den Fall bei Nah auf einen Kern reduziert.
00:20:17: Das Frankfurter Schwurgericht hält an jenem Tag etwas Weitauszynischeres fest als es die Öffentlichkeit wahrhaben will.
00:20:23: Der Vorsitzende Richter offenbarte später Das Gericht glaubte sehr wohl daran, dass Heinz Pohlmann das viele Geld der toten Rosemarine Nettribit gestohlen hatte.
00:20:33: Aber so die kühle juristische Logik der Kammer ein Dieb zu sein bedeutet nicht zwingend auch der Mörder zu sein.
00:20:40: Da man seine Täterschaft in der eigentlichen Mordsache nicht mit letzter Sicherheit erkennen konnte musste er freigesprochen werden.
00:20:47: Das ist juristisch ein Schlüsselsatz!
00:20:49: Er sagt nicht, dass der Verdacht gering war – er sagt, dass den Verdacht nicht ausreichte um Diebstahl und Mord in einer Person zu
00:20:55: beweisen.".
00:20:56: Nach Ansicht des Schwurgerichts besaß der Angeklagte für den später in betrachtkommenden Zeitraum ein Alibi.
00:21:02: Damit bricht die Anklage an der Stelle weg, an der sie eigentlich hätte schließen müssen.
00:21:07: Der Prozess dauert insgesamt dreizehn Verhandlungstage.
00:21:10: Jede dieser Sitzungen führt letztlich an dieselbe Grenze.
00:21:14: Die Indizien bleiben sichtbar – eine geschlossene Kette entsteht daraus nicht.
00:21:39: Am elften Juli-Ninzenhundertsechzig fällt das Urteil im Prozess gegen Heinz Pohlmann Freispruch aus Mangel an Beweisen In einzelnen Kroniken wird auch der zwölfte Juli als Ende des Verfahrens geführt.
00:21:50: Der Kern bleibt derselbe Die Verurteilung gelingt nicht.
00:21:54: Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt Sie Staatsanwaltschaft akzeptiert das Urteil und verzichtet auf Revision.
00:22:00: Juristisch ist das Verfahren damit beendet.
00:22:03: Dieser Freispruch klingt in Akten nüchtern und wirkt trotzdem schwer.
00:22:07: Er sagt Nicht, er war es nicht!
00:22:09: Er sagt Wir können es nicht beweisen.
00:22:12: An diesem Punkt bündelt sich alles, was wir seit Kapitel drei und vier immer wieder berührt haben.
00:22:16: Die Unsicherheit beim Todeszeitpunkt, die frühen Versäumnisse am Tatort, die Indizien, die nicht zu einer geschlossenen Kette
00:22:23: werden.".
00:22:24: Mit dem Freispruch wird die Sache juristisch nicht gelöst – sie wird beendet!
00:22:28: In späteren Einordnungen bleibt vor allem eines stehen...die Ermordung Rosemarine Tribitz bleibt ungeklärt.
00:22:34: Daraus entsteht dieses seltsame Nachhallen das man bei großen Fällen kennt… und dass im Nitribitfall besonders deutlich wirkt, weil die öffentliche Erwartung so riesig war.
00:22:44: Die Öffentlichkeit war da.
00:22:46: Sie war nicht nur interessiert, sie war regelrecht beteiligt.
00:22:49: Schon vor dem Prozess gab es eine enorme mediale Begleitmusik – die Belohnungssummen, die Aufrufe, die Serien und die Berichterstattung.
00:22:57: Im Prozess selbst war das Interesse so groß dass Menschen früh morgens anstanden um überhaupt in den Saal zu kommen.
00:23:03: Dieser Fall war längst mehr als Ermittlungsarbeit, er war ein Ereignis!
00:23:08: Dieses Eregnis endet nicht mit einer Tatwaffe, nicht einem Geständnis oder einem klaren Sovael sondern mit einem juristisch-nüchternen nicht beweisbar.
00:23:18: Wenn man dieses Urteil später als eine Enttäuschung der Öffentlichkeit beschreibt, dann reicht ein schlichtes Achselzucken als Bild eigentlich nicht aus – dafür war der Fall viel zu präsent, viel zu aufgeladen, vielzu sehr zum nationalen Ereignis geworden.
00:23:32: Daher traf der Freispruch einen Nerv!
00:23:34: Nicht weil er gleichgültig machte, sondern weil er keine Auflösung
00:23:37: bot.".
00:23:38: Für viele fühlte sich ein Freispruch in so einem Fall wie Lehrer an.
00:23:46: Er darf nicht verurteilen, weil eine Geschichte schlüssig wirkt.
00:24:13: Je weniger Gewissheit desto mehr Deutung, je mehr Deutschung desto größer die Legenden, die sich in die Lücken setzen.
00:24:19: Der Fallenitribüt ist dafür fast ein Lehrstück.
00:24:21: Lange vor dem Urteil war Rosemarie in der Öffentlichkeit nicht mehr allein eine Person – sie war längst eine Figur, Projektionsfläche und Symbol für Doppelmoral auf Stieg, Lust, Angst und gesellschaftlichen Abgrund.
00:24:34: Mit dem Freispruch wird dieses Symbol nicht kleiner!
00:24:37: Es wächst weiter weil die Wahrheit fehlt an der man es festnageln
00:24:40: könnte.".
00:24:41: Die eigentliche Tragödie liegt damit auf zwei Ebenen.
00:24:44: Eine junge Frau bleibt tot, ihr Mörder unbekannt.
00:24:47: Gleichzeitig wird die Geschichte, die sich über sie legt, irgendwann lauter als das was man wirklich beweisen kann.
00:24:54: Heute endet dieses Kapitel dort wo ein Gericht enden muss – beim Zweifel!
00:24:58: Das Gefühl von ….
00:24:59: und das war's ist kein Fehler im Erzählen.
00:25:02: es ist der Kern des Falss erendet nicht mit einem Täter.
00:25:07: Aus dieser Lehrstelle erklärt sich, warum man bei Rosemarine Tribet nie nur einen Mordfall erzählt.
00:25:13: Miterzählt wird immer auch die Geschichte eines Landes das an der Aufklärung dieses Falls etwas über sich selbst hätte lernen können und es am Ende nicht tat.
00:25:49: Nach dem Prozess blieb etwas zurück dass ich kaum greifen ließ.
00:25:53: Heinz Polmann wurde freigesprochen, weil seine Schuld aus Sicht des Gerichts nicht bewiesen werden konnte.
00:25:58: Für den Rechtsstaat war das entscheidend – ein Verdacht reicht nicht aus!
00:26:03: Auch dann nicht wenn ein Fall die Öffentlichkeit bewegt… auch dann nicht, wenn vieles merkwürdig wirkt ….
00:26:09: verurteilt werden darf nur was beweisen
00:26:11: ist.".
00:26:12: Für Rosemarie Nitribit bedeutete dieses Urteil aber auch ihr Tod blieb ungeklärt.
00:26:17: Es gab keinen rechtskräftig verurteilten Täter Keine entgültige Antwort, keine saubere Auflösung.
00:26:24: Irgendwann konnten Akten geschlossen werden – die Fragen blieben!
00:26:28: Wenn eine Geschichte so offen endet entsteht ein Raum.
00:26:31: Ein Raum bleibt selten leer, erfüllt sich mit Gerüchten, Deutungen Mutmaßungen Erinnerungen Zeitungsartikeln Büchern und Filmen.
00:26:40: Im Fall Rosemarini-Tribit kam noch etwas hinzu.
00:26:43: Ein enormes öffentliches Interesse an ihrer Person Rose Marie war schon zu Lebzeiten in Frankfurt aufgefallen, nach ihrem Tod wurde sie endgültig zu einer Figur auf die sehr viel projiziert wurde.
00:26:56: Luxus, Sexualität, sozialer Aufstieg, moralische Empörung, Neid, Angst vor Enthüllung – der Glanz des Wirtschaftswunders mit all seinen Schatten!
00:27:07: An dieser Stelle verändert sich die Geschichte.
00:27:09: Aus einer realen jungen Frau wurde nach und nach eine öffentliche Figur.
00:27:14: Aus einem ungeklärten Mordfall wurde Stoff für Schlagzeilen.
00:27:18: Aus Rosemarie-Nitribitt wurde ein Symbol, das die junge Bundesrepublik offenbar sehr viel stärker berührte als vielen lieb war.
00:27:26: Rosemari wurde am elften November nineteenhundertsiebenundfünfzig auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beigesetzt.
00:27:32: Zu diesem Zeitpunkt war der Fall längst mehr als ein lokaler Kriminalfall – Zeitungen und Illustrierte berichteten intensiv!
00:27:40: In einer Gesellschaft, die nach außen gern geordnet, sauber und moralisch gefestigt wirken wollte wurde aus den Nitribit fast ein Schlagwort.
00:27:49: Es ging um einen Mord – es ging aber auch um die Frage was diese Gesellschaft sehen wollte, was sie verurteilte und was sie trotzdem faszinierte.
00:27:58: Schon am neunten November, nineteenhundertsiebenundfünfzig also noch vor Rosemarie's Beilsetzung schrieb die Frankfurter allgemeine Zeitung über dem Mythos-Nitribit.
00:28:08: In diesem Zusammenhang war von Neugier moralischer Überlegenheit, Schadenfreude, Neid und Ekel die Rede.
00:28:15: Diese Worte zeigen ziemlich deutlich wie schnell sich der Blick verschob.
00:28:19: Rose Marie war nicht mehr nur die junge Frau, die ermordet worden war.
00:28:23: sie wurde zu einem Spiegel für die Gefühle anderer Menschen.
00:28:26: sehr schnell interessierte sich auch die Filmbranche.
00:28:30: Nach späteren filmhistorischen Darstellungen soll bereits wenige Tage nach dem Fund der Leiche, der erste Filmtitel angemeldet worden sein.
00:28:38: Der Fall Nitribit mit dem Zusatz das Leben und Schicksal der blonden Rosemarie.
00:28:44: Auch weitere Teile sollen in dieser frühen Phase kursiert oder angemelt worden sein – darunter Namen wie Polizei-Akte Mannekin Isabel oder Rose Marie aus dem Tagebuch eines Mannekins.
00:28:56: Allein diese frühe Titel erzählen schon viel.
00:28:59: Sie zeigen, wie schnell aus einem realen Todesfall ein Thema wurde das nach Kinos, Skandal und Vermarktung klang.
00:29:06: Natürlich muss man hier vorsichtig bleiben – solche Angaben stammen aus Filmhistorischen und späteren Darstellungen.
00:29:13: Für unsere Einordnung ist aber wichtig, wie Schnell der Fall Nitribit offenbar als erzählbärer und verkaufbarer Stoff wahrgenommen
00:29:20: wurde.".
00:29:21: Der Mord war noch frisch, die Ermittlungen liefen.
00:29:23: Die Beisetzung hatte nicht stattgefunden.
00:29:26: Trotzdem begann bereits die Umwandlung dieser Geschichte in
00:29:29: Unterhaltung.".
00:29:31: Das ist ein unangenehmer Gedanke – denn Rosemarine Nittribit war kein Mythos, sie war kein Filmstoff!
00:29:37: Sie war zunächst einmal ein Mensch, eine junge Frau mit einer schwierigen Kindheit, mit Brüchen und versuchen sich ein eigenes Leben aufzubauen und mit einem gewaltsamen Tod der nie vollständig aufgeklärt wurde….
00:29:49: Umso schwerer wirkt ein weiteres Detail, das in späteren Darstellungen zum Film immer wieder auftaucht.
00:29:55: Rosemarys Mutter soll der Münchner Roxy-Filmgesellschaft rechte bzw eine Zustimmung für die filmische Verwertung von Rosemaris Leben übertragen haben – auch hier ist eine vorsichtige Formulierung wichtig!
00:30:07: Es geht um eine überlieferte Darstellung aus dem Umfeld der Filmproduktion….
00:30:11: es ist kein Punkt den man leichtfertig moralisch aburteilen sollte….
00:30:16: Trotzdem bleibt ein bitterer Eindruck.
00:30:18: Rosemarie hatte zu Lebzeiten versucht sich von ihrer Herkunft, von Fürsorge, Heimen und Fremdbestimmung zu lösen.
00:30:25: Nach ihrem Tod wurde er neut über ihr Leben entschieden – diesmal über Verträge, Produktionspläne und Drehbücher.
00:30:32: Am Ende setzte sich die Roxy-Film GmbH vom Produzent Luggy Waldleitner durch.
00:30:38: Der Film der daraus entstand hieß Das Mädchen Rosemarrie.
00:30:42: Regie führte Rolf Thiele Die Hauptrolle spielte Natja Tiller.
00:30:46: Die Idee zur Verfilmung kam von Erich Kubi.
00:30:49: Er wollte nach Darstellung des deutschen Filminstituts keinen reinen Kriminalfilm drehen, geplant war ein gesellschaftskritischer Film über die Bundesrepublik der Fünfziger Jahre.
00:31:00: Das ist wichtig für die Einordnung – das Mädchen Rosemarie war keine dokumentarische Rekonstruktion des Mordfalls!
00:31:07: Der Film nahm Rosemaris Geschichte als Ausgangspunkt und machte daraus eine satirische zugespitzte Abrechnung mit der Wirtschaftswunderzeit.
00:31:15: Auch zur Gage von Natia Tilla gibt es eine bemerkenswerte Angabe, die in späteren Darstellungen auftaucht.
00:31:22: Demnach soll ihr für die Rolle eine feste Gage vom Ableibung von bis zu hundert und zwanzig Tausend Mark zugesichert worden sein.
00:31:28: Diese Zahl fällt deshalb auf weil sie in der Nähe jener Summen liegt, die Rosemarinitribid nach Angaben aus dem Ermittlungsumfeld ungefähr als Vermögen hinterlassen haben soll!
00:31:38: Die echte Rosemarie war tot.
00:31:40: Die Filmfigur Rosemari wurde zum großen Kino-Ereignis, während die reale Frau keine Gerechtigkeit mehr erleben konnte begann ihr Name wirtschaftlich und kulturell weiterzuleben.
00:31:51: An diesem Punkt muss man sehr vorsichtig fragen wo endet Gesellschaftskritik?
00:31:55: Und wo beginnt die Verwertung eines realen Lebens?
00:31:59: Der Film war ohne Frage wichtig, er war mutig, modern und für die fünftiger Jahre sehr direkt.
00:32:05: Er zeigt die Doppelmoral einer Gesellschaft, die sich nach außen moralisch gab und hinter verschlossenen Türen ganz anders funktionierte.
00:32:11: Gleichzeitig profitierte der Film von genau jener Faszinationen, die Rosemarie nach ihrem Tod umgab – sie wurde zur Projektionsfläche!
00:32:19: Für Schuld?
00:32:20: Für Begierde?
00:32:21: Für
00:32:21: Empörung?!
00:32:22: Für all das was in dieser Zeit lieber nicht offen ausgesprochen.
00:32:26: Besonders deutlich wird das an den Reaktionen auf die Dreharbeiten.
00:32:30: Sobald der Film konkret wurde, stießen die Macher auf Widerstand.
00:32:34: Mehrere Unternehmen wollten mit der Produktion nicht in Verbindung gebracht werden.
00:32:38: Laut deutschen Filminstitut wollten Firmen wie Mercedes-Benz, Aral und Opelwerke nichts mit dem Film zu tun haben.
00:32:45: Auch der Dreh im Frankfurter Hof wurde untersagt.
00:32:48: Das Hotel setzte sogar durch, dass im Film bei Szenen im Foyer Die Einblendung Palasthotel verwendet wurde.
00:32:54: Die Räume des Hotels wurden daraufhin in den Berliner CCC Studios detailgetreu nachgebaut.
00:33:01: Das bedeutet natürlich nicht, dass diese Firmen oder Einrichtungen etwas mit dem Mord zu tun hatten.
00:33:06: Eine solche Behauptung wäre falsch und unzulässig – es zeigt aber wie groß die Sorge war, mit dem Fall Nitribit öffentlich in Verbindung gebracht zu werden!
00:33:14: Der Name Rosemarie Nitribitt war zu diesem Zeitpunkt so aufgeladen, das allein eine Kulisse, ein Autohaus, eine Tankstelle oder ein Hotelname offenbar als Risiko empfunden wurde….
00:33:25: Nach späteren Darstellungen soll es auch beim Thema Mercedes schwierige Situationen gegeben haben.
00:33:31: Aufnahmen vor einem Verkaufssalon seien nicht genehmigt worden.
00:33:35: Teilweise wird berichtet, die Filmcrew habe versucht einzelne Außenaufnahmen verdeckt zu drehen – weil Mercedes-Benz keine Fahrzeuge stellen wollte, mussten die Produzenten offenbar auf Privatbesitzer zurückgreifen und passende einhundert neunzig SL Modelle organisieren!
00:33:51: Auch Opel soll sich verweigert haben.
00:33:53: Für einzelne Szenen wicht das Team deshalb auf andere Orte aus, diese Details zeigen aus meiner Sicht weniger eine große Verschwörung als viel mehr ein Klima der Nervosität.
00:34:03: Niemand wollte in der Nähe dieses Skandals sichtbar
00:34:05: werden.".
00:34:06: Bei Aral kam es ebenfalls zu Ärger – nach späteren Berichten fürchtete der Konzern eine Herabsetzung seiner Marke weil die Filmrosomarie an einer Szene an einer Arald-Sapssäule zu sehen war.
00:34:18: Die Szene musste schließlich entfernt werden!
00:34:21: Auch hier liegt der entscheidende Punkt nicht allein darin, dass ein Markenname in einer Szene auftauchte.
00:34:26: Spannend ist vor allem die Reaktion darauf!
00:34:29: Der Fall Nitribit war so stark mit Charme, Sexualität und Skandal verknüpft – das selbst ein kurzer sichtbarer Bezug offenbar als Gefahr für ein sauberes öffentliches Bild empfunden wurde.
00:34:40: Besonders interessant ist auch die Sache mit Ludwig Erhardt….
00:34:43: In einer frühen Fassung des Films hing in einer Szene eine Zeichnung des damaligen Wirtschaftsministers Ludwig Erhardt neben Rosemarie Spett.
00:34:51: Noch vor der FSK-Prüfung ließ Produzent Waldleitner diese Zeichnungen retuschieren.
00:34:56: Hintergrund war offenbar die Sorge, der Film könne falsche Assoziationen wecken – in den Ermittlungsakten taucht Erhardts Name nach allem was belastbar bekannt ist nicht als Kunde oder Verdächtige auf!
00:35:08: Dieser Punkt ist wichtig.
00:35:09: Es ging also nicht um eine belegte Verbindung ehrheits zu Rosemarie Nitribit, es ging um die Angst vor Andeutungen, Gerüchten und politischen Schaden.
00:35:18: Der Film wurde damit schon vor seinem Kinostart zu einem empfindlichen politischen und gesellschaftlichen Thema.
00:35:25: Nach Abschluss der Dreharbeiten konnte das Mädchen Rosemari ihn nicht einfach ungestört in die Kinos kommen.
00:35:30: Produzent Lugi Waldleitner erhielt laut deutschen Filminstitut sechzehn einstweilige verfügungen.
00:35:37: Außerdem musste der Film Auflagen der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft erfüllen.
00:35:42: Am achtzehnten August, da beschloss das FSK Gremium, dass eine Szene mit marschierende Bundeswehrsoldaten und der Vorspanntext verändert werden mussten.
00:35:52: In späteren Darstellungen zur FSK-Debatte wird diese Prüfung teilweise selbst zugespitzt wiedergegeben.
00:35:58: Es heißt, man habe dem Film eine entsiedlichende Wirkung vorgeworfen oder ihn sinngemäß als Anleitung zu einem unmoralischen Leben gelesen.
00:36:07: Solche Formulierungen zeigen vor allem wie stark der Film damals als moralische Provokation empfunden wurde.
00:36:14: Der Vorspann musste verändert werden – aus einem sehr direkten gesellschaftskritischen Ton wurde eine vorsichtigere Einordnung!
00:36:22: Der Film durfte gezeigt werden, musste sich aber sichtbar absichern.
00:36:26: Noch größer wurde der Konflikt als das Mädchen Rosemarie als offizieller deutscher Wettbewerbsbeitrag für die internationalen Filmfelsspiele in Venedig ausgewählt wurde.
00:36:36: Jetzt ging es nicht mehr nur um Kino – jetzt ging es um das Bild der Bundesrepublik im Ausland!
00:36:42: Das auswärtige Amt gehörte zu den lautesten Kritikern des Films.
00:36:46: Nach Darstellung des deutschen Filminstituts warf es dem Film falsche Vorstellungen von den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen in der Bundesrepublik zu wecken.
00:36:55: Anders gesagt, man fürchtete das Ausland könne diesem Film nicht als Satire verstehen sondern als Bild der tatsächlichen Verhältnisse in Westdeutschland.
00:37:29: Das Filmreferat versuchte die Vorführung in Venedig zu verhindern.
00:37:33: Die Festspielleitung entschied allerdings selbst über ihre Auswahl, deshalb konnte die Bundesregierung die Aufführung nicht stoppen.
00:37:41: In späteren Darstellungen wird dieser Konflikt noch drastischer geschildert – dort ist von massiven Drohungen, möglichen Kürzungen von Zuschüssen und sehr abwertenden Formulierungen über den Film die Rede.
00:37:53: Auch der Ausdruck Super-Hurenfilm wird in diesem Zusammenhang überliefert.
00:37:57: Ich würde das nicht als gesichertes, amtliches Zitat in den Mittelpunkt stellen.
00:38:01: Als Beispiel für den Ton, in dem offenbar über diesen Film gesprochen wurde ist es aber bezeichnend!
00:38:07: Es zeigt wie sehr Rosemarine Tribitt auch nach ihrem Tod noch über ihre Sexualität definiert wurde – als Skandalfigur, als Problem für das Ansehen eines Staates, als Frau deren Geschichte angeblich gefährlich werden konnte wenn sie im Ausland auf einer Kinoleinwand erzählt wurde….
00:38:24: Am fünfundzwanzigsten August neunzehntundachundfünfzig wurde das Mädchen Rosemarie schließlich im Venedig unzensiert Uhr aufgeführt.
00:38:32: Während der Vorstellung gab es Szenen-Aplaus, am Ende großen Beifall!
00:38:36: Drei Tage später – am achtenzwanzigste August neunsentundachtundfünftig fand die deutsche Erstaufführung in Frankfurter Europa-Palast an der Hauptwache statt.
00:38:45: Das Interesse war so groß dass es bei der Nachmittagsvorstellung zu Gedränge kam und Sicherheitspersonal eingreifen
00:38:52: musste.".
00:38:53: All die Proteste, Eingriffe und Warnungen hatten den Film also nicht kleiner gemacht.
00:38:58: Sie machten ihn noch interessanter!
00:39:00: Die Debatte war am Ende die beste Werbung, die man sich kaum hätte ausdenken können – in Deutschland sahen mehr als acht Millionen Menschen den Film.
00:39:07: Das Mädchen Rose Marie wurde zum umsatzstärksten Kinofilm der Saison International.
00:39:15: war er ebenfalls erfolgreich.
00:39:18: Wann der Film einen Golden Globe als beste fremdsprachige Auslandsproduktion?
00:39:23: So wurde aus einem ungeklärten Mordfall eines der größten Kino-Ereignisse der Jungen Bundesrepublik.
00:39:29: Rosemarine Triebet war tot, ihr Fall blieb ungelöst – auf der Leinwand aber lebte eine Figur weiter die mit der echten Rosemarin nur teilweise übereinstimmte!
00:39:39: Der Film stellte wichtige Fragen….
00:39:41: Er zeigte Doppelmoral, Konsum, Machtverhältnisse und die Angst vor öffentlicher Bloßstellung.
00:39:59: Sie konnte nicht sagen, wo ihre Geschichte endete und wo die Fantasie Andra begann.
00:40:16: Das ist vielleicht der schwierigste Teil ihres Nachlebens – Rosemarie wurde zu Lebzeiten beobachtet, beurteilt, begehrt und moralisch eingeordnet.
00:40:25: Nach ihrem Tod ging das weiter nur in anderer Form als Schlagzeile, als Romanfigur, als Filmfigur , als Mythos, als Projektionsfläche für eine Gesellschaft, die sich an ihrem Fall rieb und gleichzeitig nicht von ihm lassen konnte!
00:40:41: Während auf der Leinwand, der Skandal weiter lebte, ging am echten Tatort das Leben weiter.
00:40:46: Das Apartmenthaus in der Frankfurter Stiftstraße thirty-sech blieb noch lange stehen – auch die Wohnung selbst verschwand natürlich nicht einfach aus der Stadt!
00:40:54: Nach späteren Berichten zogen bereits im Juni nineteenhundert und achtundfünfzig neue Meter in das Apartment ein also zu einem Zeitpunkt als der Mord an Rose Marie Nitribit noch immer in den Schlagzeilen war und der Fall längst nicht aufgeklärt.
00:41:08: Über diese Nachmieter wird berichtet, dass sie einen Großteil von Rosemarys ursprünglicher Einrichtung übernommen haben sollen.
00:41:14: Das Ehepaar lebte dort über Jahrzehnte zwischen Möbeln die einmal Rosemari gehört haben sollen – Zwischen Tischen, Sesseln und Gegenständen, die Teil ihres Alltags gewesen sein könnten!
00:41:25: Die Wohnung wurde wieder bewohnt.
00:41:26: Es wurde dort gegessen, geschlafen, geputzt, vielleicht Besuch empfangen?
00:41:30: Das normale Leben zog wieder ein während der Fall draußen weiter diskutiert wurde….
00:41:35: Ende der Ninzehundertneunziger Jahre soll er Ehemann gestorben sein.
00:41:39: Seine Frau zog später in ein Altersheim.
00:41:41: Bevor sie ging, soll das Mobiljahr dass sich noch in der Wohnung befand einfach an die Straße gestellt worden seien – für den Sperrmüll!
00:41:50: Während Rosemarie's Name längst ein Mythos geworden war, während über sie geschrieben, gedreht gestritten und spekuliert wurde sollen Spuren ihres ganz normalen Alltags irgendwann achtlos auf der Straße gestanden haben.
00:42:02: Vielleicht wusste niemand mehr genau was da eigentlich vor den Häusern lag?
00:42:06: Vielleicht griffen Trödler um Passanten zu?
00:42:09: Vielleicht verstreuten sich diese Möbel in alle Richtungen ohne dass irgendjemand wusste welche Geschichte an ihnen hing!
00:42:15: Das lässt sich heute nicht mehr sicher
00:42:16: rekonstruieren.".
00:42:17: Aber als überlieferte Episode zeigt es etwas sehr Eindrückliches.
00:42:21: Der öffentliche Mythos Rosemarie Nitribit blieb, die möglichen Reste ihres wirklichen Lebens dagegen konnten verschwinden wie alte Möbel am Straßenrand.
00:42:30: Das Haus selbst bliebt lange erhalten.
00:42:33: In späteren Berichten wurde beschrieben dass der Eingang noch Jahrzehnte später an die Fünfziger Jahre erinnerte.
00:42:39: Es gibt sogar Erzählungen über Menschen die kleine Spuren des Ortes als Souvenir mitnahm.
00:42:44: Das Gebäude, in der Stiftstraße thirty-four bis thirty-six wurde später als Nitributhaus bekannt.
00:42:51: Heute steht es unter Denkmalschutz – damit wurde aus dem Wohnhaus in dem Rosemarie Stab ein offizieller Teil der Frankfurter Stadtgeschichte.
00:42:59: Auch das ist ein seltsamer Kontrast!
00:43:01: Der Mord wurde nie aufgeklärt….
00:43:03: die reale Frau verschwand hinter Akten, Schlagzeilen, Filmbildern und späteren Deutungen.
00:43:09: Ihr Wohnhaus aber wurde zum Denkmal ….
00:43:11: am Ende bleibt keine einfache
00:43:13: Moral.".
00:43:13: Man kann das Mädchen Rose Marie als wichtigen Film sehen, als mutige Satire, als Angriff auf die Doppelmoral der Wirtschaftswunderzeit.
00:43:21: Als Werk dass etwas sichtbar machte, was viele lieber verborgen gehalten hätten.
00:43:26: Gleichzeitig lebte dieser Film vom realen Tod einer jungen Frau von einem Mord der nie geklärt wurde, von einer Biografie die schon zu Lebzeiten von Fremdbestimmung, Urteil und öffentlicher Betrachtung geprägt war.
00:43:38: Vielleicht liegt genau darin die Tragik dieses Nachlebens?
00:43:42: Rosemarini-Tribit wurde nach ihrem Tod nicht vergessen – erinnert wurde sie allerdings oft als Symbol für Luxus, für Skandal, für Sex, für Doppelmoral, für das Wirtschaftswunder und seine Schatten.
00:43:54: Hinter all dem steht eine junge Frau, die nur vierundzwanzig Jahre alt Eine Frau deren Leben komplizierter war als jede Schlagzeile.
00:44:02: Eine Frau, deren Tod bis heute ohne gerichtliche Antwort geblieben ist.
00:44:06: Vielleicht ist das der Punkt an dem man am Ende stehen bleiben muss?
00:44:09: Bei Rosemarine Trübet selbst – bei einer jungen Frau die in Frankfurt am Main ermordet wurde.
00:44:15: Bei einem Fall der offen blieb!
00:44:16: Bei einer Gesellschaft, die aus ihrem Tod sehr schnell eine Geschichte machte während die Wahrheit selbst nie vollständig ans Licht
00:44:23: kam.".
00:44:24: Und damit gebe ich ein letztes Mal ab an Dr.
00:44:26: Maximilian von Schattenreich.
00:45:00: Wir schreiben den Anfang des Jahres neunzehnhundertsechzig.
00:45:24: Neun Jahre sind seit dem Tod von Rosemarie Nitri Bitt vergangen, als die Boulevardpresse in Frankfurt plötzlich von einer erschreckenden Wiederholung berichtet.
00:45:33: Wieder geht es um eine High End-Prostituierte, die in den besten unangreifbaren Kreisen der Republik verkehrt.
00:45:40: Ihr Name ist Helga Mathura in der Szene bekannt unter dem Decknamen Karin.
00:45:46: Die Parallelen sind forensisch geradezu Deckungsgleich.
00:45:49: Wie Rosemarie führt auch Helga Mathura eine penible bürgerliche Tanexistenz, laut dem amtlichen Melderegister ist sie eine unauffällige Kauffrau für Sportartikel.
00:46:00: und wie Rosemari präsentiert sie der Gesellschaft den stehlernen Beweis ihres elitären Aufstiegs ein teures Mercedes Cabriolet das das Kennzeichen FKA-Siebzig trägt Makabre Symmetrie.
00:46:16: Helga Mathura wird getötet, attackiert von ihrem letzten Besucher mit einem profanen Pfeifenreinigerbesteck.
00:46:23: Und was tut die Frankfurter Kriminalpolizei?
00:46:26: Sie tut exakt das, was sie neun Jahre zuvor bereits meisterhaft zelebriert hat – sie kapituliert!
00:46:33: Auch dieser Mörder wird nie gefasst und der Fallgerät rasch in Vergessenheit beerdigt von einer neuen Zeit, in der die deutsche Gesellschaft bereits Versandpornos aus Dänemark konsumiert und ohnehin nicht mehr so leicht zu schockieren ist.
00:46:48: Warum ich diesen Fall hier kurz erwähne?
00:46:50: Weil der Mord an Helga Mathura – der absolute forensische Beweis dafür ist dass die Frankfurter Justiz aus dem Fall Nitri Bit rein gar nichts gelernt hatte!
00:47:01: Wer nineteenhundert siebenundfünfzig beobachtete, wie elegant man nach dem Mord an einer edelprostituierten davonkommen konnte wenn man nur zur richtigen Gesellschaft gehörte.
00:47:11: Der wusste neunzehnhundert sechsundsechzig dass das System der Straflosigkeit noch immer funktionierte.
00:47:35: Sieben Kapitel haben wir nun gehört.
00:47:38: Siebe Annäherungen an eine Wahrheit die sich jedes Mal wenn man die Hand nach ihr ausstreckte einen Schritt zurückzog wie Nebel über dem Sachsenhäuser Mainufer im November.
00:47:49: Heute schließen wir die Akte, nicht weil der Fall gelöst wäre sondern weil es an der Zeit ist das zu versuchen was im Jahr nineteenhundertsiebenundfünfzig unterblieb Die Destillation eines vollständigen forensisch begründeten möglichen Profils des Menschen der Rosemarie Nitri Bit erwirkte.
00:48:11: Beginnen wir mit dem was wir wissen – Nicht vermuten.
00:48:14: Die Obduktion, so mangelhaft sie in ihrer Dokumentation auch war lieferte einen unverhandelbaren Befund.
00:48:21: Manuelle Strangulation Kein Strick keine Schnur keine Schlinge Hände Fingerabdrücke die sich ins Kielkopfgewebe eingruben und das Zungenbein frakturierten jenes zarte u-förmige Knöchlein Das bricht wenn man mit ausreichend Kraft und ausreichent Entschlossenheit wirkt.
00:48:44: Betrachten wir diesen Befund genauer.
00:48:47: Manuelle Strangulation ist, verglichen mit einer Drosselung durch ein Hilfsmittel eine außerordentlich persönliche Tötungsform.
00:48:55: Sie erfordert physische Nähe Körperkontakt.
00:48:59: Das Opfer kann in das Gesicht des Täters sehen.
00:49:02: Der Täter kann das Sterben im Gesicht des Opfers beobachten.
00:49:06: Das dauert, selbst wenn es sich wie Sekunden anfühlt zwischen vier und acht Minuten bis der zerebrale Kreislauf so weit zusammenbricht dass der Tod eintritt.
00:49:17: Das ist keine Tat der Panik, keine Effekthandlung die in drei Sekunden verpufft.
00:49:24: Das sind eine bewusste Entscheidung – eine Tat bei der jede Sekunde eine bewuste Entscheidung getroffen wird.
00:49:32: Es gab keine Einbruchsspuren Die Wohnungstür war unversehrt.
00:49:36: Rose Marie Nitri Bitt musste ihre Mörder damit freiwillig die Tür geöffnet haben, was bedeutet dass sie ihn kannte oder Sie hatte zumindest keinen Grund ihm den Zugang zu ihrer Wohnung zu verweigern.
00:49:49: In ihrem Beruf schränkt das den Täterkreis auf eine überschaubare und in Teilen prominente Gruppe ein.
00:49:56: Zudem zeigte der Tatort keine Anzeichen einer extensiven Durchsuchung.
00:50:00: Das berühmte Schwarze Notizbuch, jenes Kompendium aus Machtverhältnissen und monetären Transaktionen fehlte.
00:50:08: Entweder hatte der Täter es gezielt entwendet oder es existierte gar nicht in der Form, in der die Presse es fantasierte.
00:50:17: Ersteres impliziert das der Tater wusste, wonach er suchen musste.
00:50:22: Er kannte Rose-Marie's Ablagesystem – er war nicht zum ersten Mal in dieser Wohnung.
00:50:39: In Kapitel sechs habe ich Ihnen bereits eine Siluette gezeigt, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer.
00:50:45: Einen Umriss – das Profil eines Mannes aus dem inneren Zirkel der die Kontrolle verlor.
00:50:51: In jenem kurzen fatalen Augenblick Ende Oktober, nineteenhunderts, siebenundfünfzig in dem die Emotion die Vernunft schlicht überrollte.
00:51:02: Nachfolgend werde ich versuchen diese Silhouette weiter auszufüllen.
00:51:07: Was ich jetzt vorhabe, ist keine Spekulation im Boulevard-Sinne.
00:51:11: Es ist forensische Induktion – der geordnete Schluss vom Befund zur Psyche von der Tat zur Täternatur in Kombination mit den klassischen Organisationsgradkategorien die zwischen dem kalkulierten kontrollierten Täter und dem desorganisierten Impulsgetriebenen unterscheiden.
00:51:30: Meine Methodik folgt dabei einerseits der Behavioral Evidence Analysis, also der verhaltensbasierten Spurenanalyse wie sie Brent Turvey ausführlich in ihrer systematischen Form beschrieben hat.
00:51:42: Im Kern handelt es sich dabei um eine Methode des deduktiven Schlussfolgans – Sie liest den Tatort nicht als bloße Ansammlung physischer Objekte sondern als geronnenes Verhalten.
00:51:54: Jede Spur, jede Positionierung, jede Abwesenheit von etwas ist ein Satz in der Sprache des Täters.
00:52:02: Und diese Sprache lässt sich entschlüsseln wie einen Fingerabdruck unter Schmutz.
00:52:07: Diese Methodik ruht auf vier Pfeilern.
00:52:10: Zunächst die forensische Victimologie Wer war das Opfer?
00:52:14: Nicht in einer sentimentalen sondern in der kriminalistischen Dimension.
00:52:19: Welchen Lebensstil pflegte es und welches Risikoprofil ergab sich daraus?
00:52:24: Warum dieses Opfer, warum dieser Moment, warum der Ort?
00:52:30: Die Antworten auf diese Fragen geben bereits Hinweise auf den Täter lange bevor ein Name fällt.
00:52:36: Der zweite Pfeiler ist die Tatortanalyse selbst.
00:52:40: Physische Spuren also DNA, Abdrücke oder Blutspritzmuster werden nicht isoliert betrachtet sondern im Kontext.
00:52:49: Wie wurde der Tatort betreten und verlassen?
00:52:53: Was geschah in welcher Reihenfolge?
00:52:55: Der Tatort selbst ist eine Art Protokoll, die Aufgabe des Ermittlers ist es dieses Protokol zu lesen!
00:53:03: Die Dritte – und für unseren heutigen Zweck entscheidende Säule – die Unterscheidung zwischen Modus operandi und Signatur.
00:53:17: Die Signatur dagegen ist das Warum jenseits des Offensichtlichen, jene Handlungen die kein taktisches Ziel verfolgen sondern ein psychologisches Bedürfnis des Täters befriedigen.
00:53:28: Der Modus operandi kann sich ändern – die Signatur bleibt in der Regel bestehen denn sie isst der Fingerabdruck der Psyche des Täter.
00:53:37: und schliesslich der vierte Baustein die Verhaltenschronologische Rekonstruktion also die Abfolge aller Handlungen vor während Und nach der Tat.
00:53:47: Ein Zeitstrahl der Entscheidung.
00:53:50: In Deutschland hat diese Methodik unter dem Begriff der operativen Fallanalyse eine eigenständige, praxisorientierte Form gefunden.
00:53:59: Axel Petermann, ihr wohl bekanntester deutscher Vertreter, hat sie um eine für den deutschsprachigen Ermittlungskontext entscheidende Komponente als tiefen Dimension erweitert – die konsequente Einbeziehung kriminologischer und sociologischer Hilfswissenschaften.
00:54:16: In Thurveys angloamerikanischem Ursprungsmodell bleibt dieser Part stärker der forensischen Psychologie überlassen.
00:54:23: Ich arbeite mit beiden Traditionen, denn der Täter im Fall Nitri Bit hat sich noch nicht für die erst Mitte der Neunzehnhundertsiebzigerjahre von Thurvey und Ende der Neuneunzehnhundertachtziger Jahre von Petermann etablierten Methoden interessieren können – wohl aber für die menschliche Psychologie, die beiden zugrunde
00:54:43: liegt.".
00:54:45: Ich werde, wo immer ich das Terrain der gesicherten Befunde verlasse, dies explizit kennzeichnen.
00:54:51: Denn die größte Sünde in der forensischen Analyse ist nicht das Spekulieren – es ist das Spekalieren ohne es zu benennen!
00:55:00: Zunächst zur Person Der Täter war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit männlich.
00:55:06: Eine manuelle Strangulation, die das Zungenbein frakturiert, erfordert eine Griffstärke und ein Körpergewicht, dass statistisch mit einem erwachsenen Mann assoziiert ist.
00:55:18: Rose Marie Nitribit war eine trainierte körperbewusste Frau.
00:55:22: Sie hätte sich gewährt – die Befunde an ihren Händen ließen soweit dokumentiert auf minimale Defensivverletzungen schließen was auf einer erhebliche Kraftüberlegenheit des Täters
00:55:34: hindeutet.".
00:55:35: Forensisch nicht belegt, aber psychologisch plausibel ist ein Täter im Alter zwischen thirty-fünf und fünfundfünfzig Jahren.
00:55:43: Jung genug für die physische Kapazität.
00:55:46: Alt genug für eine emotionale Kontrolle, die vier bis acht Minuten des Wirkens ohne einen eigenen Zusammenbruch erfordern.
00:55:55: Nun zur Sozialisation.
00:55:57: Hier wird es interessant Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer.
00:56:02: Es gibt eine Kategorie des Täters, die die Kriminologie als den machtorientierten egosyntonen Täter beschreibt.
00:56:10: Einen Menschen für denen Gewalt kein Kontrollverlust ist sondern das Instrument von Kontrolle.
00:56:17: Dieser Typus ist überproportional häufig in Milieus anzutreffen in denen Hierarchie, Status und die Unsichtbarkeit von Konsequenzen das tägliche Lebensgefühl prägen.
00:56:28: Solche Herrenreiter waren auch in Rosemarys Klientel zu finden.
00:56:33: Im übertragenen gesellschaftlichen Sinn und besonders im Kontext der deutschen Nachkriegszeit wurde dieser Begriff häufig genutzt, um einen bestimmten Typus Mann zu beschreiben – einen vermögenen und oft etwas elitären oder herablassenden Angehörigen der Oberschicht.
00:56:50: Solche Männer, zu denen unter anderem auch Gunter Sachs gezählt wurden fielen oft durch einen luxuriösen Lebensstil auf und bewegten sich selbstbewusst in entsprechenden Kreisen.
00:57:02: Ein solcher Täter hatte forensisch nicht belegt aber kriminologisch konsistent sehr wahrscheinlich kein Vorstrafenregister.
00:57:11: Er tötete nicht aus krimineller Karriere heraus sondern aus situativer Notwendigkeit.
00:57:17: Er empfand Rosemarie Nitri Bitt als Bedrohung, nicht für sein Leben sondern für sein Selbstbild.
00:57:23: Für die sorgfältig konstruierte Fassade von Respektabilität, die das Wirtschaftswunder Deutschland um seine Eliten gebaut hatte wie ein goldener Käfig mehr noch wie einen Tresor.
00:57:36: Das Notizbuch oder das was das Notizbuch repräsentierte war für diesen Menschen eine existenzielle Gefahr Nicht im physischen, sondern im sozialen und gesellschaftlichen Sinne.
00:57:48: Rufmord war die Todesstrafe, die er fürchtete – so entschied er sich zuerst zu töten!
00:57:55: Kommen wir zur Tatplanung.
00:57:57: Die Abwesenheit von Chaos am Tatort ist aufschlussreich.
00:58:01: Es wurde nicht gewütet Es wurde nie demoliert.
00:58:05: Die Wohnung war unordentlich Aber Rosemaries Wohnung war immer unordentlich.
00:58:11: Was fehlt?
00:58:12: ist eine Verwüstung, die durch Aggression entstand.
00:58:15: Erkennbar ist hingegen die Kühle mit der die Tat vermutlich als Aufgabe begriffen umgesetzt wurde.
00:58:22: Er kam mit einem Ziel – er erfüllte es.
00:58:26: Er nahm was er suchte und ging wieder.
00:58:29: Das spricht für einen organisierten Täter vorausplanend selbst kontrolliert mit einem hohen Maß an sozialer Kompetenz.
00:58:41: Er konnte am nächsten Morgen sein Büro betreten, Händeschütteln, Geschäfte führen.
00:58:48: Wer das kann?
00:58:49: Der hat es entweder geübt oder er hat ein Gewissen dass strukturell anders kalibriert ist als das der meisten Menschen.
00:58:57: Gestatten wir uns einen Blick auf die Signatur und lassen sie uns noch etwas präziser werden verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer Denn bislang habe ich ihnen beschrieben wie Rosemarie Nitribit getötet wurde.
00:59:10: Ich habe noch nicht weiter ausgeführt, was diese Wahl über den Täter aussagt.
00:59:15: Manuelle Strangulation ist keine distanzierte Tötungsart, keine Waffe die man zieht kein Gift das man mischt – sie isst und ich wähle dieses Wort bewusst körperlich geradezu intim.
00:59:29: Der Täter war so nah an Rosemarie dass er ihren letzten Atemzug spürte.
00:59:34: Forensisch nicht belegt aber kriminologisch und psychologisch konsistent ist folgende Hypothese Diese Wahl der Tötungsmethode spricht nicht für einen Täter, der Distanz suchte.
00:59:45: Sie spricht für einen, der Dominanz brauchte – nicht nur als Mittel sondern als Erleben!
00:59:52: Die Signatur dieser Tat ist Kontrolle.
00:59:56: Absolute körperliche unausweichliche Kontrolle über einen Menschen, der in der Wahrnehmung des Täters zu viel Macht über sein eigenes Leben besaß.
01:00:06: In der Fachtherminologie gibt es den Tätertyp mit der Signatur der Machtrückversicherung, der oft im Kontext von Sexualmorden oder schweren Sexualdelikten analysiert wird.
01:00:17: Dieser verfolgt das primäre Ziel sich seiner eigenen Männlichkeit Potenz und Macht zu versichern.
01:00:24: Im Fall Nitribit wäre dies allerdings eine deutlich kälter ego-synthonere Variante als im klassischen Modell Kein Sexualmord kein Reue Element Kein Zurücklassen von Zeichen, kein Ritual.
01:00:39: Der Tätertyp mit der Signatur eines Zorn-Vergeltungsmörders verübt eine spezifische Form des Tötungsdelikts.
01:00:47: Es handelt sich hierbei um eine Gewalttat die aus einer tiefen emotionalen Erregung heraus geschieht wobei das Motiv in einer wahrgenommenen oder tatsächlichen Kränkung oder einem Unrecht liegt dass der Täter durch das Opfer erfahren hat.
01:01:02: Täter und Opfer kennen sich aufgrund einer persönlichen Beziehung häufig.
01:01:07: Die Vergeltung beruht auf einer spezifischen Interaktion.
01:01:10: Der Täter sieht sich oft selbst als Opfer, und empfindet die Tat als Wiederherstellung von Gerechtigkeit oder Würde.
01:01:19: Jedoch – und hier verlassen wir den Fall nitribit wieder – ist die Tat oft emotional aufgeladen.
01:01:27: Sie weist ein hohes Maß an Gewaltanwendung auf, das über das notwendige Maß zur Tötung hinausgeht.
01:01:34: Den sogenannten Overkill.
01:01:36: Damit kommen wir zu forensischen Victimologie.
01:01:39: Rosemarie Nitri Bitt war keine naive Frau.
01:01:43: Sie war das Gegenteil – sie hatte ein feines Gespür für Gefahr!
01:01:47: Das gehört zum Überlebenswerkzeug einer Frau die ihr Geschäft unter den Bedingungen des deutschen Wirtschaftswunders betrieb ohne institutionellen Schutz, ohne Netz aber mit einem präzise entwickelten Sensorium für die Menschen, die sie in ihre Wohnung ließ.
01:02:05: Der Täter stellte für Sie zunächst keine Gefahr da – forensisch nicht belegt, aber kriminologisch konsistent ist!
01:02:12: Der Tater gehörte zu dem Kreis von Menschen gegenüber denen Rosemarie Nitri Bit keine erhöhte Alarmbereitschaft entwickelt hatte.
01:02:21: Das bedeutet er war ihr bekannt.
01:02:24: Er war ihr in irgendeiner Dimension vertraut.
01:02:29: Vielleicht war er ein regulärer Klient, vielleicht einen Mann der sich ihr gegenüber bislang in den Grenzen bewegte die sie setzte?
01:02:40: Vielleicht jemand den Sie für kontrollierbar hielt weil er es bislange war.
01:02:45: Ihre minimalen Defensivverletzungen belegen keine Abwesenheit von Gegenwehr.
01:02:50: Sie belegen eine Gegenwehr, die zu spät einsetzte oder rasch unterbunden wurde – das ist der kriminologisch wichtige Unterschied!
01:02:59: Ein Fremder hätte anders reagieren müssen….
01:03:01: ein Bekannter kam nah genug heran bevor Rosemaries Gespür Alarmsignale senden konnte.
01:03:07: Das ist das Tragische an diesem Befund.
01:03:10: Ihr Instinkt hatte sie bislang beschützt, in dieser Nacht vertraute Sie dem falschen Mann!
01:03:15: Die verhaltenschronologische Rekonstruktion verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer ist der Teil der Analyse, die am häufigsten ausgelassen wird – und am meisten verrät.
01:03:26: Die Verhaltensequenz vor, während und nach der Tat.
01:03:31: Betrachten wir diese Sequenzen genauer.
01:03:33: Vor der Tat?
01:03:35: Hypothetisch?
01:03:36: auf Basis des Tatortbefunts und der kriminologischen Konsistenz.
01:03:40: Der Täter traf eine Entscheidung.
01:03:43: Diese Entscheidung war nicht impulsiv, sie war vorbereitet.
01:03:47: Er wusste dass Rosemarie Nitri Bitt das Notizbuch besaß, er wusste oder vermutete wo sie es aufbewahrte.
01:03:55: Er wusste dass er allein mit ihr sein musste um sie zu neutralisieren und es zu finden.
01:04:01: Das alles spricht für eine Vorplanung die und das ist entscheidend keiner Aufzeichnung bedurfte.
01:04:09: Dieser Mann trug seinen Plan im Kopf, organisierte Täter dieser Kategorie arbeiten mental nicht schriftlich.
01:04:17: Während der Tat.
01:04:18: die manuelle Strangulation erfordert eine Aufrechterhaltung des Drucks gegen den Widerstand eines sich wehrenden Körpers über einen Zeitraum von mehreren Minuten.
01:04:29: Der als Reaktion auf diesen Druck einsetzende Erstickungsreflex der Laryngospasmus oder Kehlkopfkrampf verursacht unwillkürlich Bewegungen des Opfers.
01:04:40: Er kann innerhalb weniger Minuten zu hypoxischen Hirnschäden, Bradikadi und Herzstillstand führen wenn keine Notfallmaßnahmen eingeleitet werden.
01:04:49: Ein Täter, der dabei die Kontrolle behält ist entweder dissoziiert oder kalt – beides ist hier möglich.
01:04:56: In der Kombination mit dem anschließend organisierten Verhalten am Tatort neige ich zur zweiten Hypothese, Er verabschiedete sich aus dieser Wohnung mit einer Kontrolle, die forensisch nicht belegt aber psychologisch zwingend die erschreckendste Eigenschaft dieses Täters ist.
01:05:30: Er kannte seine eigene Gefährlichkeit und hatte keine Angst vor ihr.
01:05:34: In der operativen Fallanalyse nach deutschem Standard nennen wir das einen Täter mit geringer kognitiver Dissonanz.
01:05:41: nach der Tat Keine Reuehandlung, keine Überinszenierung, keine Rückkehr zum Tatort.
01:05:47: Er ging, weil er das Ziel erreicht hatte.
01:05:49: Die Tat war für ihn abgeschlossen – die Aufgabe erledigt.
01:05:54: Eine sorgfältige Analyse stellt immer die Frage, wurde der Tatort nachträglich manipuliert?
01:06:01: Dies ist die Staging-Analyse.
01:06:03: Im Fall Nitribit verdichten sich die Hinweise auf eine gezielte aber begrenzte Tatortmanipulation durch den Täter.
01:06:11: Vom Tatort wurde laut den polizeilichen Ermittlungen in erster Linie eine größere Menge Bargeld gestohlen.
01:06:18: Rosemarie Nitri Bit bewahrte bekanntermaßen erhebliche Summen im Bar in ihrer Wohnung auf, Schätzungen belaufen sich auf rund zwanzigtausend D-Mark.
01:06:28: Auffällig war dabei jedoch dass andere Wertgegenstände wie schmuck und teure Pelze in der Wohnung zurückgelassen wurden.
01:06:37: Darüber hinaus steht ein weiteres hochbrisantes Objekt im Zentrum Ihr schwarzes Notizbuch, in dem sie Kontakte und Namen prominenter Klienten notiert hatte.
01:06:47: Ein Raubmord hätte anders ausgesehen.
01:06:50: ein Täter im Effekt hätte entweder alles zurückgelassen oder alles mitgenommen.
01:06:55: Aufgrund der nachträglichen, massiven Manipulation und der geradezu leerbuchhaften Kontaminierung des Tatorts ab dem Zeitpunkt der Auffindung der Leiche und des enormen Durcheinanders am Fundort entstanden zudem Schnellgerüchte das bei den Ermittlungen auch andere Gegenstände einfach mitgegangen sein.
01:07:15: Forensisch nicht belegt aber rekonstruktiv konsistent ist dass der Täter gezielt suchte.
01:07:22: Er fand oder fand nicht?
01:07:24: Er nahm nur das, was ihn bedrohte und er ließ den Rest demonstrativ unberührt.
01:07:30: Wir sehen hier kein Staging im klassischen Sinne, dass eine Selbsttötung oder ein Fremdverbrechen vortäuschen soll – es handelt sich um eine selektive Spurenbeseitigung!
01:07:40: Der Tatort soll nicht anders aussehen.
01:07:42: Er soll unvollständig bleiben.
01:07:44: Ohne das Notizbuch fehlt der Schlüssel zur Tat, ohne den Schlüssel fehlt das Motiv, ohne das Motif fehlt der
01:07:51: Täter.".
01:07:53: Kriminologisch belegbar ist, dass Teile der Ermittlungsunterlagen – wozu persönliche Notizen, Vernehmungsbände und Aserwarte gehörten über lange Zeit schlichtweg nicht zugänglich oder nicht auffindbar waren.
01:08:07: Das berühmte Notizbuch von Rosemarie Nitribitt galt jahrelang als verschollen.
01:08:13: In der Zeit nach dem Prozess gegen Heinz Polmann hieß es offiziell das Notiz Buch sei verloren gegangen oder gar vernichtet worden.
01:08:22: Dies befeuerte jahrzehntelang Mythen über eine gezielte Vertuschung durch einflussreiche Kreise.
01:08:28: Im Jahr-Ninzehnhundertneunundneunzig schien sich dieser Verdacht auf brisante Weise zu bestätigen, wie unter anderem der Spiegelberichtete erhielten Journalisten Einsicht in die bis dahin unter verschlussgehaltenen Akten beim hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden.
01:08:45: Ihr Befund war alarmierend!
01:08:47: Die Akten waren unvollständig und neben Tonbändern und Bildmaterial fehlte ausgerechnet das Notizbuch der Ermordeten spurlos.
01:08:56: Die Wahrheit, die erst weitere vierzehn Jahre später ans Licht kam ist profaner aber nicht weniger beunruhigend.
01:09:03: Das Notiz Buch war nicht vernichtet worden.
01:09:07: Während der Großteil der Ermittlungsakten dem Hauptstaatsarchiv übergeben wurde, behielt die Frankfurter Polizei das Spurenbuch und ausgewählte Dokumentenbände offenbar einfach in ihrem eigenen Haus ein.
01:09:19: Dort wurden sie abgelegt und schlichtweg vergessen.
01:09:23: Erst im Jahr zeigtausend dreizehn stießen Archivare der Frankfurther Polizei in ihren eigenen Beständen auf diese Dokumente.
01:09:31: Darunter befanden sich Vernehmungen, erkennungsdienstliche Bilder sowie ihr Notizbuch und Liebesbriefe von Harald von Bohlen & Hallbach.
01:09:40: Dieser Befund belegt exakt eines.
01:09:43: In two years of the war the police archive Frankfurt.
01:09:48: Er belegt nicht wann das Notizbuch wieder dorthin kam nachdem es um nineteenhundertsechzig als verloren gegangen wurde.
01:09:56: Er beglebt nicht wer es Wann in Händen hielt und er belegt vor allem nicht, wann und auf welchem Weg auch immer es in den Aktenbestand zurückgelangte.
01:10:06: Der ehrliche Befund zum Notizbuch sind aus meiner Sicht daher zwei Hypothesen.
01:10:11: Hypothese A – der Täter sorgte aufgrund seines Einflusses und seines Netzwerkes dafür dass das Notizbuch aus den Asserwarten verschwand und ließ es später wieder dorthin zurücklegen.
01:10:23: Hypothese B. Das Notizbuch befand sich stets in polizeilichem Gewahrsam und verschwand durch interne Schlamperei oder aktive Unterdrückungen aus dem aktiven Ermittlungsbestand.
01:10:35: Beide Hypothesen sind aus meiner Sicht forensisch offen.
01:10:39: Was folgt daraus für das Profil?
01:10:41: Wenn Hypothes A nicht widerlegt ist, bleibt die Frage bestehen Wer hätte die Kapazität gehabt Ein entnommenes Beweismittel in den laufenden Ermittlungsapparat zurückzuschleusen.
01:10:54: Drei Täter-Konstellation lassen sich kriminologisch strukturieren und sie führen uns allesamt zu etwas Profanem und fast noch beunruhigendem, institutionellem Versagen – nicht kriminelle Raffinesse sondern Schluderei!
01:11:11: Ein Kriminalkommissar ließ während der Tatortuntersuchung Bilder aus der Wohnung verschwinden.
01:11:16: In der Nitribit-Dokumentation von Helga Dirichs erklärte er, ich wollte nicht dass die Presse diesen Mann einen Spitzenmann aus der Industrie fotografiert und dann habe ich das Bild an mich genommen.
01:11:29: Mit einem breiten Lächeln fügte er hinzu – und dann ist es weggeblieben.
01:11:34: Siebenhundert von sechstausend Seiten aus den Ermittlungsakten verschwanden.
01:11:38: Das ist kein Vergessen!
01:11:40: Das ist aktive Vernichtung aber sie geschah wahrscheinlich nicht durch den Täter selbst.
01:11:45: Sie geschah für jemanden, durch Ermittler die ihren gesellschaftlichen Auftrag mit ihrem ermittlerischen Verwechselten oder bewusst vermischten.
01:11:56: Konstellation eins Der Täter selbst hatte institutionellen Zugang.
01:12:01: Ein Mann der in Polizei Justiz Oder Verwaltung verankert war.
01:12:07: er entnahm das Buch prüfte seinen eigenen Eintrag und gab es zurück Sobald er sicher war, dass die Ermittlung ihn nicht mehr erreichte.
01:12:17: Forensisch – nicht belegt, kriminologisch konsistent mit einem organisierten Täter hoher Sozialkompetenz.
01:12:24: Konstellation II Der Täter hatte Verbindungen zu Personen mit institutionellem Zugang.
01:12:31: Ein Kommissar ein Staatsanwalt oder ein Industrieanwaltung.
01:12:35: Ein solcher Mittelsmann konnte das Buch diskret für den Täter aus den Asserwarten entwenden und später wieder zurückführen.
01:12:43: Dass ein Kriminalkommissar am Tatort Bilder verschwinden ließ, um einen Spitzenmann aus der Industrie zu schützen und dies später lächelnd einräumte belegt dass solche Loyalitäten in diesem Ermittlungsumfeld existierten.
01:12:58: Das ist kein Beweis für Konstellation II, aber es ist der Beweis dass das institutionelle Milieu für sie empfänglich war.
01:13:07: Konstellations III – Das Notizbuch wurde nie vom Täter genommen.
01:13:12: Es verschwand durch interne Manipulation Nicht um den Täter zu schützen sondern um die darin enthaltenen Namen vor der Öffentlichkeit zu bewahren.
01:13:22: Der Täter hatte mit dem Notizbuch nichts zu tun.
01:13:25: Das Bargeld war sein einziges Entwendungsziel.
01:13:29: Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, ich werde ihnen keine dieser drei Konstellationen als die Richtige verkaufen – das wäre unredlich!
01:13:38: Was ich Ihnen aber sagen kann ist dass alle drei Konstallationen ein Ermittlungsumfeld voraussetzen das bereits kompromittiert war durch Klassen-Solidarität, durch institutionellen Selbstschutz durch das stille Einverständnis einer Gesellschaft, die ihre Eliten nicht vor Gericht sehen wollte.
01:13:58: Ob der Täter das Notizbuch nahm oder nicht er konnte sich in diesem Frankfurt im Jahr nineteenhunderts, siebenundfünfzig und den fünfzehn folgenden darauf verlassen.
01:14:09: Wenn er zur richtigen Gesellschaft gehörte würde jemand anderes das Problem lösen.
01:14:14: Das ist die eigentliche forensische Erkenntnis dieser Staginganalyse.
01:14:19: Aber nun kommt die für das Profil eigentlich entscheidende Neubewertung.
01:14:23: Kriminaldirektor Albert Kalk sagte über das Notizbuch, in dem Buch standen Namen aber die waren nicht aus der großen Welt der Mächtigen und Reichen sondern ganz normale Bürger.
01:14:36: Das höchste war ein Sparkassendirektor aus Bad Homburg.
01:14:41: Das verehrte Zuhörerinnen ist ein Satz der den gesamten Mythos dieses Falles erschüttert.
01:14:47: Der Mythos lautete, das Notizbuch enthielt Namen aus dem Innersten der deutschen Wirtschaftswundergesellschaft.
01:14:55: Namen für die jemand zu töten bereit war.
01:14:57: Der Befund lautet Sechzig Namen.
01:15:00: Bürgerlicher Mittelstand ein Bankdirektor.
01:15:03: Das bedeutet nicht dass kein mächtiger Mann in Nitribitz Leben eine Rolle spielte.
01:15:09: Die Liebesbriefe von Harald von Bohlen und Halbach belegen das Gegenteil.
01:15:14: Er wurde jedoch nur kurz befragt.
01:15:16: Die Kriminalpolizei ging von einem Raubmord aus und schloss vermögende Kunden per se als Täter aus.
01:15:23: Es bedeutet aber, das Motiv der existenziellen Bedrohung durch ein Notizbuch lässt sich forensisch nicht belegen und ist nach aktuellem Kenntnisstand kriminologisch deutlich weniger plausibel als bisher angenommen.
01:15:55: Was bleibt wenn man die Legenden abzieht?
01:15:58: Wenn das Notizbuch als Entwendungsobjekt entfällt?
01:16:01: Ein Täter der wusste, dass Rosemarie Nitri Bit erhebliche Basumen in einer blauen Kassette in ihrem Wohnzimmer schrank hortete und es an sich nahm.
01:16:12: Ein Tatort ohne konstruierte Inszenierung, ohne Staging im klassischen Sinne – eine Tat die auf persönliche Nähe Vertrautheit und situative Eskalation hindeutet.
01:16:24: Nicht auf die kühl geplante Elimination einer Bedrohung.
01:16:29: Forensisch nicht belegt aber nach Aktenlage konsistenter als zuvor.
01:16:34: Der Täter handelte nicht aus kalkulierter Machtangst vor einem Notizbuch, er Handelte aus einem Motiv das Banala, aber nicht weniger tödlich ist – Beziehungsdynamik, finanzielle Abhängigkeit, Effekt oder eine Kombination von allem.
01:16:51: und wenn die einzige gesicherte Entwendung das Bargeld ist dann verschiebt sich das Täterprofil kriminologisch-konsistent erheblich.
01:17:01: Ein Täter, der ausschließlich Bargeld nimmt und die Pelze den Schmuck den schwarzen Mercedes unangetastet lässt verfolgte kein Bereicherungsmotiv im klassischen Sinne oder er kannte die Wohnung gut genug um zu wissen wo die Kassette war.
01:17:16: Beides ist kriminologisch signifikant.
01:17:19: Der erste befund – Er war kein opportunistischer Räuber.
01:17:23: Er griff gezielt.
01:17:25: Der zweite befund – Bargeld ist anonym.
01:17:28: Bargeld hinterlässt keine Spur.
01:17:30: Wer Bargeld nimmt und den Schmuck liegen lässt, denkt nicht an Gewinn.
01:17:35: Er denkt an
01:17:36: Spurenlosigkeit.".
01:17:38: Und genau dies war für die Anklage das Problem – Die Ermittler fanden in dem Appartement.
01:17:48: Der hauptverdächtige Heinz Polmann geriet, wie bereits von Anche ausführlich thematisiert in Verdacht, weil er sich kurz nach ihrem Tod einen neuen Mercedes kaufte und überraschend Schulden bei seinem ehemaligen Arbeitgeber beglich.
01:18:03: Das Gericht hatte erhebliche Zweifel an der Herkunft des Geldes das sich unmittelbar nach der Tat in seinem Besitz befand – und wir sprechen hier nicht von Portokassen!
01:18:13: Kurz vor ihrem Tod verhandelte Rose Marie Nitri Bitt mit der Frankfurter Mercedes Niederlassung über den Kauf eines schwarzen, dreihundert S-Coupés zum Preis von rund dreißigtausend Mark – eine Summe die sie in Bar zu begleichen gedachte.
01:18:30: Gleichzeitig ließ sie sich einen dreikarätigen Brillantring für achtzehntausend Mark reservieren, den Sie in den ersten Novembertagen abholen wollte.
01:18:38: Der Täter, der in diese Wohnung eindragen wusste nicht nur dass er dort eine blaue Geldkassette finden würde.
01:18:45: Er wusste das in dieser Wohnung zu diesem Zeitpunkt der Gegenwert eines halben Miethauses im Bar lag.
01:18:52: Die Anklage hätte lückenlos beweisen müssen, da genau dieses Geld aus der Wohnung des Opfers stammte Und wie wir bereits gehört haben, reichten die finanziellen Indizien letztendlich nicht aus.
01:19:03: Da unter anderem auch der genaue Todeszeitpunkt umstritten war – was zu Polmans Freispruch aus Mangel an Beweisen führte.
01:19:21: Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer erlauben sie mir nun den brutalsten Gedanken mit ihnen zu
01:19:27: teilen.".
01:19:28: Der Täter ließe sich heute forensisch massiv einkreisen.
01:19:32: Ich behaupte bewusst nicht, dass der Fall heute mit absoluter unumstößlicher Sicherheit gelöst wäre.
01:19:39: Aber die Chancen auf eine präzise Identifizierung des Mörders wären ungleich höher – ich werde Ihnen zeigen warum.
01:19:47: Methode für Methode, Technologie für Technologie Im Jahr nineteenhundert siebenundfünfzig gab es keine DNA-Forensik.
01:19:58: Diese Disziplin existierte noch nicht.
01:20:01: James Watson und Francis Crick hatten die Doppelhelix erst vier Jahre zuvor beschrieben, als theoretisches Modell weit entfernt von einer forensischen Anwendbarkeit.
01:20:11: Heute ist das anders – Die Low Copy Number DNA-Analyse erlaubt es aus weniger als zehn menschlichen Zellen ein vollständiges genetisches Profil zu erstellen.
01:20:23: Da eine solche geringe Anzahl bereits beim bloßen Anfassen einer Oberfläche übertragen wird, wird das Verfahren auch Touch-DNA genannt.
01:20:32: Ein Würgerangriff überträgt massive Mengen biologischen Materials – Epithelzellen unter den Fingernägeln des Opfers, Schweiß in den Halsfalten, Speichelspritzer bei Todesröcheln, Haarfolikel auf der Kleidung.
01:20:47: Rosemaries Hals wäre heute eine Bibliothek des Täters.
01:20:51: Sein genetisches Profil, sein biologischer Fingerabdruck könnte so präzise wie ein Personalausweis ausgelesen werden.
01:20:58: Ein Abgleich mit der heutigen deutschen DNA-Datenbank des BKA – mit über zweihundertsechzigtausend Einträgen wäre in Stunden abgeschlossen!
01:21:09: Aber selbst wenn der Täter dort nicht erfasst gewesen wäre, familiale Genealogierecherche wie sie im Jahr zwei Tausend Achtzehn im Golden State Killer Fall zum Durchbruch führte erlaubt es heute über DNA Verwandtschaftsanalysen in kommerziellen Datenbanken wie My True Ancestry oder DNA Genics Täter zu identifizieren die selbst nie eine Probe abgegeben haben.
01:21:35: Denn aufgrund fettern oder nichten, wird der Weg zum Täter zu einer mathematischen Frage der Genealogie.
01:21:44: Kapitel IV hat das katastrophale Scheitern der Todeszeitbestimmung in einem überheizten Raum ausführlich sitziert – hier daher nur das Credo der Gegenwart.
01:21:55: Mit heutiger forensischer Entomologie, also der Analyse der Madenentwicklung die sogar Temperaturkorrektur-Faktoren für überhitzte Räume einbezieht und mit digitaler Körperthermometrie Modellierung könnte das Todeszeitfenster auf plus minus zwei Stunden eingegrenzt werden.
01:22:12: Nicht Plus Minus fünf Tage wie es nineteenhundertsiebenundfünfzig faktisch der Fall war.
01:22:18: Lassen Sie mich Ihnen die ganze Absurdität dieser polizeilichen Inkompetenz an einem einzigen makabren Detail illustrieren.
01:22:27: Dem Mageninhalt der Toten.
01:22:30: Die Frankfurter Kriminalpolizei fixierte den Todeszeitpunkt Sturr auf dem späten Nachmittag des neunundzwanzigsten Oktober, weil der verdächtige Heinz Polmann ihr um dreizehn Uhr Milchreis gekocht hatte und Reste davon bei der Obduktion gefunden wurden.
01:22:46: Eine bequeme, aber fatale Schlussfolgerung.
01:22:49: Denn vor Gericht sagten zwei Oberkellner ihres Stammrestaurants Patrizia unter Eid aus dass Rosemarie Nitri Bit am neunzwanzigsten Oktober um einundzwanziger Uhr noch einen Filet-Stake mit Spinat verzehrt hatte.
01:23:03: Das Gericht ging letztlich davon aus das sie noch bis zum dreißigsten oktober um elf Uhr Vormittags am Leben war.
01:23:13: Sie dokumentierte ihre Transaktionen in Notizbüchern, in Briefen und in Quittungen.
01:23:20: Ihr Beruf war ein Bargeldgeschäft aber nicht ausschließlich.
01:23:24: Es gab Geschenke, Überweisungen und Warenkäufe auf Rechnung.
01:23:28: Heute würden Staatsanwälte mit einem Beschluss in der Hand Bankbewegungen rekonstruieren.
01:23:34: Telefonverbindungsnachweise der letzten seventy- zwei Stunden würden lückenlos dokumentieren wessen Telefon in der Nähe der Stiftstraße registriert gewesen wäre.
01:23:45: Zusätzlich können Kreditkartenbelege, Hotelregistrierungen oder digitale Kalender ausgewertet werden.
01:23:52: In der Bundesrepublik Deutschland des Jahres nineteenhunderts siebenundfünfzig schufen Bargeld und soziale Netzwerke eine Unsichtbarkeit die heute beinahe und denkbar ist.
01:24:03: Jedes Gerät hinterlässt eine Spur.
01:24:06: Jede Bewegung im öffentlichen Raum wird von Kameras erfasst.
01:24:10: Die Netzwerk-Meterdaten eines Smartphones liefern ein lückenloses Bewegungsprofil.
01:24:16: Zelle für Zelle, Minute für Minute Der Mörder wäre heute nicht unsichtbar Er wäre der sichtbarste Mensch in Frankfurt.
01:24:25: Der Kriminologe Diekim Rosmo entwickelte in den Neunzehnhundert neunziger Jahren einen mathematischen Algorithmus, dem Geographic Profiling Ansatz der aus der räumlichen Verteilung von Tatorten und den letzten bekannten Aufenthaltsorten eine Wahrscheinlichkeitszone für den Wohnort oder Aktionsbereich des Täters berechnet.
01:24:47: Denn die Stadt so Rosmo ist kein gleichförmiges Gewebe.
01:24:51: Sie pulsiert.
01:24:52: Sie hat ihre Arterien des Verbrechens, ihre dunklen Knotenpunkte und wiederkehrende Rhythmen.
01:24:59: Der Drogendealer bearbeitet sein Revier wie ein Kaufmann seinen Sortiment.
01:25:04: Die Prostituierte kehrt zu denselben Ecken zurück als würde sie ein stummes Abonnement bedienen.
01:25:10: Und der Einbrecher ist kriminologisch betrachtet ein Gewohnheitstier das seine Jagdgründe mit fast zoologischer Präzision selektiert.
01:25:20: Genau hier setzt das geografische Profiling an.
01:25:24: Eine investigative Methodik, die ich schlicht als die kriminologische Präzisionswaffe der modernen Ermittlungsarbeit bezeichnen würde.
01:25:33: Denn der Täter hinterlässt nicht nur DNA – er hinterläßt Geometrie!
01:25:38: Die Wohnung von Rosemarie Nitri Bitt in der Stiftstraße, die Basse, die sie frequentierte, die Hotels, in denen ihre Klienten residierten… Die Willen in Sachsenhausen und Westend sowie die Büros, in der Frankfurter Innenstadt.
01:25:54: Ein Rosmo-Algorithmus würde heute auf Basis dieser Datenpunkte einen geografischen Kern definieren.
01:26:01: Für das Frankfurt des Jahres nineteenhundertsiebenundfünfzig mit einem überschaubaren Stadtgebiet und einer komprimierten sozialen Elite wäre dieser Kern erschreckend präzise.
01:26:12: Ein Radius von vielleicht drei oder vier Kilometern würde wenige hundert Personen hervorbringen, die das Profil erfüllen.
01:26:20: Das Violent Criminal Apprehension Program des FBI und sein deutsches Equivalent Die Datenbank des Violent Crime Linkage Analysis Systems des BKA erfassen heute Tatmerkmale Modus operandi Opferprofile und Täterverhalten in einem zentralen System dass Querverbindungen automatisch erkennt.
01:26:42: Hatte Rosemarie's Mörder zuvor getötet?
01:26:44: War die Frankfurter Tat ein erstdelikt oder das erste bekannt gewordene Delikt.
01:26:51: In einer Zeit ohne Datenbankvernetzung blieben solche Muster unsichtbar.
01:26:55: Heute würde einen Match auf eine ähnlich gelagerte, ungeklärte Strangulation – wo auch immer in der Bundesrepublik sofort generiert!
01:27:05: Serientäter hinterlassen Muster, Muster hinterlassen Daten Und mit Daten können Täter überführt werden.
01:27:25: Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, sämtliche Technologien die ich eben grob beschrieben habe hätten nichts geholfen wenn das was nineteenhundertsiebenundfünfzig wirklich versagte heute immer noch versagen würde.
01:27:38: Es war kein Labor das im Fall Nitri-Bit scheiterte.
01:27:42: es war kein Mikroskop es war keine Analyse Methode.
01:27:46: Der Wille der Behörden, Männer aus dem Kreis der Mächtigen wirklich unter Druck zu setzen.
01:27:53: Der Willen der Justiz, Zeugen vorzuladen die übermittelverfügten eine Vorlage bei einem Vorgesetzten zu platzieren oder einen Anruf zu tätigen.
01:28:04: Der wille der Gesellschaft anzuerkennen das macht keine Immunität gegenüber dem Strafgesetzbuch begründet.
01:28:11: In Kapitel VI habe ich bereits das kriminologische Phänomen der strukturellen Straflosigkeit der Eliten beschrieben.
01:28:18: Es ist kein historisches Phänomene, es ist in seinen Mechanismen bedauerlicherweise zeitlos.
01:28:25: Forensisch nicht belegt aber historisch und sociologisch zwingend plausibel ist deshalb folgende These – Der Mörder von Rosemarie Nitri Bitsch starb ohne je ernsthaft befragt worden zu sein!
01:28:38: Er wurde geschützt von einer Mauer des Schweigens, doch diese Mauer hatte Risse.
01:28:43: In der Frankfurter Schwulenszene kursierte nach dem Freispruch von Heinz Polmann ein geflügeltes Wort das die ganze abgründige Wahrheit dieses Justiztheaters in einem einzigen Satz zusammenfasst Wenn man ihn verurteilt hätte dann hätte der Heinz gesagt wer es war.
01:29:03: Lassen sie diesen Satz auf sich wirken verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer.
01:29:09: Er bedeutet nichts anderes, als dass der Mann auf der Anklagebank den Warenmörder kannte.
01:29:15: Und das System wusste, dass er ihn kannte!
01:29:19: Polmans Freispruch aus Mangel an Beweisen war keine juristische Niederlage.
01:29:24: Er war ein stillschweigender Deal um die Elite vor dem Abgrund zu bewahren.
01:29:40: Die Leiche von Rosemarie Nitri Bitt wurde am Freitag, dem ersten November, an aller Heiligen gefunden.
01:29:49: Sie wurde vierundzwanzig Jahre alt.
01:29:52: In Ratingen bei Düsseldorf geboren wuchs sie nach dem Entzug des mütterlichen Sorgerechts als entwurzeltes Heim- und Pflegekind auf.
01:30:01: Erst später zog es sie nach Frankfurt, wo sie sich durch bewusste Inszenierung, Kalkül und das Erfüllen von Sehnsuchten in elitäre Kreise vorarbeitete die für ihre Herkunft eigentlich unzugänglich waren.
01:30:15: Sie war keine Heilige sondern ein von frühen Traumataar gezeichneter Mensch der mit den Mitteln überlebte, bewaffnet mit ihrer Sexualität als psychologischem Schutzmechanismus.
01:30:31: Das System, das sie benutzte und dass Sie benutzte ließ sie im Tod fallen wie es sie im Leben fallen liess.
01:30:38: Zu Lebzeiten blieb sie für die Elite im Kern ein käufliches Spielzeug und nach Ihrer Ermordung wurde sie durch Vertuschungstaktiken und ein beispielloses forensisches Versagen der Justiz ein zweites Mal entsorgt.
01:30:53: Die Forensik erinnert uns Jede Leiche erzählt eine Geschichte.
01:30:57: Die Leiche von Rosemarie Nitri Bitt erzählte eine Geschichte über die Wunden dieser Frau und eine Geschichte, über eine klaffende Wunde in der Gesellschaft, die tiefer saß und niemand versorgen wollte.
01:31:10: Ihr Mörder wurde nie verurteilt.
01:31:12: Sein Motiv wurde nie offiziell benannt.
01:31:16: Das schwarze Notizbuch soll keine wirklich brisanten Einträge gehabt haben Und so bleibt dieser Fall offen Nicht weil die Antworten fehlen, sondern weil die antworten unbequem sind.
01:31:29: Es gibt einen steinernen Zeugen der diese Unbequeme- lichkeit bis heute überdauert hat.
01:31:35: Lange Zeit sah es so aus als würde auch das letzte physische Relikt dieses Skandals unter dem Beton des modernen Frankfurts planiert werden.
01:31:44: Noch im Jahr zwei tausend sieben sah der Hochhausrahmenplan der Stadt vor das Appartementhaus in der Stiftstraße, vierunddreißig bis sechsunddreißig mit samt seiner originalen goldfarbenen Klingelanlage abzureißen und durch moderne Wohntürme zu ersetzen.
01:32:01: Doch die Geschichte lässt sich nicht so einfach auslöschen.
01:32:05: Im November zwei tausend dreizehn geschah etwas Bemerkenswertes.
01:32:10: Das Landesamt für Denkmalpflege stellte das Gebäude aus dem Jahr neunzehnhundert fünfundfünfzig offiziell unter Denkmalschutz.
01:32:18: Der damalige Frankfurter Bürgermeister Olaf Kunitz lobte die Rettung dieses markanten Nachkriegsbaus, doch die offizielle Begründung der Denkmalschützer spricht Bände.
01:32:29: Das Haus wurde nicht nur aus städtebaulichen Gründen geschützt sondern ausdrücklich auch deshalb weil es durch den Mord im Jahr nineteenhundertsiebenundfünfzig weit über Frankfurt hinaus zum Symbol wurde und sich die Bezeichnung als Nitri Bithaus erwarb.
01:32:46: Die Ermittlungen mögen im Sande verlaufen sein, Rosemarie Nitribit mag tot und ihr Mörder nie gefunden worden seien.
01:32:54: Aber der Tatort von damals ist heute ein offizielles Kulturdenkmal.
01:33:00: Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer wir klappen nun die Ermittlungsakten zu – doch nicht ohne ihnen vorher noch einen Sachverhalt zu vermitteln, der aus dem Innersten des damaligen Apparats stammt!
01:33:12: Jahrzehnte nach dem Mord spürte ein Journalist einen der ehemaligen Kriminalsekretäre der Frankfurter Mordkommission auf.
01:33:19: Ein alter Mann, mittlerweile eighty-four Jahre alt.
01:33:23: Die bloße Bitte um ein Interview raubte diesem pensionierten Ermittler noch immer mehrere schlaflose Nächte.
01:33:30: Er gestand – er hätte sicher einiges zu sagen wenn die Erinnerung daran nicht noch immer so schmerzhaft wäre!
01:33:37: Vor allem aber ließ er durchblicken, dass in der damaligen Mordkommission keineswegs jeder mit seiner fachlichen Meinung durchdringen konnte.
01:33:45: Ein unmissverständlicher Hinweis auf polizeiinterne Maulkörbe und Ermittler die von oben zurückgefiffen wurden.
01:33:52: Bevor der alte Mann am Telefon jedoch endgültig schwieg gab er für die Betrachtung dieses Falles noch einen einzigen geradezu gespenstischen Rat mit auf den Weg – ein Vermächtnis dass die ganze Fratze der Elite de Vianz auf den Punkt bringt.
01:34:08: Er sagte wörtlich, Seien Sie kritisch!
01:34:11: Seien sie superkritisch!
01:34:13: Es könnte alles auch ganz anders gewesen sein.
01:34:16: Ganz anders als in den offiziellen polizeilichen Vermutungen, ganz anders als es später das Gericht sah und vor allem ganz anders also ist der wählenden Öffentlichkeit und der besseren Gesellschaft der Adenauer Republik damals zuzumuten gewesen wäre.
01:34:34: Die Akte Rose Marie Nitri Bit ist geschlossen, doch die Wahrheit liegt noch immer irgendwo dort draußen begraben unter dem Beton des Wirtschaftswunders.
01:34:44: Damit endet der vierte und letzte Teil unserer Reihe über Rosemarinetribit.
01:34:49: Am Ende steht kein geschlossenes Urteil über das, was in der Stiftstraße thirty-six wirklich geschah.
01:34:54: Es gibt einen Mord es gibt Ermittlungen es gibt Verdächtige Spuren Widersprüche Prominente Namen Gerüchte Fehler und spätere Deutungen doch es gibt bis heute keine rechtskräftige Verurteilung eines Täters.
01:35:07: Heinz Christian Polmann wurde freigesprochen weil die Beweise nicht ausreichten.
01:35:11: Dieser Punkt ist entscheidend.
01:35:12: Ein Freispruch aus Mangel an Beweisen ist kein erzählerischer Nebensatz, er isst die juristische Grenze an der Spekulation enden muss.
01:35:20: Was bleibt ist Rosemarie, eine Frau die oft als Symbol benutzt wurde.
01:35:25: Für die Doppelmoral der nineteenhundertfünfziger Jahre, für den Glanz und die Härte des Wirtschaftswunders, für Sex, Geld, Macht und Geheimnisse – für die Angst einer Gesellschaft das hinter ihrer sauberen Oberfläche etwas sichtbar werden könnte, dass sie lieber verborgen gehalten hätte!
01:35:40: Doch hinter all diesen Bildern stand ein Mensch, eine junge Frau mit einer schwierigen Geschichte, und mit einem Leben das viel zu früh endete.
01:35:52: Vielleicht ist das die wichtigste Einordnung am Ende dieser Reihe?
01:35:56: Rosemarie Nitribit war nicht nur der Fall, der Skandal oder die Legende – sie war Rosemary!
01:36:02: Ich danke Dr.
01:36:03: Maximilian von Schattenreich vom Podcast jenseits der Beweise für diese intensive Kooperationen und euch fürs Zuhören, Mitdenken und dranbleiben über alle vier Teile hinweg.
01:36:13: Wir hören uns nächste Woche zur einer regulären Folge von Chronik Der Schatten wieder.
01:36:17: Danke, dass ihr heute mit uns durch die Schatten gereist seid und bleibt wachsam für die Geschichten hinter den
01:36:58: Geschichten.
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