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Rosemarie Nitribitt – Die Tür, der Tatort und das Versagen | Teil 2

Shownotes

Dies ist Teil 2 von 4 unserer gemeinsamen Reihe über Rosemarie Nitribitt.

Nachdem wir in Teil 1 auf Rosemaries frühes Leben, das Frankfurt der 1950er Jahre, ihren Aufstieg, ihre öffentliche Wirkung und das Bild der Frau im schwarzen Mercedes geschaut haben, führt Teil 2 direkt in den Fall hinein.

Wir sprechen über den 1. November 1957, den Fund in der Stiftstraße 36 und die ersten Eindrücke in Appartement 41.

Es geht um die Brötchentüten vor der Tür, den Pudel Joe, die überheizte Wohnung, den Zustand des Körpers und die Frage, warum schon die ersten Minuten und Stunden nach dem Öffnen der Tür so folgenschwer wurden.

Außerdem geht es um die Probleme am Tatort: fehlende Kontrolle, zu viele Personen in der Wohnung, veränderte Raumverhältnisse, frühe Pressepräsenz, mögliche Spurenverluste und eine Todeszeitbestimmung, die später große Fragen offenließ.

Dr. Maximilian von Schattenreich ordnet diese Folge aus forensischer Perspektive ein. Er spricht über rechtsmedizinische Grundlagen, die Grenzen der damaligen Ermittlungsarbeit, die problematische Spurensicherung, offene Fragen rund um mögliche Tatabläufe und die Frage, warum dieser Fall bis heute als Beispiel für ein schwer belastetes Ermittlungsverfahren gilt.

Triggerwarnung:

In dieser Folge geht es um Mord, Gewalt, Tod, Verwesung, rechtsmedizinische Details, Sexarbeit, gesellschaftliche Abwertung, mögliche Ermittlungsfehler und belastende Beschreibungen eines Tatorts. Bitte hört nur weiter, wenn ihr euch damit wohlfühlt.

Wenn euch diese Folge gefallen hat, folgt Chronik der Schatten gerne auf eurer Podcast-App und lasst eine Bewertung da. Damit helft ihr dem Podcast sehr und sorgt dafür, dass noch mehr Menschen die Geschichten hinter den Geschichten entdecken.

Schreibt mir eure Gedanken dazu gerne auf Instagram: @chronik.der.schatten_podcast

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Chronik der Schatten gibt es jetzt auch auf YouTube: https://youtube.com/@chronikderschattenpodcast?si=mg8Gh6OxOlf0EZgc

Kooperationspartner: Dr. Maximilian von Schattenreich Podcast: Jenseits der Beweise Instagram: @schattenreichs.spurensuche

Danke, dass ihr heute wieder mit mir durch die Schatten gereist seid.

Bleibt wachsam — für die Geschichten hinter den Geschichten.

Hinweis: Diese Reihe behandelt einen bis heute ungeklärten Fall. Gesicherte Fakten, spätere Darstellungen, offene Fragen und interpretierende Einordnungen werden in der Folge voneinander getrennt.

Danke, dass ihr heute mit mir durch die Schatten gereist seid. Bleibt wachsam – für die Geschichten hinter den Geschichten.

Musik-, Stimm- und Produktionsrechte Gesprochener Text, Stimme, Skript, Bearbeitung und Produktion dieser Episode liegen – soweit nicht anders angegeben – bei mir und Dr. Maximilian von Schattenreich vom Podcast „Jenseits der Beweise“.

Die Musik dieser Folge wurde von mir selbst erstellt. Verwendete KI-gestützte Musik und musikalische Elemente wurden mit Suno erstellt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag mir die entsprechende Nutzungslizenz vor.

Weitere verwendete Audioelemente, Sounds oder Medien stammen gegebenenfalls aus PowerDirector 365. Auch hierfür lag mir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die erforderliche Lizenz vor.

Alle Rechte an der konkreten Zusammenstellung, Bearbeitung und Einbindung in diese Episode liegen bei mir, soweit rechtlich zulässig und soweit nicht anders gekennzeichnet.

Quellen und weiterführende Literatur zu Teil 2:

  • Stiftung Haus der Geschichte / LeMO: Rosemarie Nitribitt – Biografie Grundlage für den Fund am 1. November 1957, die Brötchentüten vor der Wohnungstür, den Pudel, die Stiftstraße 36, die Gewaltspuren, die Ermittlungen, Heinz Pohlmann, die mediale Wirkung des Falls und die spätere Beisetzung des Schädels im Jahr 2008.
  • LVR / Portal Rheinische Geschichte: Jennifer Striewski: Rosemarie Nitribitt Wichtige Quelle zu Rosemaries Wohnung in der Stiftstraße 36, dem Auffinden der Leiche, der überhitzten Wohnung, den Problemen bei der Todeszeitbestimmung, den Kampfspuren, den vorhandenen Wertgegenständen, den prominenten Kontakten, dem Tonband, den Ermittlungspannen und der späteren Nachbeisetzung des Schädels.
  • LVR / Portal Rheinische Geschichte: Literaturangaben zu Rosemarie Nitribitt Enthält unter anderem Hinweise auf Helga Dierichs, Martina Keiffenheim, Wendelin Leweke, Christian Steiger und Bernd Ulrich als weiterführende Literatur zum Fall.
  • FOCUS Magazin: Akte Nitribitt: Was die Freier der feinen Gesellschaft ihrer Lebedame beichteten Ergänzende Quelle zu den später ausgewerteten Polizeiprotokollen, den Kontakten aus gehobenen Kreisen und den Ermittlungsakten rund um den Fall Nitribitt.
  • FOCUS Magazin: Akte Nitribitt: Was die Reichen und Mächtigen ihrer Lustdame beichteten Ergänzende Quelle zu den Aussagen und Alibis einzelner bekannter Kontaktpersonen, unter anderem Harald von Bohlen und Halbach.
  • Top Magazin Frankfurt: „Nitribitt-Haus“ in der Stiftstraße ist jetzt Kulturdenkmal Quelle zur späteren denkmalrechtlichen Einordnung des Hauses Stiftstraße 34–36 und zur Bedeutung des Gebäudes für die Frankfurter Nachkriegsgeschichte.
  • NCBI Bookshelf / StatPearls: Methods of Estimation of Time Since Death Hintergrundquelle zu rechtsmedizinischen Grundlagen wie Totenstarre, Totenflecken und der Schwierigkeit, den Todeszeitpunkt anhand postmortaler Veränderungen einzugrenzen.
  • NCBI Bookshelf / StatPearls: Algor Mortis Hintergrundquelle zur Leichenkälte und dazu, warum Umgebungstemperatur und äußere Bedingungen bei der Todeszeitbestimmung eine zentrale Rolle spielen.
  • NCBI Bookshelf / StatPearls: Evaluation of Postmortem Changes Hintergrundquelle zu frühen und späteren postmortalen Veränderungen, Verwesung und den Grenzen der Einordnung des Todeszeitpunkts.

Literaturhinweise:

  • Helga Dierichs: Rosemarie Nitribitt – Tod einer Hure, in: Helfried Spitra Hg., Die großen Kriminalfälle, München 2003.
  • Martina Keiffenheim: Edelhure Nitribitt. Die Rosemarie aus Mendig, Aachen 1998.
  • Wendelin Leweke: Gretchen und die Nitribitt. Frankfurter Kriminalfälle, Frankfurt am Main 1991.
  • Christian Steiger: Rosemarie Nitribitt. Autopsie eines deutschen Skandals, Königswinter 2007.
  • Bernd Ulrich: Rosemarie Nitribitt, in: Joachim Scholtyseck / Bernd Ulrich Hg., Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007.

Mein Mikro findet ihr hier: https://amzlink.to/az0fmj3oRmgSC

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Transkript anzeigen

00:00:03:

00:01:00: Hallo meine lieben Shadows, schön dass ihr wieder da seid.

00:01:03: Heute geht es weiter mit Teil zwei unserer vierteiligen Kooperation zwischen Mia, Antje von Chronik der Schatten und Dr.

00:01:09: Maximilian von Schattenreich vom Podcast jenseits der Beweise.

00:01:14: Im ersten Teil haben wir auf Rosemarine Tribitz Leben geschaut.

00:01:17: Auf ihre Herkunft, ihre schwierigen frühen Jahre, ihren Weg nach Frankfurt und auf den sichtbaren Aufstieg einer Frau die in der jungen Bundesrepublik auffiel – mit ihrem Mercedes, ihrem weißen Pudel, ihrer Wohnung an der Stiftstraße und einem Leben das von außen glanzvoll wirkte aber unter der Oberfläche sehr viel mehr erzählte!

00:01:36: Wenn du diesen Teil noch nicht gehört hast, hol das doch gerne erst noch nach und komm dann hierhin zurück.

00:01:42: Heute verändert sich der Blick.

00:01:44: Wir gehen an den Ort, an dem aus Rosemarys Geschichte ein Kriminalfall wurde.

00:01:48: In ihrer Wohnung in der Frankfurter Stiftstraße XXXIII.

00:01:51: Wir schauen auf das was am Tatort vorgefunden wurde – Auf die ersten Annahmen der Ermittler, auf die Todeszeitbestimmung und auf eine Spurensicherung, die aus heutiger Sicht viele Fragen offen

00:02:02: lässt.".

00:02:03: Dieser Teil ist wichtig, weil die späteren Zweifel am Fall nicht einfach irgendwo entstehen.

00:02:08: Sie beginnen sehr früh bei offenen Fenstern, bei fehlenden Messungen, bei Menschen, die die Wohnung betraten, bei Spuren, die gesichert wurden oder eben nicht mit der Sorgfalt behandelt wurden, die man sich in einem Mordfall wünschen würde.

00:02:25: Achtung Triggerwarnung!

00:02:27: In dieser Folge geht es um einen Mordfall, um den Fund einer getöteten Frau, um Gewalt, Tod und kriminalistische Details.

00:02:34: Bitte hört nur weiter wenn ihr euch damit wohl fühlt.

00:02:41: Teil zwei führt uns also mitten hinein in den Tatort – und in einem Ermittlungsverfahren das schon am Anfang Risse bekam.

00:03:18: Freitag der erste November Nach allem, was wir bis hierher verstanden haben nach den frühen Brüchen, nach dem harten Lernen von Rollen.

00:03:28: Nach dem Spiel mit Nähe und Macht endet diese Etappe in etwas das im Kern fast alltäglich wirkt eine Tür die nicht aufgeht.

00:03:37: Stellt euch diesem Moment im Treppenhaus vor!

00:03:39: Stiftstraße thirty-six Frankfurt am Main Innenstadt nahe Eschenheimer Turm.

00:03:45: Es geht um Apartment einviertzig in einem Neubau, in einer Stadt die sich noch immer mit Tempo und Nachdruck aus der Zerstörung des Krieges herausarbeitet.

00:03:55: Ein Haus wie dieses steht in den fünftiger Jahren für mehr als bloßes Wohnen – es steht für Moderne, für Komfort, für Fortschritt, für das Gefühl angekommen zu sein.

00:04:05: Pakett, Fahrstuhl, Fußbodenheizung, zentrale Lage – solche Details tragen in dieser Zeit eine Botschaft!

00:04:12: Wer hier wohnt, lebt sichtbar im neuen Westdeutschland.

00:04:16: Wer hier wohnt, Lebt mitten in Frankfurt des Wiederaufbaus – In einer Stadt die ihren Aufstieg zeigen will!

00:04:23: Ein Apartment-Haus dieser Art hat zugleich etwas Kühles.

00:04:26: Es bietet Exklusivität, Komfort, Distanz.

00:04:30: Menschen wohnen Tür an Tür und wissen oft erstaunlich wenig voneinander.

00:04:34: Man kennt Schritte im Flur, stimmen im Treppenhaus.

00:04:37: Vielleicht den Mantel eines Nachbarn – manchmal das Auto vor dem Haus!

00:04:41: Das eigentliche Leben dahinter bleibt oft unscharf.

00:04:44: In so einer Umgebung wirken kleine Abweichungen umso stärker.

00:04:48: Ein Detail, das anders ist als sonst kann auf einmal lauter werden als jedes

00:04:53: Gespräch.".

00:04:55: An diesem Nachmittag erscheint Erna Krüger, Rosemarine Nittribitz, siebenvierzigjährige Zugehfrau an der Wohnung.

00:05:02: Sie kommt weder als Ermittlerin noch als Sensationszeugin.

00:05:05: Sie kommt, weil es so verabredet ist.

00:05:07: Seit einigen Monaten hilft sie Rosemarie im Haushalt.

00:05:11: Dazu kommt offenbar auch ein persönlicher Kontakt über diese Arbeit hinaus.

00:05:16: Umso auffälliger ist für sie das sie seit Tagen nichts von Rosemarrie gehört hat.

00:05:21: Solche Menschen kennen die Rhythmen eines Haushaltes – sie wissen wann jemand vereist, wann verschlafen wird, wann eingekauft wird und wann etwas im Ablauf hakt!

00:05:30: Häufig braucht es dafür keinen großen Verdacht.

00:05:33: Es reicht das Gefühl, dass etwas aus dem Takt geraten ist.

00:05:37: Das erste was auffällt ist kein großer dramatischer Hinweis – es ist das kleine praktische Unnormale!

00:05:44: Vor der Wohnungstür liegen Brötchentüten die seit Tagen nicht hereingeholt wurden.

00:05:48: In späteren Darstellungen ist ausdrücklich von drei Tüten Die Rede.

00:05:53: Für Außenstehende mag das nebensächlich wirken.

00:05:55: Für jemanden der die Abläufe kennt, ist es ein Wahnsignal.

00:05:59: Rosemarie galt als Frau, die Dinge regelte.

00:06:01: Wer verreist bestellt Lieferungen ab?

00:06:04: Wer zu Hause ist holt sie hinein!

00:06:06: Wer verschleft reagiert irgendwann trotzdem.

00:06:09: Hier aber bleibt etwas liegen Sichtbar wiederholt über Zeit.

00:06:15: Aus der Wohnung ist außerdem der Pudl zu hören.

00:06:18: Joe Sein Jaulen verstärkt was die Brötchentüten bereits andeuten.

00:06:22: Ein Tier reagiert auf Abwesenheit unmittelbarer als Menschen.

00:06:26: Es kennt keinen Ruf, keine Fassade, keine gesellschaftliche Oberfläche – es kennt Hunger, Einsamkeit ausbleiben.

00:06:34: Dieser Laut im Hausflur hat deshalb etwas Unmittelbares.

00:06:38: Hinter dieser Tür fehlt etwas das da sein müsste.

00:06:42: Erner Krüger macht schließlich einen Nachbarn auf die Situation aufmerksam!

00:06:54: Ein Blick auf die letzten bekannten Stunden davor macht diesem Bruch noch schärfer….

00:06:58: In den polizeilichen Rekonstruktionen erscheint der neunzwanzigste Oktober nineteenhundertsiebenundfünfzig zunächst wie ein Tag, der noch erstaunlich gewöhnlich und banal wirkt.

00:07:09: Die Ermittlungsakten zeichnen ein detailliertes Bild.

00:07:12: Gegen ein Uhr nachts bringt Rosemarie ihren Mercedes zum Nachtdienst der Niederlassung.

00:07:18: Am Morgen gegen neun Uhr schickt sie Erna Krüger an die Wohnungstür weg.

00:07:22: Gegen dreizehn Uhr empfängt sie ihren Freund Heinz Polmann, der eine Portion Milchreis kocht.

00:07:28: Und gegen vierzehn uhr fünfundvierzig erscheint ihr letzter nachweisbarer Kunde – ein fünfzigjähriger Biedermann, der sich auspeitschen lässt!

00:07:36: Solche Details lösen keinen Fall – Sie markieren nur den letzten Punkt an dem Routine noch greifbar ist.

00:07:42: Aus einem Tag mit Besorgungen und Terminen wird rückblickend der letzte Tag, der noch halbwegs nach Alltag aussieht.

00:07:49: Im Haus kippt die Stimmung erst allmählich.

00:07:52: Niemand ruft in so einem Moment sofort Mord.

00:07:54: Niemand denkt zuerst in Schlagzeilen, Menschen hören hin!

00:07:58: Sie klopfen, sie fragen nach... ...sie versuchen jemanden zu erreichen.

00:08:03: Aus Unruhe wird langsam etwas anderes.

00:08:06: Irgendwann steht fest hier liegt mehr vor als eine kleine Störung im Ablauf.

00:08:11: Hier kann man nicht einfach wieder gehen.

00:08:14: Schließlich wird die Polizei verständigt.

00:08:16: Die Wohnung wird am späten Nachmittag geöffnet.

00:08:18: In den Rekonstruktionen tauchen dafür leicht unterschiedliche Uhrzeiten auf.

00:08:23: Häufig ist von etwa die Rede.

00:08:26: Andere Darstellungen setzen den eigentlichen Auffindungsmoment etwas später an.

00:08:31: Entscheidender als die exakte Minute, ist der Rahmen.

00:08:34: Es ist noch hell – es ist Alltag!

00:08:36: Kein nächtlicher Zugriff, kein dramatisch inszeniertes Geheimnis, keine dunkle Hinterhof-Szene.

00:08:43: Ein gewöhnlicher Freitag Nachmittag kippt innerhalb kurzer Zeit in einen Tatort.

00:08:48: Zwei Polizeihauptmeister, Heinz M. und Heinz G., lassen die Tür schließlich mithilfe eines Schlüsseldienstes

00:08:53: öffnen.".

00:08:55: Mit dem klicken des Schlosses verschiebt sich alles!

00:08:58: Bis eben war Rose Marie Nitribit eine Figur aus Bildern, aus Gerüchten, aus den Frankfurter Raunen – der Mercedes, die Pelze, die Hotelwelt, die zentrale Adresse… Die Männer, die man sich hinter den Geschichten dazudachte.

00:09:11: Mit dem Öffnen dieser Tür wird aus der Figur ein Fall.

00:09:14: Aus der Erzählung wird ein Raum.

00:09:16: Aus der Oberfläche wird eine Situation, in der plötzlich ganz andere Dinge zählen.

00:09:20: Luft, Temperatur Geruch Lage Spuren Zustände.

00:09:26: Das Wohnzimmer ist abgedunkelt.

00:09:27: die Beamten schalten zunächst das Licht an.

00:09:30: was ihnen entgegenschlägt ist zuerst Klima Hitze Eine Wärme die an einem November Tag nicht in diese Wohnung zu passen scheint.

00:09:38: Spätere Berichte sprechen davon dass die Fußbodenheizung lief und der Raum ungewöhnlich warm war.

00:09:44: Ein Fenster wird geöffnet, um überhaupt Luft hereinzulassen.

00:09:48: Dieser Schritt ist aus menschlicher Sicht sofort verständlich.

00:09:52: Aus kriminalistischer Sicht trägt er später zur Verwirrung bei.

00:09:55: Raumtemperatur, Körperzustand, Luftverhältnisse – all das zählt wenn man später eingrenzen will wann ein Mensch gestorben ist!

00:10:04: Fehlen saubere Messungen oder verändern sich Bedingungen früh wächst der Raum für Diskussionen.

00:10:10: Fast gleichzeitig ist da der zweite Eindruck…der Geruch.

00:10:14: Er sagt in Sekunden, was niemand ausführlich formulieren muss.

00:10:18: Das hier ist nicht eben erst geschehen!

00:10:20: Hier liegt Zeit im Raum – wie viel Zeit genau?

00:10:23: Darüber wird später gestritten.

00:10:25: Schon in diesen ersten Minuten ist aber klar dass der Tod nicht kurz zuvor eingetreten sein kann….

00:10:30: Dann fällt der Blick auf Rose-Marine Tripit.

00:10:34: Sie liegt im Wohnzimmer vor der Couch.

00:10:36: Mehrere spätere Darstellungen beschreiben sie auf dem Rücken.

00:10:39: Das linke Bein soll unter das Sofa geraten sein, das Rechte soll auf dem Sitzpolster gelegen haben.

00:10:46: Sie trägt ein antrazidfarbenes Kostüm – der Rock ist hochgerutscht, Nase und Mund sind blutverkrustet.

00:10:52: Am Hinterkopf befindet sich eine Platzwunde.

00:10:54: Am Hals finden sich deutliche Würgemale die bis in den Bereich des Dekoltees reichen.

00:11:00: Unter der Kopfverletzung liegt ein rosa farbenes Frottetuch.

00:11:04: Das Bild ist hart genug ohne Ausschmückung!

00:11:07: Hier liegt keine Frau, die friedlich gestorben ist.

00:11:09: Hier liegt ein Mensch an dem Gewalt sichtbar geworden

00:11:12: ist.".

00:11:27: Die Hitze im Raum hat den Körper bereits verändert.

00:11:30: Spätere Berichte zur Obduktion erwähnen sogar Fliegenlarven in den Nasenlöchern.

00:11:35: Solche Details stehen nicht für Effekthascherei – sie machen mit brutaler Klarheit sichtba das bereits Zeit vergangen war.

00:11:42: Jede Diskussion über Stunden oder Tage bekommt an diesem Punkt einen körperlichen Nüchtern kern.

00:11:48: Der erste Polizeibericht hält fest, dass kein Sexualdelikt vorliegt.

00:11:53: Auch dieser Punkt ist wichtig – er nimmt der Szene eine vorschnelle Deutung die man in einem Fall wie diesem viel zu leicht in den Raum werfen könnte.

00:12:01: Rosemarie liegt im Wohnzimmer ihrer Wohnung in einem Raum, der Teil ihres öffentlichen Auftritts gewesen war.

00:12:07: Die Wohnung gehörte zur Erzählung ihres Aufstieges.

00:12:10: Hier mitten in einer zentral gelegenen Neubauwohnung endet diese Erzählungen als Tötungsdelikt!

00:12:16: Der Kontrast braucht kaum zusätzlichen Kommentar.

00:12:21: Während der Blick auf den Körper fällt, fällt auch der Blick aus dem Raum.

00:12:24: Die Wohnung wird später nicht als ordentlich beschrieben.

00:12:27: Es ist von Unordnung die Rede Von Spuren einer Auseinandersetzung Von einem Zustand, der keinen ruhigen kontrollierten Eindruck mehr macht.

00:12:36: Das ist kriminalistisch bedeutsam weil der Raum damit mehr erzählt als nur den Fund einer Leiche.

00:12:42: Er erzählt von Bewegung und Konflikt von einem Geschehen, das kaum lautlos und kaum friedlich verlaufen sein dürfte.

00:12:50: Gleichzeitig passen andere Beobachtungen nicht sauber zu einem einfachen Deutungsmuster.

00:12:55: Wertgegenstände sollen sich noch in der Wohnung befunden haben – Schmuck, Pelze, andere sichtbare Luxusgüter.

00:13:02: Vieles was bei einem schnellen Zugriff nahelege ist offenbar noch vorhanden!

00:13:07: Der Raum spricht also zunächst nicht eindeutig für einen bloßen Raub als Tatmotiv.

00:13:13: Ganz geschlossen bleibt dieses Bild jedoch nicht.

00:13:16: Nach späteren Darstellungen soll Rosemarie erhebliche Bargeldsummen in einer Kassette im Wohnzimmerschrank aufbewahrt haben, gefunden wird am Ende nur ein Betrag von etwas mehr als twelvehundert Mark.

00:13:27: Diese Diskrepanz öffnet die Raubfrage wieder – obwohl der erste Eindruck in der Wohnung nicht klar in diese Richtung weist!

00:13:35: Für die Ermittler entsteht daraus früh ein Spannungsfeld.

00:13:38: Der sichtbare Zustand des Raumes spricht nicht ohne weiteres für einen einfachen Raubmord.

00:13:44: Das fehlende Bargeld macht ein solches Motiv aber weiterhin denkbar.

00:13:48: Eine Täterfrage beantwortet das nicht, fehlendes Geld kann auf einen möglichen Zweck hindeuten.

00:13:55: Wer tatsächlich in diesem Raum war sagt es noch nicht.

00:13:58: Joe der Pudel bekommt in diesen ersten Stunden noch eine zweite Funktion.

00:14:03: Er bleibt ein indirekter Zeitmarker.

00:14:05: er ist kein Zeuge im eigentlichen Sinn.

00:14:07: Sein Zustand und seine Situation machen wir doch sichtbar, dass die Abwesenheit nicht erst seit kurzer Zeit besteht.

00:14:14: In der Rückschau bleibt er deshalb im Fall präsent – seine Rolle liegt weniger in Symbolik als in der schlichten Tatsache das ein eingeschlossenes Tier, das Verstreichen von Zeit anders spürbar macht als jeder Gegenstand.

00:14:26: Bis hierher könnte das zynisch gesagt einen Fall bleiben wie ihn eine Großstadt Kripo öfter sieht….

00:14:32: Eine tote Frau Früh verortet im Rotlicht-Milieu ein möglicher Gewaltkonflikt, offene Motivlagen und einen Raum mit Unordnung.

00:14:41: Diese Schublade ist gefährlich – sie erzeugt Routine!

00:14:44: Routine senkt die Spannung, Routine schwächt den Impuls alles sofort maximal abzuschotten.

00:14:50: Rückwirkend ist häufig genau davon die Rede dass man den Fall in seinen ersten Stunden unterschätzt habe.

00:14:58: Dieser Zustand hält im Fall die Triebe allerdings nicht lange.

00:15:01: Früh wird klar, wer hier liegt.

00:15:03: Rosemarine Tribit ist in Frankfurt keine Unbekannte – sie ist Stadt bekannt als Bild, als Figur, als Gerücht und als Name.

00:15:12: In dem Moment verändert sich die Wohnung als Ort des Geschehens.

00:15:15: Aus einem privaten Raum wird ein Brennpunkt Mehr Beamte kommen ins Haus mehr Menschen bewegen sich durch Flur- und Treppenhaus mehr Augen richten sich auf diese Adresse.

00:15:26: Die Presse ist ebenfalls früh da Viel zu früh, wenn man es aus Sicht sauberer Ermittlungsarbeiten betrachtet.

00:15:33: Spätere Rekonstruktionen berichten das noch vor Beginn der eigentlichen Spurensicherung rund zwei Dutzend Personen die Wohnung betreten haben sollen.

00:15:41: Hinzu kommt der Umstand dass wegen des Geruchs geraucht worden sei und Zigarettenstummel aus dem Fenster geflogen sein Öffnet man Fenster, verändert Luftverhältnisse, trägt man zusätzliche Fasern, Sohlenabdrücke, Gerüche, Asche oder Stummel in einen Raum.

00:15:57: Dann macht man jeden späteren Versuch schwerer Zustände sauber auf den ursprünglichen Moment zurückzuführen.

00:16:03: Auf die Problematik dieses Tatorts – auf die frühen Versäumnisse und auf die Folgen für die Ermittlungen wird Dr.

00:16:10: Maximilian von Schattenreich im weiteren Verlauf noch ausführlicher eingehen!

00:16:15: An dieser Stelle zeigt sich das eigentliche Problem des Falles bereits in den ersten Stunden.

00:16:20: Ein Tatort lebt von Kontrolle, wer hinein darf wann jemand etwas berührt was sich verschiebt was dokumentiert wird welche Bedingungen festgehalten werden.

00:16:30: all das entscheidet später darüber ob aus Beobachtung belastbare Schlüsse werden.

00:16:35: Fehlt diese Kontrolle, entsteht ein zweiter Raum über dem eigentlichen Raum.

00:16:40: Der Raum aus Unsicherheit, aus nachträglichen Diskussionen und aus Rekonstruktionen, die nie ganz sicher auf festem Boden stehen!

00:16:48: Die Polizei legt die Tat dennoch zunächst auf den Nachmittag des neunzwanzigsten Oktoberfest.

00:16:53: Vor Gericht hält dieser Eingrenzung später nicht Stand.

00:16:57: Schon an diesem Punkt zeigt sich wie folgenschwer frühe Versäumnisse werden können.

00:17:02: Fehlen exakte Temperaturdaten verändert sich der Raum durch Lüften, bewegen sich zu viele Menschen durch die Wohnung vermischen sich ursprüngliche und spätere Spuren dann wird aus einer eigentlich zentralen Frage also wann ist sie gestorben?

00:17:17: keine Feststellung sondern ein Feld für Widerspruch.

00:17:20: Hinzu kommt die mediale Nähe die in diesem Fall schon vor dem Leichenfund nachweisbar ist.

00:17:26: Der Frankfurter Pressefotograf Miki Bonaka verfolgte Rosemarie Nitribit im Auftrag der Abendpost in den letzten drei Tagen ihres Lebens durch Frankfurt.

00:17:35: Am Auffindetag machte er die Kripo darauf aufmerksam, dass die Tote sehr wahrscheinlich Rosemarinitribit war.

00:17:42: Schon dieser Ablauf zeigt wie früh sich Polizeiarbeit und Berichterstattung in diesem Fall berührten.

00:17:47: Rosemari war bereits vor ihrem Tod ein beobachtetes Medienthema.

00:18:08: Vor dem Haus in der Stiftstraße sammelte sich sehr schnell die Öffentlichkeit.

00:18:12: Die Lage mitten in der Innenstadt wirkte dabei wie ein Verstärker.

00:18:16: Wege sind kurz, Beobachter und Journalisten rasch vor Ort – ein stadtbekannter Name verbreitet sich im wenigen Schritten durchs Umfeld.

00:18:24: Aus einem Leichenfund in einer Wohnung wird so fast sofort ein öffentlicher Vorgang!

00:18:29: Der Fall bleibt von Beginn an kein stiller Polizeifall hinter verschlossener Tür.

00:18:34: Die erste Frage liegt offen vor allen Wer hat sie getötet?

00:18:39: Die zweite Frage ist gefährlicher Wer war hier ein und ausgegangen?

00:18:45: Diese zweite Frage reicht weit über die Wohnung hinaus.

00:18:48: Sie führt in die Fassade einer Gesellschaft, die nach Außenstabilität, Disziplin und Sauberkeit zeigt, während sie gleichzeitig Räume braucht, indem genau das Gegenteil gelebt werden kann.

00:18:59: Sie führte eine Stadt, in der Diskussion Währung ist.

00:19:03: Sie fühlt in Kreise, in denen Namen ungern in derselben Zeile wie eine bestimmte Adresse auftauchen.

00:19:09: Damit wird der Tatort sehr früh auch zu einem möglichen Ort der Bloßstellung.

00:19:14: Von diesem Punkt an laufen zwei Prozesse parallel.

00:19:17: Der eine ist die Ermittlungsarbeit, die Ruhe, Sorgfalt, Abschottung und genaue Abläufe braucht.

00:19:22: Der andere ist die mediale Dynamik, die Tempo will – Bilder, Deutungen, Geschichten, Schlagzeilen.

00:19:29: Je schneller dieser zweite Prozess anspringt, desto größer wird die Gefahr dass er den ersten überlagert.

00:19:35: Das betrifft die öffentliche Wahrnehmung ebenso wie die ganz praktische Arbeit am Fundort.

00:19:40: Menschen gehen hinein und hinaus, Raumverhältnisse verändern sich, erste Annahmen verfestigen sich, spätere Diskussionen kreisen dann oft um Tatsachen, die vielleicht schon in den ersten Stunden unscharf geworden sind.

00:19:53: Hinzu kommt ein weiterer Druck – in einem Fall wie diesem Wächs der Wunsch nach Antworten schneller als die Möglichkeit sie sauber zu liefern!

00:20:01: Eine prominente Tote, eine zentrale Adresse.

00:20:05: Mögliche Kontakte in Kreise über die man gewöhnlich nur hinter vorgehaltener Hand spricht – all das erzeugt in Frankfurt einen Sog!

00:20:12: Dieser Sog betrifft Polizei, Presse und Öffentlichkeit.

00:20:16: Jeder will früh wissen was geschehen ist.

00:20:18: Kaum jemand kann zu diesem Zeitpunkt bereits belastbar sagen was sich wirklich in der Wohnung abgespielt

00:20:23: hat.".

00:20:24: Darin liegt eine der Besonderheiten dieses Falles.

00:20:27: Der Tatort ist von Anfang an mehr als ein Raum mit einer Toten, er isst Projektionsfläche für moralische Urteile und gesellschaftliche Neugier – für die Frage welche Männer dort ein- und ausgegangen seien könnten?

00:20:41: Für das Bedürfnis eine Geschichte schnell zu ordnen bevor die Fakten überhaupt bereitstehen!

00:20:46: Diese zweite Ebene beginnt nicht erst später.

00:20:49: Sie setzt in dem Augenblick ein, indem sich herumspricht wer in Apartment einviertzig gefunden

00:20:54: wurde.".

00:21:13: Was wir bis hierhin festhalten können ohne zu spekulieren ist hart genug.

00:21:17: Am ersten November nineteenhundertsiebenundfünfzig wird Rosemarinetribit in ihrer Wohnung in der Stiftstraße Sechsendreißig tot aufgefunden.

00:21:25: Vor der Tür liegen seit Tagen Brötchen-Tüten – In der Wohnung ist der Pudel Joe zu hören….

00:21:31: Der Raum ist überheizt!

00:21:32: Verwesungsgeruch liegt in der Luft.

00:21:35: Der Körper trägt deutliche Spuren von Gewalt, die Wohnung zeigt Hinweise auf Unordnung und Auseinandersetzung.

00:21:42: Früh greifen Menschen einen Tatort ein, der eigentlich maximale Kontrolle gebraucht hätte.

00:21:47: Zeitgleich springt die Öffentlichkeit auf einen Fall an, der weit mehr berührt als nur die Frage nach einem einzelnen Täter.

00:21:54: Hier endet dieses Kapitel.

00:21:56: nicht weil der Fall an dieser Stelle ruhiger würde – das Gegenteil ist der Fall!

00:22:00: Ab hier beginnt jener Teil der Geschichte, in dem sich zeigen muss ob Ermittlungen überhaupt noch eine Chance haben gegen Tempo, Gerücht, Öffentlichkeit und früher Felder anzukommen.

00:22:11: Sobald ein Ortesgeschehens in den ersten Stunden zur Bühne wird bekommt ein Fall seine zweite Geschichte.

00:22:17: Jene Geschichte die viele schon zu kennen glauben bevor überhaupt feststeht was wirklich geschehen ist.

00:22:24: An dieser Stelle gebe ich wieder ab an Dr.

00:22:26: Maximilian von Schattenreich.

00:22:46: Was sie in den kommenden Minuten hören werden, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer ist nicht nur die Geschichte eines Mordes.

00:22:54: Es ist die Anatomie eines forensischen Desasters.

00:22:58: Wir haben bisher gemeinsam die psychologischen Schichten dieser Tragödie freigelegt.

00:23:03: Anche hat uns durch die Kulissen der Wirtschaftswunderzeit geführt – durch die glänzende Oberfläche Frankfurts und die Brüchigkeit einer Biografie, die nie eine Chance hatte!

00:23:14: Wir haben die Frau im Mercedes kennengelernt und das Kind im Heim dahinter.

00:23:29: Was an diesem Tatort geschah oder vielmehr nicht geschah, ist aus rechtsmedizinischer Sicht eine Katastrophe von solchem Ausmaß dass man es Studenten im ersten Semester als Lehrstück für alles zeigen könnte was man niemals tun darf.

00:23:45: Der Fall Nitribit scheiterte Nichtanmangel der Motivation der Ermittler.

00:23:49: Er scheitete nicht an fehlenden Ressourcen.

00:23:52: er scheitert etwas weit aus Fundamentalerem An der Unfähigkeit, die elementarsten Prinzipien der forensischen Wissenschaft zu verstehen und anzuwenden.

00:24:03: Stellen Sie sich vor, sie betreten am zweiten November nineteenhundertsiebenundfünfzig das Institut für Rechtsmedizin der Johann Wolfgang Göte Universität Frankfurt am Main.

00:24:15: Der Geruch von Formalin und Desinfektionsmitteln liegt in der Luft, vermischt mit jenem anderen süßlich fauligen Hauch den keine Lüftung der Welt vollständig neutralisieren kann.

00:24:26: Auf dem Edelstahltisch liegt das was einst Rosemarie Nitribit war – hier beginnt bereits das erste Problem.

00:24:34: In Antjes Schilderungen haben sie gehört wie die Leiche aufgefunden wurde, in einem Raum der durch die Fußbodenheizung unnatürlich aufgeheizt.

00:24:44: Ein Fenster musste geöffnet werden, um überhaupt atmen zu können.

00:24:49: Der Geruch signalisierte unmissverständlich der Tod lag schon Tage zurück.

00:24:54: aber wie viele Tage?

00:24:56: Das ist die Kardinalfrage der Rechtsmedizin und genau hier beginnt das Versagen.

00:25:18: Lassen Sie mich nun präzise werden Denn was ich Ihnen jetzt berichten werde Ist nicht nur moralisch empörend Es ist handwerklich eine Katastrophe.

00:25:28: Die Todeszeitbestimmung verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer ist eine der ältesten und gleichzeitig heikelsten Aufgaben der forensischen Medizin.

00:25:38: Wenn ein Mensch stirbt, beginnt sein Körper sich der Umgebungstemperatur anzupassen.

00:25:43: Wir bezeichnen dies als Leichenkälte oder Algormortis.

00:25:48: Bei einer durchschnittlichen Raumtemperatur von etwa zwanzig Grad Celsius kühlt ein Körper ungefähr um null Komma fünf bis einen Grad pro Stunde ab Abhängig von Faktoren wie Körpermasse, Bekleidung und Luftzirkulation.

00:26:03: Das klingt einfach!

00:26:05: Und unter kontrollierten Bedingungen ist die Berechnungsformel relativ zuverlässig – doch im Fall Nitribit waren die Bedingionen katastrophal unkontrolliert.

00:26:15: Denn nun komme ich zu jenem Fehler der in seiner Kombination aus Dummheit und, wie ich vermute stiller Absicht kaum zu überbieten Die Leiche lag in einer Wohnung, die aufgrund einer durchlaufenden Fußbodenheizung erheblich aufgeheizt war.

00:26:33: In späteren Berichten ist von ungewöhnlich warm die Rede – von einer Temperatur, die deutlich über normale Raumverhältnisse hinausging.

00:26:41: Für jeden erfahrenen Rechtsmediziner und Kriminalbiologen ist dies bereits eine erhebrliche Erschwernis bei der

00:26:49: Todeszeitbestimmung.".

00:26:51: Doch stellen wir uns die forensisch entscheidende Frage, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer.

00:26:57: Wer drehte Anfang November die Heizung auf die höchste Stufe – obwohl es draußen wie die Wetterdaten jener Tage eindeutig belegen für die Jahreszeit außergewöhnlich mild-und warm war?

00:27:10: Rosemarie Nitribit war es mit Ansicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.

00:27:16: Hier blicken wir auf eine der unheimlichsten Sachverhalte dieses Falles!

00:27:21: Vieles spricht hier nämlich für eine forensisch hochgradig plausible These.

00:27:27: Womöglich blicken wir direkt in das eiskalte Kalkül des Täters!

00:27:32: Es ist absolut denkbar, dass der Mörder nach der Gewalttat einen brillanten rationalen Entschluss zur Spurenvernichtung fasste und die Fußbodenheizung voll auftrete.

00:27:43: Durch diese künstlich erzeugte drückende Hitze würde er die Leiche extrem schnell in den Zustand der Verwesung treiben.

00:27:51: Er hätte die Vollnisprozesse damit ganz bewusst beschleunigt, um die spätere Bestimmung des exakten Todeszeitpunktes massiv zu erschweren.

00:28:00: Wir werden niemals mit letzter Gewissheit sagen können ob es ein purer Zufall oder die eiskalte Absicht eines unentdeckten Mörders war.

00:28:10: Aber das Ergebnis bleibt dasselbe – Es wurde zu einer perfekt gestellten thermischen Falle und die Frankfurter Kriminalpolizei Sie tabte mit der Eleganz eines blinden Elefanten exakt in diese Falle hinein.

00:28:25: Als die ersten Beamten das abgedunkelte Wohnzimmer betraten, litten sie unerträglich unter der Hitze und dem beißenden Verwesungsgeruch der ihnen entgegenschlug.

00:28:35: Was taten die Ermittler also in ihrer Not?

00:28:39: Noch bevor auch nur ein einziger Rechtsmediziner die Raumtemperatur gemessen oder die Kerntemperature der Leiche festgestellt hatte, öffneten sie schlichtweg die Fenster weil es zu warm und zu stickig war.

00:28:53: Ein menschlich nachvollziehbarer Reflex und einen forensischer Kardinalfehler.

00:28:59: Man ließ die Novemberluft hereinströmen bevor die Temperaturmessungen abgeschlossen waren.

00:29:04: Mit einem einzigen scheinbar harmlosen Handgriff, dem Öffnen eines Fensterflügels wurde das thermische Gleichgewicht des Raumes zerstört.

00:29:13: Die Messdaten wurden wertlos.

00:29:15: Die Physik jene unbestechliche Stummezeugen wurde zum Schweigen gezwungen.

00:29:21: In einem überheizten Raum verlangsamt sich die Abkühlung des Körpers dramatisch.

00:29:26: Bei Raumtemperaturen von twenty-fünf, achtundzwanzig oder gar dreißig Grad Celsius Und wir wissen nicht, welche Temperatur tatsächlich herrschte kann die Abkühlung nahezu zum Stillstand kommen.

00:29:38: Der Körper behält seine Temperatur länger – Die üblichen Formeln werden nutzlos und ohne die exakte Raumtemperatur zum Zeitpunkt der Auffindung ist jede spätere Berechnung nicht mehr als eine Mutmaßung im dichten Frankfurter Smog.

00:29:54: Kommen wir zur Obduktion.

00:29:56: selbst Der Rechtsmediziner, der die Sektion durchführte, maß vorschriftsmäßig die rektale Körpertemperatur der Leiche.

00:30:05: Das ist Standardprozedur!

00:30:08: Die Kerntemperatur ist der zuverlässigste Indikator für den Abkühlungsprozess.

00:30:12: aber und hier schließt sich der Teufelskreis ohne die Umgebungstemperatur es dieser Wert forensisch wertlos.

00:30:21: Stellen Sie sich vor, sie finden eine Leiche mit einer Kerntemperatur von twenty-fünf Grad Celsius.

00:30:27: In einem normal temperierten Raum von zwanzig Grad würde das auf einen Todeszeitpunkt von etwa zwölf bis fünfzehn Stunden hindeuten.

00:30:36: Aber was wenn der Raum achtundzwanzig grad warm war?

00:30:40: Dann könnte der Tod auch vierundzwantzig, sechsunddreißig oder sogar achtundvierzig Stunden zurückliegen.

00:30:46: Die Temperatur ist keine absolute Größe Sie ist ein relatives Verhältnis.

00:30:52: Und dieses Verhältnis wurde im Fall Nitri Bit niemals etabliert, die Konsequenz war verheerend und wirkmächtig zugleich.

00:31:00: Die Polizei fixierte sich früh auf Dienstag den neunundzwanzigsten Oktober nineteenhundertsiebenundfünfzig am Nachmittag als Todeszeitpunkt.

00:31:12: An diesem Nachmittags war Heinz Polmann bei ihr gewesen.

00:31:15: Er hatte kein Alibi für diesen spezifischen Zeitraum Doch mehrere Zeugen wollten Rosemarie Nitri Bit am dreißigsten oder gar am einunddreißigste Oktober noch lebend gesehen haben.

00:31:28: Hätte die Leiche zum Zeitpunkt ihrer Aufwindung einen anderen thermischen Zustand aufgewiesen, hätte man die Fenster geschlossen gelassen und sauber gemessen dann hätte sich der Todeszeitpunkt möglicherweise um Stunden oder gar Tage nach hinten

00:31:41: verschoben.".

00:31:42: Die Implikation ist von erschütternder Tragweite.

00:31:45: Wäre sie am dreißigsten oder einunddreißigste Oktober gestorben, hätte Polmann einen Alibi gehabt und damit wäre auch die Frage nach den Aufenthaltsorten der Haralds, der Ernstels und der anderen Namen im Notizbuch mit forensischer Dringlichkeit für diesen erweiterten Zeitraum zu stellen gewesen.

00:32:06: Aber wenn man die Messbedingungen manipuliert durch das simple Aufreißen eines Fensterflügels, dann zwingt man die Physik zum Schweigen.

00:32:15: Man biegt die Zeit so lange bis sie ins vorgefertigte Narrativ passt.

00:32:20: Das ist keine Wissenschaft – das ist Roulette!

00:32:23: Forensisch nicht belegt aber kriminologisch zwingend plausibel ist die Frage War es Dummheit oder war es Kalkül?

00:32:32: Lassen Sie uns über die weiteren postmortalen Phänomene sprechen, denn der Körper ist mehr als nur Temperatur.

00:32:40: Er ist ein Buch geschrieben in der Sprache der Verwesung und dieses Buch lag offen vor den Ermittlern wenn sie nur gelernt hätten darin zu lesen.

00:32:50: Die Totenstarre Rigor Mortis ist ein weiterer klassischer Marker.

00:32:55: Nach dem Tod verkrampfen sich die Muskeln aufgrund biochemischer Prozesse beginnend üblicherweise zwei bis vier Stunden Postmortem.

00:33:04: Nach zwölf bis vierundzwanzig Stunden ist die Starre voll ausgeprägt und löst sich nach weiteren vierund zwanzig bis achtundvierzig Stunden wieder auf.

00:33:14: Auch hierbei handelt es sich um wertvolle Informationen, wenn man sie korrekt dokumentiert.

00:33:20: Wurde die Totenstarre bei Rosemarie Nitribit systematisch erfasst?

00:33:24: Welche Muskelgruppen waren betroffen?

00:33:27: War sie vollständig, partiell bereits in Auflösung?

00:33:31: Die Akten schweigen weitgehend.

00:33:33: Was wir wissen ist fragmentarisch und auch hier spielt die Temperatur eine Rolle.

00:33:38: In überhitzten Räumen beschleunigt sich die Verwesung – die Totenstare tritt schneller ein und löst sich auch schneller wieder auf.

00:33:47: Ein Körper der bei dreißig Grad liegt durchläuft diese Phasen in völlig anderen Zeiträumen als einer bei fünfzehn Grad.

00:33:55: Und erneut muss festgestellt werden, ohne Temperaturkontrolle kann die Bewertung des Rigor Mortis lediglich eine grobe Schätzung sein.

00:34:04: Die Totenflecken Livormortis entstehen durch die Senkung des Blutes nach dem Stillstand des Kreislaufs.

00:34:12: Die Schwerkraft zieht das Blut in die am tiefsten liegenden Körperregionen wo es sich in den Kapillaren sammelt und die charakteristischen violettrötlichen Verfärbungen erzeugt.

00:34:23: Diese Flecken sind in den ersten acht bis zwölf Stunden noch verschiebbar.

00:34:27: Dreht man den Körper, wandern sie.

00:34:30: Nach etwa zwölft Stunden fixieren Sie sich.

00:34:34: Wo lagen die toten Flecken?

00:34:35: bei Rosemarie Nitribit?

00:34:36: Sie wurde liegend aufgefunden auf dem Parkettboden vor der Couch.

00:34:41: Die Livores sollten dementsprechend an Rücken, Gesäß und Beinen ausgeprägt gewesen sein An den Stellen, die den Boden beziehungsweise die Couch berührten.

00:34:51: Waren Sie das?

00:34:52: Gab es Hinweise auf eine Umlagerung der Leiche, toten Flecken an atypischen Stellen die darauf hindeuten würden dass sie zunächst in einer anderen Position lag?

00:35:02: solche Details können entscheidend sein.

00:35:05: Sie können verraten ob ein Körper bewegt wurde, ob die Szene inszeniert ist.

00:35:10: doch auch hier ist die Dokumentation lückenhaft keine Fotografien der Livores aus verschiedenen Winkeln keine detaillierte Beschreibung ihrer Verteilungen und Intensität.

00:35:22: Und dann ist da die Verwesung selbst, der menschliche Körper ist nach dem Tod kein statisches Objekt.

00:35:28: er ist ein Ökosystem im Umbruch.

00:35:30: Bakterien zunächst jene aus dem eigenen Darm beginnen das Gewebe abzubauen Gase bilden sich Die Haut verfärbt sich Der Geruch intensiviert sich.

00:35:41: Diese Prozesse sind temperaturabhängig.

00:35:44: Bei Raumtemperatur verläuft die Frühverwesung relativ vorhersehbar, bei erhöhten Temperaturen explodiert sie förmlich.

00:35:51: In einem dreißig Gradraum kann ein Körper binnen achtundvierzig Stunden Anzeichen zeigen für die er unter normalen Bedingungen vier bis fünf Tage bräuchte und auch hier Ohne zu wissen, welche konkrete Temperatur der Raum hatte ist jede Einschätzung des Verwesungsgradens forensisch spekulativ.

00:36:12: Der Geruch von dem Anche bereits berichtete jener süßlich faulige Hauch, der die Beamten zum Lüften zwang, ist ein klarer Indikator für fortgeschrittene Decomposition.

00:36:23: Aber auf welchen Zeitrahmen bezogen?

00:36:30: Wir werden es nie mit Sicherheit wissen.

00:36:45: Kommen wir zu den Verletzungen selbst, denn hier verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer wird es nicht nur technisch sondern auch zutiefst menschlich

00:36:55: tragisch.".

00:36:56: Die Obduktion stellte Würgemale am Hals fest – das bedeutet Rosemarie Nitribit starb durch Strangulation.

00:37:04: Unter Strangulation versteht man in der Medizin und Forensik die gewaltsame Einwirkung auf den Hals die zu einer Beeinträchtigung der Atemwege oder der Blutgefäße führen kann.

00:37:17: Fachsprachlich wird dabei oft, basierend auf der Art der Krafteinwirkung zwischen verschiedenen Formen wie dem Erhängen, Erdrosseln und Erwirgen unterschieden.

00:37:27: Strangulation ist eine der intimsten Tötungsarten – sie erfordert Zeit mehrere Minuten und physische Nähe.

00:37:35: Es ist kein Schuss aus der Distanz, kein schneller Stich.

00:37:39: es ist ein Ringen Ein Kampf, ein langsames Erlöschen.

00:37:44: Für die forensische Analyse sind mehrere Details entscheidend – Die Art der Strangulationsmale.

00:37:50: Handelt es sich um Hand- und Fingerabdrücke?

00:37:53: Um Hinweise auf die Verwendung einer Ligatur also eines Seils, Kabels oder Gürtels?

00:38:00: Die Morphologie der Verletzungen kann Aufschluss über das Tatwerkzeug geben!

00:38:05: Die Symmetrie Sind die Spuren symmetrisch verteilt, was auf einen Wirken von vorne hindeutet oder asymmetrisch also von hinten oder seitlich zugeführt?

00:38:17: Die Begleitverletzungen.

00:38:19: Gibt es Abwehr Verletzung an Händen oder Unterarm, Kratzer am Hals der Täterin oder des Täters, die Spure unter den Fingernägeln des Opfers zurückgelassen haben könnten?

00:38:30: Diese Details sind nicht nur akademisch interessant.

00:38:33: Sie können ein Täter-Profil formen, sie können zwischen einem überlegten Mord und einem Affektdelikt unterscheiden.

00:38:40: Sie könnten verraten ob das Opfer überrascht wurde oder Zeit hatte zu kämpfen.

00:38:46: Und was finden wir in den Akten?

00:38:48: Würgemale!

00:38:49: Punkt Keine detaillierte Beschreibung der Morphologie, keine Fotodokumentation aus verschiedenen Winkeln mit Maßstab.

00:38:57: Keine Analyse der genauen Tiefe und Ausprägung.

00:39:01: Es ist als würde man sagen Der Patient hat Schmerzen ohne zu spezifizieren wo wie stark und welcher Art.

00:39:10: Was wir also gesichert wissen ist dass Rosemarie Nitribit mit bloßen Händen erwirkt wurde.

00:39:17: Zusätzlich zu den Würgemalen wird eine Kopfverletzung erwähnt, eine stumpfe Gewalteinwirkung.

00:39:23: Auch hier – was genau?

00:39:24: Eine Platzwunde, eine Impression des Schädels, ein Hemmatom?

00:39:29: Wie groß war die Verletzung?

00:39:32: An welcher Stelle des Schädels?

00:39:34: Frontal, parietal, oksipital?

00:39:38: Gab es Frakturlinien im Knochen, intrakranielle Blutungen?

00:39:43: Diese Fragen sind keine Spitzfindigkeit.

00:39:46: Sie sind der Unterschied zwischen, sie wurde geschlagen und sie wurde mit einem stumpfen Gegenstand von hinten niedergestreckt bevor sie erwirkt wurde.

00:39:56: Die zweite Aussage erzählt eine Geschichte.

00:39:59: die erste ist nur Lärm Und wenn wir den Spuren am Tatort aufmerksam zuhören verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer dann erzählt uns diese Kopfverletzung tatsächlich eine hochdramatische Geschichte.

00:40:13: Sie offenbart uns die exakte, grausame Biomechanik dieses Traumers.

00:40:19: Es war nämlich höchstwahrscheinlich keine geführte Schlagwaffe im Spiel – kein eiskalt geplanter Hieb mit einem Totschläger oder einem Schürhaken!

00:40:29: Es war die chaotische Kinetik eines eskalierenden Streits der plötzlich außer Kontrolle geriet.

00:40:35: Lassen sie uns den Tathergang rechtsmedizinisch rekonstruieren….

00:40:39: Rosemarie spürt in ihrem Wohnzimmer plötzlich die drohende Gefahr.

00:40:44: Panik steigt in ihr auf, sie dreht sich um, stürzt zur Hausbar und greift verzweifelt nach dem Hörer ihres cremfarbenen Siemens-Telefons um Hilfe zu rufen – doch Ihr Mörder will das um jeden Preis verhindern!

00:40:58: In den Bruchteil einer Sekunde, indem sie das Telefon greift, packt er sie von hinten brutal am Hals und reißt die zierliche Frau mit enormer Wucht zurück….

00:41:08: Das Telefon gleitet aus ihren Händen und fällt klappern zu Boden.

00:41:12: Rosemaris Körper verliert das Gleichgewicht, sie stürzt unkontrolliert rückwärts und ihr Hinterkopf schlägt mit der gesamten Wucht des freien Fals krachend auf die harte Kante einer Sessellehne auf.

00:41:24: Forensisch betrachtet ist der menschliche Schädel eine robuste Konstruktion doch die Kopfhaut ist ein extrem stark durchblutetes Gewebe.

00:41:33: Wenn Haut und Blutgefäße mit einer solchen kinetischen Energie zwischen dem harten Schädelknochen und der Holzkante eines Möbels eingekwetscht werden, platzen sie förmlich auf.

00:41:45: Die Folge ist eine tiefe rund drei Zentimeter große stark blutende Rissquetschwunde am Hinterkopf.

00:41:52: Der Schmerz muss in diesem Moment enorm gewesen sein bevor die Bewusstlosigkeit über Rosemarie hereinbrach.

00:42:02: Der Herzschlag der bewusstlosen Frau pumpte sofort dickes, dunkles Blut aus der klaffenden Wunde.

00:42:09: Es ran durch ihr blondes Haar und tropfte schwer auf das Stäbchenpaket hinab – nicht nur dorthin!

00:42:15: Das Blut tropfte auch direkt auf den Hörer des Telefons, der nun wie ein stummer blutüberströmter Zeuge ihres abgebrochenen Hilferufs auf dem Boden lag.

00:42:25: Doch die forensische Rekonstruktion dieses Kampfes endete nicht auf dem harten Stäbtchenpakett….

00:42:31: Wenn wir die Spuren richtig lesen, offenbart sich uns nun das absolute psychologische Profil des Täters und zwar in Form eines beinahe groteskfürsorglichen Details.

00:42:43: Während Rosemarie Nitribit bewusstlos und mit blutendem Schädel am Boden liegt, flüchtet ihr Angreifer nicht etwa in Panik – er setzt die Tötungshandlung auch nicht unverzüglich fort.

00:42:54: Stattdessen nimmt er sich die Zeit, die verletzte Frau vom Boden hochzuheben und sie auf die Couch zu

00:43:00: legen.".

00:43:01: Erst als Rosemarie auf der Couch wieder zu Bewusstsein kommt und sich erneut verzweifelt währt, eskaliert die Gewalt endgültig.

00:43:10: Der Mörder erwirkt sie mit bloßen Händen – sein lebloses Opfer rutscht daraufhin teilweise vom Sofa.

00:43:17: Nach diesem tödlichen Kampf legt der Mörde Rosemari ein rosafarbendes Frottierhandtuch unter die blutende Kopfwunde.

00:43:25: Lassen Sie diesen Akt einen Moment auf sich wirken!

00:43:28: Ein eiskalt planender Raubmörder, der nur auf ihre zwanzigtausend Mark aus ist, drapiert seinem Opfer kein weiches Handtuch unter den Kopf damit das Paket nicht verschmutzt oder sie weicher liegt.

00:43:40: Diese Geste ist ein immens wichtiger psychologischer Marker für den Forensiker.

00:43:45: Es ist die Signatur einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Affektat.

00:43:50: In dem Moment als Rosemarie leblos von der Couch rutschte muss der Täter einen tiefen Schock womöglich sogar Reue empfunden haben.

00:43:59: Vielleicht beugte er sich über sie, versuchte auf sie einzureden, glaubte in seiner Panik Sie sei nur verletzt.

00:44:07: und hier verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer stoßen wir auf das vielleicht umstrittenste Beweistück dieses Falles ein Objekt dass die Fantasie der Presse beflügelte und um das sich bis heute hartnäckige Legenden ranken.

00:44:24: Rosemarie Nitri Bitt besaß in ihrer bereits im Kapitel II erwähnten Luxusmusiktruhe ein gründig Tonbandgerät.

00:44:31: Als die Ermittler die Wohnung untersuchten, stellten sie fest dass das Gerät auf Aufnahme geschaltet war.

00:44:38: Hatte Rosemary das Kommen dieses speziellen Besuchers erwartet und sich derart gefürchtet dass sie heimlich Beweismaterial beschaffen wollte?

00:44:47: Wenn wir den offiziellen Ermittlungsprotokollen glauben, dokumentiert dieses rotierende Magnetband die Chronologie ihres eigenen Endes.

00:44:56: Die Aufzeichnung soll mit einem entfernten Gespräch an der Wohnungstür beginnen bei dem ein Cognac angeboten wird und dann soll das Band laut der polizeilichen Rekonstruktion das unaussprechliche festgehalten haben.

00:45:09: Dreimal hintereinander schreit eine panische Stimme die Worte Lass mich los oder lassen Sie mich los!

00:45:16: Dann bricht die Aufnahme plötzlich ab.

00:45:18: Das Band war jedoch nicht zu Ende gelaufen, jemand musste in der toten stillen Wohnung an die Musik truhe getreten sein und die Stopptaste gedrückt haben.

00:45:27: Es klingt wie der perfekte unumstößliche Beweis doch lassen sie uns hier absolut vorsichtig bleiben verehrte Zuhörerinnen und Zuhöre Denn die Geschichte dieser klaren dokumentierten Todesschreihe steht auf äußerst wackeligen Boden.

00:45:44: Die Akten offenbaren nämlich ein fatales Detail.

00:45:48: Rosemarie war in ihrer Eile einen Bedienungsfehler unterlaufen, sie hatte das Band falsch eingelegt weshalb die Aufnahmequalität massiv ruiniert wurde.

00:45:58: Was die spätere Erzählung oft als glasklares Tondokument ihres Endes verkaufte, war in Wahrheit ein miserabler akustischer Schatten – ein fragmentarisches Rauschen, in das man vieles hinein hören konnte wenn man es nur wollte!

00:46:14: Anstatt eines handfesten Beweises lieferte das Tonband am Ende nur einen weiteren Mythos, der im Chaos der Frankfurter Ermittlungen verhalte.

00:46:24: Lassen Sie uns zurückkehren zur Wohnung zu jenem Ort an dem nicht nur Rose Marie Nitri Bitt starb sondern auch jede Hoffnung auf eine saubere Aufklärung.

00:46:35: Antje hat es bereits angedeutet Der Tatort wurde kontaminiert massiv systematisch fast schon leerbuchmäßig falsch.

00:46:56: In der Forensik gibt es ein Konzept, das wir die Nullstunde nennen – jener Moment in dem der Tatort zum ersten Mal betreten wird.

00:47:04: Alles was danach geschieht ist eine Veränderung.

00:47:07: Jeder Schritt, jeder Atemzug, jede Berührung ist eine potenzielle Kontamination.

00:47:12: Deshalb gibt es Protokolle.

00:47:15: Deshalb gibts Absperrungen.

00:47:17: Deswegen gibt es die Anweisung so wenig Menschen wie nötig und kontrolliert wie möglich.

00:47:23: Doch was geschah in der Stiftstraße thirty-six?

00:47:27: Der Tatort glich einer Bahnhofshalle.

00:47:29: Was in den darauffolgenden Stunden passierte, lässt sich zwar mit dem kriminalistischen Begriff kontaminierter Tatort fassen – doch das übersteigt selbst diese nüchterne Kategorie!

00:47:41: Rund zwei Dutzend Menschen betraten die Wohnung noch bevor die Spurensicherung ihrer Arbeit überhaupt aufnahm.

00:47:48: Polizisten in schweren Stiefeln, Fotografen Journalisten, Schaulustige.

00:47:56: Jeder dieser Menschen trug Fasern hinein, trug fasern hinaus.

00:48:00: Jeder zerstörte Fußabdrücke veränderte die Position von Gegenständen für Unreinigte, die Mikrodiversität des

00:48:08: Raumes.".

00:48:09: In der modernen Kriminalistik ist der unberührte Tatort ein eingefrorener Moment der Zeit – Ein Zeuge, der nicht lügen kann!

00:48:17: Doch diese ersten Stunden in der Stiftstraße six und dreißig waren das Gegenteil.

00:48:22: Es war ein Tauwetter, das jeden Kristall der Wahrheit zum Schmelzen brachte.

00:48:27: Und in diesem Chaos verschwinden Dinge leichter – Notizbücher

00:48:31: z.B.,

00:48:32: Notiz Bücher die Namen enthalten, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen.

00:48:38: Ein Detail das Antje erwähnte verdient besondere Beachtung.

00:48:43: Beamte und Journalisten rauchten in der Wohnung um den Geruch zu übertünchen.

00:48:48: Zigarettenstummel wurden aus dem Fenster geworfen.

00:48:51: Aus rechtsmedizinischer Sicht ist das ein Super-Gau.

00:48:55: Zigarettenstummel enthalten DNA, Speichel, Lippenabdrücke – sie sind potenzielle Beweismittel oder eben Störfaktoren.

00:49:04: Nun stellen Sie sich vor, sie sind Ermittler und finden später einen Stummel auf dem Balkon.

00:49:10: Gehört er zum Täter?

00:49:12: Zu einem Besucher zu einem Polizisten?

00:49:16: Niemand weiß es weil niemand protokolliert hat wer wann wo geraucht hat.

00:49:21: Das Ergebnis, jede Spur wird zweifelhaft.

00:49:24: Jedes Indiz muss hinterfragt werden.

00:49:26: Der Tatort als Quelle der Wahrheit ist

00:49:28: kompromittiert.".

00:49:30: Dann gibt es dann noch die Episode mit der bereits von antie vorgestellten Zugehfrau Erna Krüger.

00:49:37: Wenn wir uns diese Frau und ihre Behandlung durch die Mordkommission ansehen bewegen wir uns von reiner Gedankenlosigkeit geradewegs in die absolute polizeiliche Ignoranz.

00:49:47: Erna Krüger war eine ehemalige Schauspielerin und stand in einem ungewöhnlich engen Verhältnis zu ihrer Chefin.

00:49:54: Doch dieses Verhältnis war kurz vor der Tat massiv eskaliert, nur einen Tag vor dem mutmaßlichen Mord zerbrach die Zugeefrau beim Putzen eine wertvolle Vase ein Geschenk des Krupperben Harald von Bohlen & Hallbach.

00:50:09: Rosemarie Nitri Bitt rastete völlig aus, beschimpfte sie als Diebin und warf sie aus der Wohnung.

00:50:16: Am mutmaßlichen Tattag selbst wurde Erna Krüger Zeugenaussagen zufolge nicht nur in einen heftigen Streit mit Rose Marie auf der Straße verwickelt, sondern tauchte später auch völlig aufgelöst zitternd und weinend bei Bekannten auf.

00:50:33: Im weiteren Verlauf der Ermittlung verstrickte sie sich permanent in Widersprüche, tauchten zeitweise ab und schickte der Polizei stattdessen bizarre Postkarten, unterzeichnet mit «die Unterprivilegierte».

00:50:46: Wir haben hier also eine Person mit legitimem Zugang zur Wohnung, einem handfesten frischen Motiv aus Wut- und Demütigung und einem hochgradig verdächtigen Verhalten zur Tatzeit.

00:50:59: Wurde sie als ernsthafte Tatverdächtige in die Mangel genommen?

00:51:03: Nein!

00:51:04: Die Ermittler verbuchten Sie offenbar schlichtweg als verwirrte Putzfrau.

00:51:09: Das absolute forensische Desaster ereignete sich schließlich direkt am Tatort.

00:51:14: Wie wir von Antje wissen, war es Erna Krüger gewesen der die gestapelten Brötchentüten vor der Tür aufgefallen waren.

00:51:21: Diese Brötchen hätten potenziell als enorm wichtiger Zeitmarker dienen können.

00:51:26: Wann wurden sie geliefert?

00:51:27: Wie frisch waren Sie

00:51:29: noch?!

00:51:30: Solche Details klingen banal sind in einem Fall mit unklarem Todeszeitpunkt aber goldwert!

00:51:36: Doch was tat die Frankfurter Polizei?

00:51:39: Sie ließ diese durchaus verdächtige Frau unfassbarerweise, unbehelligt noch einmal in die Wohnung.

00:51:46: Dort nahm Erna Krüger die aufgefundenen Brötchen an sich, verzehrte einfach einen Teil davon und vernichtete so vor den Augen der Ermittler ein elementares Beweismittel.

00:51:58: Böse Absichter-Ermittler war dies sicher nicht – aber pure Gedankenlosigkeit!

00:52:04: Und in der Forensik ist eine solche Gedankenlosigkeit schlichtweg tödlich für die Wahrheitsfindung.

00:52:10: Und als ob der Verzehr potenzieller Beweismittel durch die Putzfrau nicht bereits der Gipfel der Inkompetenz wäre, hielt dieser Tatort noch weitere beinahe surreale Akte der Spurenvernichtungen bereit.

00:52:25: Lassen Sie uns über Biologie sprechen!

00:52:27: Nicht über die der Leiche sondern über die des weißen Pudels der winselnd in der Wohnung eingesperrt war.

00:52:35: Ein Tier verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer besitzt eine unbestechliche physiologische Uhr, Der Verdauungstrakt eines Hundes stoppt nicht nur weil im Nebenzimmer ein Mord geschieht.

00:52:48: Die spärlichen Exkremente die der Pudel in seiner Not in der Wohnungen abgesetzt hatte waren ebenfalls forensisches Gold.

00:52:56: Der Feuchtigkeitsgrad, die beginnende Austrocknung und die bakterielle Zersetzung dieses Kurz hätten den Rechtsmedizinern einen exzellenten biologischen Zeitstempel geliefert um die Liegezeit der Leiche und damit den exakten Todeszeitpunkt massiv einzugrenzen.

00:53:13: Doch was geschah mit dieser sensiblen organischen Spur?

00:53:17: Sie wurde schlichtweg zermalmt!

00:53:19: Die unzähligen Polizisten, Fotografen achten nicht auf den Boden.

00:53:28: Sie traten achtlos in die Hinterlassenschaften des Hundes und verschmierten die Exkremente mit den groben Sohlen ihrer Straßenschuhe kreuz-und quer über das teure Paket, bis sie vollständig zertrampelt und forensisch wertlos waren – ein unersetzlicher biologischer Beweis degradiert zu Schmutz unter den Schuhen der

00:53:49: Ermittler.".

00:53:50: Das nächste Detail erscheint eher wie eine reine slapstickhafte Absurdität.

00:53:56: Wir bewegen uns nun von der Fahrlässigkeit direkt in die vollkommene polizeiliche Selbstsabotage.

00:54:02: Die Spurensicherung fand mitten im Wohnzimmer unweit der blutüberströmten Leiche einen Herrenhut.

00:54:09: In der Kriminalistik der Fünfziger Jahre war das ein regelrechter Hauptgewinn, Ein persönliches Kleidungsstück des Täters.

00:54:18: Die Ermittlungsmaschinerie lief sofort auf Hochtouren.

00:54:21: Der Hut wurde penibel untersucht und dem unbekannten Mörder zugerechnet.

00:54:26: Tage lang jagten die Beamten diesem textilen Phantom hinterher.

00:54:30: In den ersten ohnehin schon chaotischen Vernehmungen galten Männer, die bekanntermaßen Hutträger waren plötzlich als hochgradig verdächtigt und wurden entsprechend in die Mangel genommen.

00:54:42: Die Lösung dieses Rätsels offenbarte schließlich das ganze peinliche Ausmaß dieses forensischen Desasters.

00:54:49: Der Hut gehörte keinem eifersüchtigen Freier und keinem elitären Mörder.

00:54:54: Er gehörte dem Leiter der Mordkommission.

00:54:56: Der Chefermittler höchstpersönlich hatte seine Kopfbedeckung bei der ersten dilettantischen Begehung am Tatort abgelegt, schlichtweg vergessen und seiner eigene Abteilung tagelang das eigene Kleidungsstück jagen lassen.

00:55:10: Wir haben so eben über inkompetenz- und polizeiliche Slapstick-Einlagen gesprochen.

00:55:15: Doch das wahre, düstere Ausmaß dieses forensischen Desasters offenbart sich erst wenn die reine Gedankenlosigkeit in eine eiskalte aktive Vertuschung umschlägt.

00:55:26: Und genau das verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer geschah am Tatort noch während der Tote Rosemarie Nitri Bit auf dem Parkett lag!

00:55:36: Die ermittelnden Beamten begriffen nämlich sehr schnell, dass die Frau in dem antrazidgrauen Hauskostüm keine gewöhnliche Straßen prostituierte war sondern offensichtlich Zugang zu den allerhöchsten Kreisen der jungen Republik hatte.

00:55:49: Auf ihrem Musikschrank prankte unübersehbar ein Silberrahmen mit einem Porträtfoto.

00:55:54: Dazu stießen die Kriminalbeamten auf eine ganze Sammlung intimer Liebesbriefe, die allesamt von demselben Absender stammten.

00:56:02: Der Name, der über diesen Dokumenten schwebte war pures gesellschaftliches Dynamit.

00:56:07: Es handelte sich um Harald von Bohlen und Halbach, Spross der unfassbar mächtigen und reichen Gruppdynastie.

00:56:15: Was wäre in diesem Moment die absolute Pflicht eines jeden rechtschaffenden Kriminalisten gewesen?

00:56:21: Die akribische Beweissicherung!

00:56:24: Die lückenlose Dokumentation möglicher Motive im engsten Umfeld….

00:56:28: Doch was stattdessen passierte, gleicht einem beispiellosen Justizskandal.

00:56:34: Ein Kriminalsekretär griff nach dem Porträtfoto und der Briefsammlung und schaffte die Dokumente noch direkt in der Wohnung bei Seite.

00:56:41: Er handelte dabei nicht aus einem eigenen fehlgeleiteten Instinkt heraus sondern auf Ausdrückliches Geheiß seines Vorgesetzten des Leiters der Mordkommission.

00:56:51: Jener Mann, der seinen Hut vergas, vergaß keineswegs die Elite zu schützen….

00:56:56: Lassen Sie sich diesen Vorgang forensisch auf der Zunge zergehen.

00:57:01: Während sich in den Nasenlöchern der Toten bereits die Fliegenlarven sammelten, wurden ihre intimsten Verbindungen zum Geld und Machtadel dieses Landes buchstäblich in die Taschen der Polizei gesteckt und heimlich beiseite geschafft – diese hochbrisanten Liebesbriefe und das Fotoflossen niemals in die offiziellen polizeilichen Ermittlungen ein.

00:57:23: Es vergingen unvorstellbare, forty-fünf Jahre bis der längst pensionierte Kriminalsekretär diese unterschlagenen Dokumente schließlich einer Journalistin übergab.

00:57:33: Das verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer ist kein Ermittlungsfehler mehr – das ist nicht das Zertrampeln von Spuren aus purer Eile!

00:57:44: Das ist die chirurgische, bewusste Amputation der Wahrheit um die saubere Fassade der Mächtigen vor dem Schmutz des Tatorts zu bewahren.

00:58:03: Doch kommen wir zur Spurensicherung im engeren Sinne.

00:58:07: Fingerabdrücke sind der Klassiker der Kriminalistik.

00:58:11: Seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert wissen wir kein Mensch hat dieselben Papillaleisten wie ein anderer.

00:58:18: In einer Wohnung, in der regelmäßig Besucher ein- und ausgingen sollte es eine Vielzahl von Abdrücken geben.

00:58:24: An Türklinken, Gläsern, Flaschen, Möbeloberflächen.

00:58:29: Die Frage ist nicht gibt es Abdrücke?

00:58:32: Die Frage isst welche gehören zum Täter?

00:58:35: Und genau hier beginnt das Problem!

00:58:38: Um einen Abdruck als verdächtig zu identifizieren muss man wissen welche Abdrücke.

00:58:45: Man braucht Ausschlussabdrücke von allen Personen, die legitimen Zugang zur Wohnung hatten.

00:58:50: Der Bewohnerin selbst der Zugefrau bekannten Besuchern.

00:58:54: Wurden diese systematisch erhoben?

00:58:57: Die Quellenlage ist dünn aber was wir wissen ist es gab keine klare Trennlinie zwischen vor und nach der Auffindung.

00:59:07: Dutzende Menschen betraten die Wohnung bevor eine saubere Spurensicherung abgeschlossen war.

00:59:12: Das Ergebnis ein Fingerabdruckchaos, Hunderte von Abdrücken, von denen niemand mehr sagen kann wer sie hinterlassen hat und wann.

00:59:21: In den neunzehnhundertfünfziger Jahren gab es noch keine DNA-Analyse aber Faserspuren und Haare waren bereits bekannte Indizien.

00:59:31: Wurden Textilproben gesichert?

00:59:34: Haare des Täters gefunden?

00:59:37: Wenn ja dann wissen wir davon nichts.

00:59:39: Die Akten schweigen Und selbst wenn Ohne kontrollierte Tatortbedingungen ist die Zuordnung solcher Spuren nahezu unmöglich.

00:59:48: Ein Haar auf der Couch stammt es vom Täter, von einem früheren Besucher?

00:59:53: Von einem Polizisten, der sich hinsetzte um Notizen zu machen?

00:59:57: Wir werden es nie erfahren!

00:59:59: Kommen wir zum rechtsmedizinischen Gutachten selbst.

01:00:03: Ein solches Gutachten ist keine literarische Abhandlung.

01:00:06: Es ist ein juristisches Dokument formuliert in einer Sprache der Vorsicht und Präzision.

01:00:12: Begriffe wie vereinbar mit, nicht auszuschließen wahrscheinlich sind keine Schwäche.

01:00:20: Sie sind Ausdruck wissenschaftlicher Redlichkeit aber sie sind auch ein zweischneidiges Schwert.

01:00:28: Ein Gutachten das sagt Der Tod trat wahrscheinlich zwischen dem achtundzwanzigsten und dreißigsten Oktober ein ist ehrlich, aber für eine Gerichtsverhandlung ist es fatal.

01:00:40: Denn ein Verteidiger wird genau diese Unschärfe nutzen – er wird sagen wahrscheinlich.

01:00:46: das bedeutet nicht sicher und wenn es nicht sicher ist dann gibt es einen Zweifel.

01:00:56: Die Forensik kann nur so präzise sein wie die Daten, die ihr zur Verfügung stehen.

01:01:01: Und im Fall Nitribit waren diese Daten von Anfang an unvollständig kontaminiert chaotisch.

01:01:08: Das Gutachten konnte nur wiedergeben was übrig war und das war nicht genug.

01:01:15: Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer wir müssen an dieser Stelle einen Schritt zurücktreten und die größere Frage stellen Warum scheiterte die forensische Arbeit so fundamental?

01:01:27: War es Inkompetenz einzelner Beamter?

01:01:30: Teilweise sicherlich.

01:01:32: War es mangelnde Ausbildung?

01:01:34: Die forensische Medizin war damals noch nicht so entwickelt, wie wir sie heute kennen – aber es war auch etwas anderes, etwas Strukturelles!

01:01:44: Der Fall Nitribit wurde von Anfang an unterschätzt Nicht weil die Ermittler dumm waren, sondern weil sie sie in eine Schublade steckten.

01:01:53: Prostituierte Rotlichtmilieu – wahrscheinlich ein Zuhälter oder ein Freier.

01:02:00: Diese Vorverurteilung nicht juristisch, sondern mental führte zu einer Haltung der Routine.

01:02:07: Man behandelte den Fall nicht mit der Akribie, die man einem Mord an einer respektablen Bürgersfrau gewidmet hätte ….

01:02:15: doch Diese mentale Vorverurteilung ruinierte nicht nur den physischen Tatort, sie führte auch zu einem beispiellosen forensischen Profiling-Versagen.

01:02:24: Die Frankfurter Kriminalpolizei war blind für die tatsächliche greifbare psychologische Gefahr, die im Schatten dieses Milieus lauerte.

01:02:34: Ab Mitte Dezember,�nzehnhundertsiebenundfünfzig schoss man sich fast obsessiv auf den vorbestraften und chronisch pleitegegangenen Freund der Totenein Heinz Polmann.

01:02:45: Während die Ermittler diesen einen Mann jagten, ignorierten sie Alternativtäter deren psychologische Profile förmlich nach einer gewaltsamen Eskalation schrien.

01:02:55: Lassen Sie uns drei dieser ignorierten Phantome auf den Sektionstisch legen!

01:03:01: Da war zunächst ein fünfunddreißigjähriger Fernfahrer aus Offenbach.

01:03:05: Er verbrachte eine Nacht mit Rosemarie, zahlte fünfzig Mark in Bar und stellte ihr einen Check über weitere Fünfzig Mark aus.

01:03:13: Am nächsten Morgen gerieten die beiden in einen heftigen Streit, weil er die Wohnung nicht verlassen wollte und eine weitere Dienstleistung einforderte.

01:03:22: Nach dem unfreundlichen Rauswurf ließ der wütende Mann den Schek sperren um bedrohte Rose Marie am Telefon massiv.

01:03:30: Wenn sie gegen ihn vorgehe, werde er sich sein Geld persönlich zurückholen – ein handfestes dokumentiertes Drohmotiv!

01:03:39: Doch wie reagierte die Polizei?

01:03:41: Sie überprüfte sein Alibi für die Tatzeiträume des neunundzwanzigsten und dreißigsten Oktober nicht weiter.

01:03:48: Um, man höre und staune, die Ehe des Mannes nicht zu gefährden!

01:03:53: Die Tätersuche kapitulierte vor dem bürgerlichen Familienfrieden eines Freiers.

01:03:58: Dann betrachten wir den Fensterputzer – dieser Mann durfte bei seiner Arbeit im Schlafzimmer zusehen wie Rosemarie Nitribitt einen eiligen Kunden bediente, woraufhin er körperlich stark erregt wurde.

01:04:11: Doch statt zum Zug zu kommen, wurde er aus Zeitmangel Schroff weggeschickt.

01:04:15: Zuvor jedoch stahl er noch einhundertzehn Mark aus ihrer Kommode.

01:04:20: Hier haben wir eine klassische hochgradig explosive psychologische Mischung – massive sexuelle Frustrationen, Diebstahl, Zurückweisungen und Demütigung.

01:04:31: Wurde dieser Mann als potenzieller Täter ernsthaft in die Zange genommen?

01:04:36: Nein!

01:04:37: Und schließlich war da noch Wilfried, ein neunzehnjähriger Banklehrling und Arztsohn.

01:04:42: In modernen forensischen Begriffen würden wir ihn als klassischen Stalker bezeichnen.

01:04:47: Er beobachtete sie obsessiv, ließ ihr Nelken in die Wohnung schicken und gab später bei der Polizei sogar an ihre Haustür Schlüssel im Briefkasten gesehen zu haben.

01:04:57: Er wurde von ihr im Mercedes mitgenommen besuchte sie nachts wurde aber laut eigenen Aussagen letztlich von ihr hingehalten und abgewiesen.

01:05:06: Ein obsessiver Teenager, der in seinem Verlangen zurückgestoßen wird und Zugang zu ihren Schlüsseln gehabt haben könnte.

01:05:13: Doch das Alibi dieses jungen Mannes?

01:05:16: Es interessierte die Frankfurter ermittler schlichtweg nicht!

01:05:19: Und als ob ein wütender Freier einen frustrierter Dieb und ein obsessives Stalker nichts schon genug wären liefert uns die Akte noch ein viertes

01:05:27: Phantom.".

01:05:29: Ein Phantom, das uns direkt in den dunkelsten tödlichsten Kern des Frankfurter Bahnhofsviertels führt und dass völlige Versagen der Ermittler im Hinblick auf das organisierte Verbrechen demaskiert.

01:05:40: Wir wissen, dass Rosemarie Nitribit eine absolute gnadenlose Ausnahmeerscheinung in diesem Milieu war – sie arbeitete völlig autark ohne Beschützer und wirtschaftete hunderttausende Mark ausschließlich in die eigene Tasche.

01:05:55: Für die organisierte Unterwelt war eine derart erfolgreiche, unabhängige Frau ein rotes Tuch.

01:06:02: Die Unterlagen belegen zweifelsfrei das Rosemarie in den frühen nineteenhundertfünfziger Jahren einen Liebesverhältnis mit einem Stadtbekannten Frankfurter Barbesitzer und Zuhälter unterhielt – eine gefährliche Liaison aus der Vergangenheit.

01:06:17: Doch ausgerechnet wenige Tage vor ihrem brutalen Tod wurde sie wieder gemeinsam mit exakt diesem Mann gesehen!

01:06:24: Wir haben hier das absolute Paradebeispiel für einen tödlichen Miliekonflikt.

01:06:29: Eine hochgradig erfolgreiche ungeschützte Prostituierte trifft kurz vor ihrer Ermordung auf einen Zuhälter.

01:06:36: Das schreit nach Revierstreitigkeiten, nach Erpressung, nach blutiger Unterwerfung – doch was tat die Mordkommission mit dieser Hochbrisanten Spur?

01:06:47: Sie tat nichts!

01:06:49: Es gibt in den Akten nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sich die Ermittler auch nur im Ansatz für diesen Zuhälter interessierten.

01:06:56: Sie waren intern längst derart krampfhaft auf die bequeme Theorie des verschuldeten Einzeltäters Heinz Polmann fixiert, das sie die reale tödliche Gefahr aus der Unterwelt schlichtweg ausblendeten.

01:07:09: Wer derart massive Warnsignale und Eskalationsstufen im Täterprofil ignoriert, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, der ermittelt nicht.

01:07:19: Der verwaltet nur noch seine eigenen Vorurteile.

01:07:22: Und als dann klar wurde wer möglicherweise in dieser Wohnung ein- und ausgegangen war, als die Namen flüsterten, die niemand laut aussprechen wollte – da war es zu spät!

01:07:37: Die Zeitbestimmung war verschwommen, die Spuren waren kontaminiert und plötzlich stand man vor einem Fall der nicht mehr losbar war.

01:07:46: Nicht weil er unlösbar gewesen wäre sondern weil man die ersten entscheidenden Stunden verpfuscht hatte.

01:08:03: Wir haben nun ausgiebig über Spurenvernichtung, Ignoranz und elitäre Vertuschungen gesprochen Doch das absolute makabre Meisterstück staatlicher Hilflosigkeit offenbarte sich erst, als es an der Zeit war die sterblichen Überreste der Rosemarie Nitri Bit unter die Erde zu bringen.

01:08:21: Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer – die junge Frau, die im Leben so nachtrücklich versuchte durch Luxus- und Inszenierung ihr Gesicht zu wahren – durfte dieses Gesicht nicht einmal mit in ihr eigenes Grab

01:08:35: nehmen.".

01:08:36: Rose Marie Nitri Bitt wurde ohne ihren Kopf beerdigt.

01:08:40: Die Ermittler standen in der Rechtsmedizin vor jenem blutigen, gespaltenen Hinterkopf dessen Kinetik wir vorhin analysiert haben und mussten endgültig kapitulieren.

01:08:51: Weil sie trotz aller Bemühungen nicht mit letzter Sicherheit klären konnten wie exakt diese letalen Verletzungen am Schädel entstanden waren, griffen Sie zu einer rabiaten Maßnahme.

01:09:02: Der Kopf der vierundzwanzigjährigen wurde mit der anatomischen Säge vom Rumpf getrennt, präpariert in Formalien eingelegt zum amtlichen Asservat erklärt und kurzerhand einbehalten.

01:09:16: Im Frankfurter Kriminalmuseum zu Lehrzwecken hieß es um die Schädelfrakturen zu studieren sagten die Behörden.

01:09:25: Während ihr restlicher, sich zersetzender Körper am elften November nineteenhundertsiebenundfünfzig auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof bestattet wurde wanderte der Kopf der glamourösen Rosemarie Nitri Bitt in die kühlen Bestände des Frankfurter Polizeipräsidiums.

01:09:41: Jahrelang bewahrte man den abgetrennten Schädel dortauf mit der fast schon zynisch anmutenden Begründung dies Geschähe aus Gründen der Totenfürsorge.

01:09:52: Man versenkte ihn ganz profan in einem Milchglasbehälter.

01:09:56: Es wurde sogar noch bizarrer!

01:09:58: In den neunzehnhundertsechziger Jahren nutzte der damalige Frankfurter Kriminaldirektor Albert Kalk diesen Schädel beinahe wie eine Trophäe und posierte damit vor einem Fotografen der illustrierten Stern, wofür er sich immerhin einen Rüffel des Innenministeriums einfing.

01:10:15: Und heute?

01:10:16: Es brauchte unfassbare Fünfzig Jahre Ein halbes Jahrhundert der unwürdigen zur Schaustellung und der verzweifelten Proteste von Freunden und Angehörigen, bis diese Frau endlich ihre physische Vollständigkeit zurückerhielt.

01:10:31: Nachdem der Schädel jahrelang angehen in Kriminalbeamten als Makabris-Anschauungsobjekt diente – und das wohl aufregendste Exponat des im Jahr two-tausendzwei eröffneten Frankfurter Kriminalmuseums war – endete dieses Trauerspiel erst im Dezember zwei tausend

01:10:48: sieben.".

01:10:49: Denn dann bequemte sich die Frankfurter Staatsanwaltschaft endlich dazu, den Schädel offiziell freizugeben.

01:10:56: In einer stillen, fast schon verschämten Zeremonie unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde der präparierte Kopf am zehnten Februar im Jahr two-tausend acht schließlich zu ihren sterblichen Überresten auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof überführt und nachbeigesetzt.

01:11:12: Dort ruht sie nun endlich vollständig in jenem Reingrab Das bizarrerweise und obwohl das Liegerecht längst abgelaufen ist, auch nach über fünf Jahrzehnten noch immer existiert und gelegentlich von Fremden aus Mitleid gepflegt wird.

01:11:28: Doch diese späte Beisetzung verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer ist kein forensischer Triumph und keinen Akt der staatlichen Gnade – es war lediglich dass später leise Wegräumen des ultimativen Beweistücks einer totalen polizeilichen Kapitulation.

01:11:57: Ich stehe oft am Sektionstisch und halte inne, nicht aus Sentimentalität sondern aus Respekt vor der Tatsache dass der Körper vor mir eine Geschichte erzählen will.

01:12:08: Er spricht zu mir in der Sprache der Verletzungen, der Verfärbungen, den Temperaturen.

01:12:14: Er flüstert mir Geheimnisse zu die kein lebender Zeuge je preis geben könnte aber ich kann nur verstehen was er sagt wenn ich ihm zuhöre.

01:12:25: genau Geduldig?

01:12:27: Methodisch.

01:12:29: Im Fall Rosemarie Nitri Bit wurde nicht zugehört, man rannte durch den Tatort als wäre es ein Durchgangszimmer.

01:12:37: Man öffnete Fenster und ging nur um Komfort.

01:12:40: Man ließ Journalisten hinein, als wäre ist ein öffentliches Spektakel.

01:12:45: Und der Körper auf dem Paket?

01:12:48: Er sprach laut und deutlich aber niemand hörte zu.

01:12:53: Die Temperatur hätte erzählt, wann sie starb.

01:12:56: Die Totenflecken hätten erzählt, ob sie bewegt wurde – die Würgemale hätten erzählt wie der Täter sie angriff.

01:13:03: Aber all diese Geschichten blieben ungehört oder wurden so verstümmelt dass sie vor Gericht nicht mehr stand hielten.

01:13:11: Das ist die Tragödie hinter der Tragödie.

01:13:15: Rosemarie Nitribit wurde zweimal getötet einmal von ihrem Mörder Und ein zweites Mal von einem System, das es versäumte ihr Gerechtigkeit zu verschaffen.

01:13:27: Ein Fall kann noch so spektakulär sein die Verdächtigen noch so prominent – wenn die forensische Grundlage nicht stimmt wird die Wahrheit nie gefunden

01:13:36: werden.".

01:13:58: Wir haben heute gesehen, wie wichtig die ersten Stunden und Tage nach einem Verbrechen sind.

01:14:03: Was am Tatort passiert lässt sich später oft kaum noch korrigieren.

01:14:07: Spuren können verschwinden Eindrücke können sich verschieben Annahmen können zu festen Erzählungen werden obwohl sie auf unsicherem Boden stehen.

01:14:15: Im Fall Rose-Marie Nitribit wurde vieles früh kompliziert.

01:14:19: Die Todeszzeit war unsicher, der Tatort wurde aus heutiger Sicht problematisch behandelt – die Spurenlage blieb widersprüchlich.

01:14:26: und ausgerechnet in einem Fall, der schon damals enorme öffentliche Aufmerksamkeit bekam entstanden Lücken, die bis heute

01:14:32: nachwirken.".

01:14:34: Im nächsten Teil verlassen wir den Tatort im engeren Sinn und schauen auf das, was auf Papier blieb.

01:14:39: Namen, Termine, Notizenbriefe, Telefonnummern – und das berüchtigte Bild eines angeblichen Adressbuchs voller prominenter Kontakte!

01:14:48: Denn ab hier geht es auch um Macht, um Ruf, um Diskretion und um die Frage wie unterschiedlich Menschen behandelt wurden je nachdem welchen gesellschaftlichen Rang sie hatten.

01:14:58: Wir hören uns nächste Woche.

01:14:59: Danke dass ihr heute mit uns durch die Schatten gereist.

01:15:02: seid und bleibt wachsam für die Geschichten hinter den

01:15:41: Geschichten.

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